"Besser wenig Gutes als viel Mittelmaß"

23. September 2008, 19:24
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Anthony van Raan ist einer der Väter der Bibliometrie in Europa. Stefan Löffler sprach mit ihm über wissenschaftliche Publikationsstrategien, die Überbewertung von Zitierungen und den Kampf der Datenbanken

Standard: Was halten Sie davon, dass Wissenschafter ihre Erkenntnisse in immer kleinere Einheiten stückeln, um möglichst viele Publikationen herauszuschlagen?

Van Raan: Von der Bibliometrie wird man dafür bestraft, weil die mittlere Zahl der Zitationen pro Artikel sinkt. Und das ist es, was letztlich zählt. Wenig und gut zu publizieren ist also eine bessere Strategie als viel und mittelmäßig.

Standard: Wo findet die Bibliometrie Verwendung?

Van Raan: Der Hype ist momentan die Suche nach Exzellenz. Überall gibt es Leute, die von sich behaupten, Top-Forscher zu sein. Bei manchen stimmt es, mancher ist nur ein Lokalmatador. Mit Bibliometrie können Sie exzellente Forscher identifizieren, die nicht wie ein wissenschaftlicher Gorilla herumlaufen und sich selbst auf die Brust trommeln. Das gilt besonders für jüngere und bescheidenere Leute. Bibliometrie relativiert die Leistung der alten Machthaber.

Standard: Bei den Wissenschaftern genießt Ihr Fach allerdings keinen guten Ruf.

Van Raan: Viele glauben, dass wir alle Disziplinen über einen Kamm scheren. Dabei legen wir jeweils dem Fach angemessene Maßstäbe an, denn Zitationen zum Beispiel oder Impact-Faktoren sind von Disziplin zu Disziplin verschieden. Schon in unserem ersten Forschungsprojekt vor über zwanzig Jahren haben wir die Unterschiede zwischen den Publikationsgewohnheiten untersucht.

Standard: Wo sind die größten Feinde der Bibliometrie?

Van Raan: In den Geisteswissenschaften, weil in vielen Bereichen Zeitschriften eine geringere Rolle spielen als Bücher und Buchkapitel. Die sind aber im Web of Science, der größten bibliometrischen Datenbasis, die knapp 9000 Wissenschaftsjournale im Detail auswertet, nicht erfasst.

Standard: Gibt es überhaupt Wissenschafter, die Ihre Arbeit schätzen?

Van Raan: Unter Naturwissenschaftern ist die Akzeptanz gut. In der Medizin ist die Bibliometrie vielleicht sogar schon wieder zu populär.

Standard: Wie das?

Van Raan: Weil die Leute"quick and dirty" eigene amateurhafte Analysen anstellen. Das ist gefährlich, weil die Impact-Faktoren der Zeitschriften fehlerhaft sind. Sie berücksichtigen nur Zitate binnen zweier Jahre nach einer Publikation. Man müsste mindestens vier bis fünf Jahre erfassen.

Standard: Die Qualität der Impact-Faktoren ist nicht Ihre einzige Kritik am Web of Science, das sich im Besitz des Medienmultis Thomson Reuters befindet. Stimmt es, dass Mitarbeiter von Ihnen nichts anderes tun, als Fehler im Web of Science zu korrigieren?

Van Raan: Für die bibliometrische Auswertung gab es keine andere Datenquelle. Thomson war ja Monopolist. Aber nun werden sie sich stärker anstrengen, weil es mit Scopus, der Zeitschriftendatenbank des Wissenschaftsverlags Elsevier, einen Mitbewerber gibt. Von Web of Science und von Scopus kriegen wir die Basisdaten. Bei Google Scholar, der dritten wichtigen Datenbank für wissenschaftliche Publikationen, weiß dagegen keiner, wie die Daten zustande kommen.

Standard: Erwarten Sie, dass Google Scholar Informationen gegen Bezahlung anbieten wird?

Van Raan: In ein paar Jahren sicher. Google Scholar öffnet dank der Erfassung der Buchreferenzen für die Sozial- und besonders die Geisteswissenschaften interessante Perspektiven.

Standard: Also gibt es bald drei Firmen, die der Wissenschaft Informationen über deren eigenen Output teuer verkaufen. Warum tun sich die Wissenschaftsorganisationen nicht zusammen, um die Daten selbst zu generieren?

Van Raan: Als Thomson Reuters noch Monopolist war, wurde bei der Europäischen Kommission diskutiert, dass die Daten nicht kommerziell, sondern öffentlich sein sollten.

Standard: Ist das erledigt, seit es mit Scopus einen europäischen Anbieter gibt?

