Komplett danebener Volltreffer

23. September 2008, 17:00
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Die Yamaha WR 250 begeistert den glu bei Stoppie und Wheelie - Und beim Fahren sowieso

Was braucht ein Motorradl? Variante eins: vier Zylinder, Leistung ohne Ende, eine Höchstgeschwindigkeit jenseits der Schallgrenze und eine Verkleidung, die mehr Plastik braucht als Cher pro Operation. Variante zwei: Zwei Zylinder, bei denen wir ein V sehen wollen, Drehmoment und Hubraum ohne Ende, dafür ersparen wir uns das Plastik und investieren das Geld in die Chrompolitur. Variante drei: Einen Zylinder, entweder als hochgezüchteten Zweitakter, der im Crossbetrieb steht, oder – viel häufiger – als automatikgetriebenen Rollerschupfer. Die Kubaturen bewegen sich zwischen 50 und 500 ccm.

foto:derstandard/grabner

Und dann stellt Yamaha eine zulassungsfähige Supermoto her. 250 Kubikzentimeter. Gerade einmal so viele PS, dass jeder Augusttag ein eigenes Pferderl bekommen könnt. Nicht gerade üppig. Und beim Drehmoment von 23,7 Newtonmeter holt man sich beim Gasaufreißen auch kein Peitschenschlagsyndrom. Kurzum: Die Yamaha WR 250 X wirkt am technischen Datenblatt nicht sonderlich stark. Und trotzdem schafft sie es, dass die übermächtige R1 der WR beim Ampelstart den Vortritt lässt und leise hinterher blubbert.

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Und das nicht erst seit gestern. Die WR 250 ist ja schon legendär. Der Einzylinder kommt in den besten Offroadradln zum Einsatz und lässt immer wieder orange Fahrer zu blau wechseln. Der in der WR 250 X eingebaute Motor ist natürlich brav Euro-III-tauglich und atmet flüsterleise durch eine Serienanlage. So wird man also kein Supermoto-Rennen gewinnen. Dazu ist die WR aber in dieser Version auch nicht gemacht. Blinker, Hupe und Soziusfußrasten braucht auf der Rennstrecke nämlich auch niemand. So wenig die WR die Traumklischees eines Motorrades beim Dorfwirten erfüllt, so ein Volltreffer ist sie im Motorradbau.

foto:derstandard/grabner

Denn im urbanen Personen-Individual-Nahverkehr ist die WR einfach nicht zu schlagen. Der 250er-Motor hat genügend Leistung, um Autos und Roller hinter sich zu lassen und mit den schweren Eisen gemeinsam von der Kreuzung zu fliehen. Die hohe Sitzposition ist vergleichbar mit einem Hochsitz. Man hat das ganze Treiben perfekt im Blick und was man sieht, gehört alles zur Beute. Denn mit der schlanken WR kommt man fast überall durch, wenn man nicht gerade selbst so gebaut ist, dass man gerade noch das Idealgewicht einer trächtigen Elefantenkuh halten kann.

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>>> Wheely, Stoppie und andere Lieblingsmanöver


Reicht die Beschleunigung, um am Start bei den Schnellsten zu sein, erlaubt die Bremse, erst dort mit dem Ankern zu beginnen, wo die anderen schon stehen. Und es macht Spaß, mit einem Stoppie zwischen den Autos durchzustechen, auch wenn man gerade hofft, dass die Supermoto jetzt nur nicht quer kommt, weil man sonst mit dem Hinterradl beim offenen Beifahrerfenster einhackeln könnt. Und dann ist es mit einem guten Start aber wirklich Essig.

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Nach einer glücklichen Landung in der ersten Reihe kann es dann schon vorkommen, dass der R1-Pilot nebenan vollkommen benommen und glasig aus seinem leicht verspiegelten Visier schaut, wenn die 250er-Supermoto sich nur am Vorderradl einbremst und der Klapphelm des Fahrers beim Aufsetzen des Hinterradls zuzufallen droht.

foto:derstandard/grabner

Mein Lieblingsmanöver hab ich leider nicht geschafft, nämlich gleich nach dem Stoppie, ohne einen Fuß abzustellen, mit einem Wheeley wieder los zu fahren. Entweder passte die Brems-Ampel-Koordination nicht und die Stadt Wien schaltete schneller auf grün als manch Spitzenpolitiker bei seinen Wahlversprechen, so dass ich mit dem Bremsen noch nicht fertig war und schon wieder losfahren musste. Oder es ging mir beim Gasaufreißen der Mut aus. Und dass mir der Mut ausgeht, dass passiert öfter als… Nein, lassen wir das.

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Die WR hat es nicht verdient, politische Metaphern aushalten zu müssen. Sie ist einfach ein Spaßgerät, das so wenig Benzin braucht, dass in einer Stunde mehr Sprit auf einer durchschnittlichen Tankstelle verschüttet wird, als die WR auf hundert Kilometer braucht. Stuntfahrer, Gasslhatzer und Motrorradpuristen werden mit ihr die hellste Freude haben. Für mich ist sie eindeutiger Anwärter auf den Titel „Motorrad 2008“ und schlägt viele Supersportler, Roller und Nakeds, auch wenn das wunderschöne Bike mit einem Listenpreis von € 6.895,- nicht gerade ein Schnäppchen ist.

(Text: Guido Gluschitsch; Fotos: Wolf-Dieter „Graf Foto“ Grabner)

Guido Gluschitsch ist Chefredakteur von www.motorradnet.at.

Technische Daten:

Marke: Yamaha; Typenbezeichnung: WR 250X; Farben: racing blue, yamaha black; Baujahr: 2008; Motor: Viertakt-Einzylinder-Motor; Kühlung: Flüssiggekühlt; Ventile: 4; Steuerung: DOHC; Hubraum: 250; Verdichtung: 11,8:1; Gemischaufbereitung: Elektronische Einspritzung; Nennleistung: 22,6 kW (30,7 PS) bei 10.000/min; Max. Drehmoment: 23,7 Nm bei 8.000/min; Getriebe: 6-Gang; Endantrieb: Kette; Aufhängung vorne: Upside-down Teleskopgabel; Aufhängung hinten: Federbein, zentral; Federweg vorne: 270 mm; Federweg hinten: 265 mm; Radstand: 1425 mm; Sitzhöhe: 895 mm; Trockengewicht: 128 kg; Bremse vorne: Einscheibenbremse, Durchmesser 298 mm; Bremse hinten: Einscheibenbremse, Durchmesser 230 mm; Reifen vorne: 110/70R17M/C 54H; Reifen hinten: 140/70R17M/C 66H; Tankinhalt: 7.6 Liter;

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  • "Au point" könnte man sagen, stoppt der glu das Gustostückerl von Yamaha - die WR 250X - vor einem nicht so gschmackigen Schuhwerk. Warum lesen Sie nebenan...
    foto:derstandard/grabner

    "Au point" könnte man sagen, stoppt der glu das Gustostückerl von Yamaha - die WR 250X - vor einem nicht so gschmackigen Schuhwerk. Warum lesen Sie nebenan...

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