"Eine Schönheits-OP ist kein Friseurbesuch"

23. September 2008, 15:04
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Immer mehr immer jüngere Frauen legen sich für die Schönheit unters Messer – eine alarmierende Entwicklung, findet Frauenministerin Heidrun Silhavy

"Es handelt sich um einen kleinen, unkomplizierten Eingriff, der häufig und schnell durchgeführt wird." Frauenministerin Heidrun Silhavy liest die Werbeanzeige einer Homepage vor, die sie vor kurzem im Internet entdeckt hat. Diese Homepage veranlasste sie auch dazu, am Dienstag eine Pressekonferenz zum Thema "Problematik von Schönheitsoperationen bei jungen Frauen" zu geben. Denn ein Institut für Schönheitskorrekturen bewirbt auf dieser Seite ihr neuestes Angebot: Schamlippenkorrekturen.

"Ich war sehr irritiert über die Formulierung auf dieser Homepage. Es klingt so selbstverständlich und harmlos, als würde man fürs Haarefärben werben. Weltweit versucht man, gegen Beschneidungen an Frauen zu kämpfen, und hier wird so etwas zum Modetrend gemacht."

Blühendes Geschäft

Der Wunsch nach Attraktivität ist nichts Neues, und immer mehr Frauen sind bereit, sich einer Operation zu unterziehen, um ihr Ideal zu erreichen. Das Geschäft mit der Schönheit ist milliardenschwer - in den USA beträgt das Marktvolumen fünfzehn Milliarden Dollar jährlich, in Brasilien 2,4 Milliarden. In Österreich legen sich über 70.000 Frauen jährlich unters Messer. Die beliebtesten Eingriffe sind nach wie vor Fettabsaugungen, Botox-Behandlungen, Lidkorrekturen und Brustvergrößerungen. "Eine Operation ist aber kein Besuch beim Friseur. 22 Prozent der Frauen klagen nach einer Schönheits-OP über erhebliche Beschwerden", meint Silhavy.

Alarmierend ist für die Frauenministerin vor allem, dass die Patientinnen beim plastischen Chirurgen immer jünger werden. "In Deutschland wünscht sich jedes fünfte Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren bereits eine Schönheits-OP. Auch in Österreich geht der Trend in diese Richtung."

Neuer Busen, passend zum Maturaballkleid

Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums in Graz, ist der Meinung, dass gerade Mädchen in der Pubertät immer weniger Hemmungen gegenüber plastischen Eingriffen haben. Nur eines von fünfzehn Mädchen ist mit seinem Äußeren wirklich zufrieden. "Gerade in der Pubertät haben viele Mädchen Komplexe. Das mangelnde Selbstbewusstsein macht sie zu idealen Werbezielen für Anzeigen wie: 'Der neue Busen, passend zu deinem Maturaballkleid' ".

In der Steiermark werden vom Frauengesundheitszentrum daher Workshops in Schulklassen durchgeführt, um das Selbstvertrauen der Jugendlichen zu stärken. Die Mädchen werden dabei zum Beispiel gefragt, was ihnen an ihrem Äußeren am besten gefällt. "Die meisten sagen dann Haare, Lippen oder Augen - also die Bereiche, die man ohnehin leicht verändert kann. Ihre Oberschenkeln oder ihren Busen lehnen die Mädchen viel vehementer ab. Wir versuchen in den Workshops, ihre Zufriedenheit mit dem eigenen Körper zu stärken", meint Groth.

Das Feld nicht dem Markt überlassen

Frauenministerin Silhavy fordert verstärkte Aufklärungsarbeit seitens Schulen und der Ärztekammer. Außerdem unterstützt sie die Empfehlung des Europaparlaments von 2002, die besagt, dass Brustimplantate bei Minderjährigen nur aus medizinischen Gründen erlaubt werden sollten. Von den Ärztinnen und Ärzten würde sie sich eine freiwillige Selbsterklärung wünschen, keine großen kosmetischen Eingriffe bei unter 18-jährigen vorzunehmen.

ÄrztInnen ist es zudem untersagt, für plastische Eingriffe zu werben. Dieses Verbot gilt aber nicht für Institute. Die meisten plastischen Eingriffe passieren somit im Gewerbebereich. "Institute für plastische Chirurgie werben sehr stark. Die Werbeanzeigen klingen meist völlig harmlos, so dass auch die Zahl der Kundinnen wächst. Zwar brauchen Minderjährige in Österreich die Erlaubnis der Eltern für einen Eingriff, aber wenn die Mütter ebenfalls unter dem 'Schönheitsdruck' stehen, bekommen sie diese auch immer leichter. Die Politik muss sich diesem Feld stärker nähern - sonst bleibt es dem Markt überlassen", erklärt Groth.

Vielfalt ist Schönheit

Das Skalpell führe selten zu einem schöneren Leben, findet Frauenministerin Silhavy. „Charme und Sinnlichkeit kommen schließlich nicht von Silikon und Botox. Individualität macht viel schöner." Außerdem ist der Wunsch nach einer Schönheits-OP oft nicht mehr vorhanden, wenn man als Mädchen älter und selbstbewusster geworden ist. Sylvia Groth weiß das aus eigener Erfahrung. "Als Jugendliche wollte ich auch eine Nasenkorrektur machen lassen. Mein Vater meinte dazu: ‚Gut, aber erst, wenn du achtzehn bist.' Mit achtzehn hatte ich dann kein Problem mehr mit meiner Nase."

Silhavy und Groth sind beide der Ansicht, dass der Schönheitswahn vor allem durch die Medien erzeugt wird und wenig mit der Realität zu tun hat. Beinahe verärgert blickt sich Groth dazu im Raum um: "Keine von uns sieht aus wie Heidi Klum - sollen wir uns etwa alle deswegen unters Messer legen?" (Amina Beganovic, dieStandard.at, 23.9.2008)

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    Lieblingseingriffe beim plastischen Chirurgen: Fettabsaugungen, Botox-Behandlungen, Lidkorrekturen und Brustvergrößerungen. Rund 70.000 Frauen legen sich pro Jahr in Österreich unters Messer.

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    Immer mehr junge Mädchen, die mit ihrem Äußeren nicht glücklich sind, lassen einen plastischen Eingriff vornehmen. "Das mangelnde Selbstbewusstsein macht sie zu idealen Werbezielen für Anzeigen wie: 'Der neue Busen, passend zu deinem Maturaballkleid' ", kritisiert Sylvia Groth, Geschäftsführerin des Frauengesundheitszentrums in Graz.

  • Sylvia Groth und Frauenministerin Heidrun Silhavy fordern Ärztinnen und Ärzten dazu auf, keine großen kosmetischen Eingriffe bei unter 18-jährigen vorzunehmen.
    foto: derstandard.at/beg

    Sylvia Groth und Frauenministerin Heidrun Silhavy fordern Ärztinnen und Ärzten dazu auf, keine großen kosmetischen Eingriffe bei unter 18-jährigen vorzunehmen.

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