Erste Straßenbahnlenkerin tritt Dienst mit Kopftuch an

24. September 2008, 10:05
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24-jährige Muslimin tritt in vier Wochen Dienst an

Wien - Dass eine Frau eine Straßenbahn, einen Bus oder eine U-Bahn ebenso so gut lenken kann wie ein Mann, darf in Wien als bewiesen gelten: Unter den 2908 Arbeitnehmern im Fahrdienst der Wiener Linien waren im Jahr 2007 immerhin 275 weiblichen Geschlechts. Nun jedoch stehen die Öffis in der Bundeshauptstadt vor dem nächsten personellen Veränderungsschritt: In drei bis vier Wochen wird die erste muslimische Kopftuchträgerin eine Wiener Straßenbahn lenken, dem Vernehmen nach von einer Remise in Wien-Ottakring aus.

Derzeit befinde sich die 24-jährige Kollegin in der letzten, praxisnahen Phase ihrer Ausbildung, erläutert Sandra Stehlik von den Wiener Linien. Schon zu ihrem ersten Bewerbungsgespräch sei die in Istanbul geborene Frau mit österreichischer Staatsbürgerschaft mit Kopftuch gekommen. Und habe betont, dass sie dieses aus religiösen Gründen auch im Fahrerhaus einer Straßenbahn nicht abzulegen gedenkt. Ihr privates Tuch, wohlgemerkt: „Teil der Uniform ist es natürlich nicht", sagt Stehlik.

Da die Bewerberin allen Anforderungen für den Job entsprochen habe, sei gegen das Kopftuch nichts einzuwenden gewesen, betont Stehlik. Seit im Jahr 2004 eine Verordnung außer Kraft gesetzt wurde, die Öffi-Lenkern das Tragen einer Dienstkappe vorschrieb, gebe es hier „keinerlei Einschränkungen" mehr. Davor war etwa einem Sikh, der Fahrer werden wollte, das Tragen seines Turbans untersagt worden.

Zustimmend reagiert Monika Groser von der Gleichbehandlungsanwaltschaft. Diese sei ein „wichtigen positives Signal, wie sich die Dinge weiterentwicklen sollen". Nämlich, „dass das Kopftuch der Musliminnen als religiöses Symbol in Österreich, wo Religionsfreiheit besteht, auch am Arbeitsplatz zu akzeptieren ist" - im öffentlichen Bereich wie im privatwirtschaftlichen. Das Thema, so Groser, sei „derzeit offenbar besonders umstritten". Pro Woche erreichten sie „durchschnittlich zwei Beschwerden von Frauen, denen Arbeitgeber das Kopftuchtragen untersagen wollen".

FP-Schock

Verbotsgedanken wälzte am Dienstag auch Eduard Schock, Klubobmann der Wiener FP: Österreich sei „kein muslimisches Land, strenggläubige Moslems haben sich an unsere Lebensweise anzupassen und nicht umgekehrt", meint er. Besagte Straßenbahnlenkerin dürfe ihr Kopftuch wohl nur aufgrund einer Ausnahmegenehmigung von Bürgermeister Michael Häupl im Dienst aufbehalten: Eine Behauptung, der man im Büro des Bürgermeisters widerspricht. (Irene Brickner, DER STANDARD Printausgabe, 24.09.2008)

 

 

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