Van Raan: Als Eugene Garfield vor fünfzig Jahren den Science Citation Index erfand, der die Basis des Web of Science ist, stand dahinter ein empirisches Prinzip. Man wollte wissen, ob wissenschaftliche Zeitschriften von anderen Zeitschriften über einer bestimmten Schwelle zitiert werden. Bei Scopus ist es anders. Da stand von Beginn an die Überlegung dahinter, China zu erobern. Das ist ein gewaltiger Markt mit sehr vielen Zeitschriften, auch immer mehr englischsprachigen, die in unser System drängen.

Standard: Kürzlich wurde bekannt, dass China bei den Publikationen schon die Nummer zwei nach den USA ist.

Van Raan: In der Produktion ja, aber nicht im Impact, also bei den Zitierungen. Die chinesischen Publikationen nehmen exponentiell zu, aber das ist angesichts der Zunahme der chinesischen Forscher auch zu erwarten. Legt man den globalen Impact bei eins, stehen Europa und Nordamerika bei 1,2 bis 1,3, China nur bei 0,7 bis 0,8.

Standard: Was kann Bibliometrie noch aufdecken?

Van Raan: Wie sich das wissenschaftliche Wissen ausbreitet. Wertet man aus, wo und wann die Arbeit einer Forschungsgruppe zitiert wird, stellt man mitunter fest, dass im eigenen Land nichts mit diesen Ergebnissen passiert, dafür aber in Japan oder China.

Standard: Es gibt also Länder, die weniger Wissenschaft produzieren als rezipieren?

Van Raan: Genau. In Japan war die erste Phase der wissenschaftlichen Expansion davon geprägt, zu absorbieren, was im Westen passierte. Wir wollen jetzt untersuchen, wie Chinesen die Forschungsergebnisse aus dem Westen verwenden, was die zitierenden Gruppen selbst leisten und wie sich ihr Impact entwickelt.

Standard: Warum interessieren sich zunehmend Unternehmen für bibliometrische Analysen?

Van Raan: Wegen der sogenannten Science Maps, die Entwicklungen in Fachgebieten aufzeigen und Prognosen ermöglichen. Die Methodologie gibt es seit fast zwanzig Jahren, aber das Interesse ist neu. Besonders in den USA sind jetzt einige Gruppen dabei, Produkte zu entwickeln.

Standard: In den Niederlanden ist die Bibliometrie traditionell sehr stark. Hat das eigentlich auch zur Internationalität der Forschung beigetragen?

Van Raan: Das hat eher sprachliche Gründe. Das deutsche Sprachgebiet ist fünfmal größer als das niederländische, und zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Deutsch die wichtigste Wissenschaftssprache. In den Sozialwissenschaften und den klinischen Fächern wird viel auf Deutsch publiziert. Viele dieser Zeitschriften sind im Web of Science aufgenommen, sodass diese Publikationen mitgezählt werden. Aber weil außerhalb des Sprachgebiets kaum jemand diese Aufsätze lesen kann, haben sie einen niedrigen Impact-Faktor, sodass die wissenschaftlichen Leistungen aus Deutschland oder Österreich systematisch unterschätzt werden. Der Effekt ist ungefähr 25 Prozent, also wirklich erheblich. In unserem Ranking rechnen wir die deutschsprachigen Publikationen jetzt heraus. Nach dieser Bereinigung rücken die deutschen und österreichischen Unis eindeutig nach oben. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.9. 2008)

WISSEN: Bibliometrie

Die statistische Analyse wissenschaftlicher Publikationen gewinnt in der Forschungsplanung immer stärker an Bedeutung. Die Ursprünge des Fachs liegen in den 1960er-Jahren. Eugene Garfield gründete damals in Philadelphia das Institute for Scientific Information, das ab 1963 den Science Citation Index erstellte und Journal-Impact-Faktoren ermittelt.

Errechnet werden die Impact-Faktoren (IF) einer Zeitschrift dadurch, wie oft ihre Artikel in den nächsten zwei Jahren zitiert werden: je mehr Zitierungen pro Artikel, desto höher der IF. Den höchsten haben zurzeit die Magazine Nature und Science mit rund 30. Nach den Naturwissenschaften wurden ab 1973 die Sozialwissenschaften und ab 1978 die Geisteswissenschaften mit einem jeweils eigenen Index erfasst. Alle Daten sind mittlerweile im Web of Science vereint, das von Universitäten und Forschungseinrichtungen in aller Welt abonniert wird. Als Garfield 1992 in Pension ging, wurde das Institute for Scientific Information vom kanadischen Informationsdienstleister Thomson aufgekauft. (stlö)

  • Bei Zitationsanalysen stellt man mitunter fest, dass im eigenen Land
nichts mit den Ergebnissen passiert, aber dafür in Japan oder China.
    foto: standard/hendrich
    Foto: Standard/Hendrich

    Bei Zitationsanalysen stellt man mitunter fest, dass im eigenen Land nichts mit den Ergebnissen passiert, aber dafür in Japan oder China.

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