"Es gibt keine glaubwürdige Alternative zu Miliband"

23. September 2008, 13:00
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Labour-Kenner Steven Fielding im Interview mit derStandard.at über eine Partei zwischen Hoffnungslosigkeit und Machthunger

Alle Zeichen in Großbritannien stehen auf Machtwechsel. Die seit 1997 regierende Labour Party versucht auf ihrem Parteitag in Manchester, das prognostizierte Wahldesaster so gut wie möglich abzufedern. Parteichef und Premierminister Gordon Brown dürfte vorerst in Amt und Würden bleiben, vor allem, weil es vor der Wahl keine echte Alternative zu ihm gibt, wie der britische Politik-Professor und Labour-Kenner Steven Fielding im Interview mit derStandard.at erklärt.

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derStandard.at: Die Tageszeitung The Observer hat am Wochenende für die kommende Wahl ein "Massaker" an der Labour Party vorhergesagt. Ist tatsächlich Premierminister Gordon Brown an allem schuld?

Steven Fielding: Das würde ich so nicht sagen. Brown hat die Partei zu einem denkbar schlechten Zeitpunkt übernommen, es gab aber schon lange vorher große Probleme für Labour, etwa durch den unpopulären Krieg im Irak. Die Menschen waren auch unzufrieden, dass nach zehn Jahren Labour-Regierung nicht alles so gekommen ist, wie es ihnen versprochen wurde, etwa was Bildung, das Gesundheitssystem oder Kriminalität betrifft. Darüber hinaus haben wir die gleichen Probleme wie alle anderen Länder, den hohen Ölpreis etwa oder die Finanzkrise. Und Gordon Brown ist nicht unbedingst die telegenste Persönlichkeit, er kehrt sein Privatleben nicht gerne nach außen, so wie Tony Blair das gemacht hat. Er hat immer lieber den seriösen Chancellor gegeben. Jetzt, wo die Konjunktur nachlässt, setzt die Partei auf Browns Erfahrung aus zehn Jahren, die er Finanzminister einer erfolgreichen Wirtschaftsnation war. Nur mit ihm, so die Strategie, könne Großbritannien die schlimmsten Krisen der Flaute umschiffen. Labour versucht, aus Browns Schwäche eine Stärke zu machen.

derStandard.at: Gibt es eine Blair-Nostalgie?

Steven Fielding: Innerhalb der Labour Party bezweifle ich, dass es so etwas gibt. Die Partei war in der Frage Blair immer stark gespalten. Er wurde 1997 zum Parteichef gewählt, weil sich die Leute von ihm einen Wahlsieg erwarteten und unterstützt, solange er für die Partei weitere Siege bei Wahlen einzufahren versprach. Der Irakkrieg hat dem ein Ende gesetzt und es gibt heute einige Stimmen in der Partei, die in David Miliband eine Art Wiedergänger von Blair sehen, was für den Außenminister ein immer größeres Problem werden dürfte. Auf der anderen Seite sehen viele in ihm die einzige Möglichkeit, ein komplettes Desaster bei der nächsten Wahl abzuwenden. Und es gibt auch keine glaubwürdige Alternative zu Miliband.

derStandard.at: Warum ringt man sich nicht schon jetzt durch, den unbeliebten Premier zum Rücktritt zu zwingen. Ist die derzeitige Diskussion doch nur taktisches Geplänkel?

Steven Fielding: Ich glaube, dass niemand das ernsthaft angedacht hat. Gordon Brown wollte schon lange vor Tony Blairs Aufstieg Parteichef werden, er war für viele der logische Nachfolger von John Smith in den Neunzigerjahren. Er wird nicht von selber aufgeben, so lange nicht, bis Mitglieder seines Kabinetts ihrerseits mit Rücktritt drohen, um den Premier loszuwerden. Warum sie das jetzt nicht tun, hat weniger mit Taktieren zu tun, als mit dem Umstand, dass sein wahrscheinlicher Nachfolger Miliband dann schon der zweite Premier in Folge wäre, der nicht durch Wahlen legitimiert ist. Der Druck durch die Konservativen wäre dann noch größer als bei Blairs Übergabe an Brown. Und dann gibt es Stimmen, die sagen, die Wahlen wären ohnehin schon verloren und man solle den neuen Parteichef erst danach installieren, um ihn nicht zu verheizen. Der dritte Grund ist, dass es die Labour-Statuten extrem schwierig und langwierig machen, einen Chef ohne dessen Willen abzusetzen, das kann Monate dauern und hilft der Partei überhaupt nicht.

derStandard.at: Ist der Irakkrieg noch ein Thema?

Steven Fielding: Nicht wirklich. Es sieht so aus, als würde die US-geführte Koalition den Krieg doch noch gewinnen und die britischen Truppen ziehen sich langsam aus dem Irak zurück. Seit Blairs Abgang scheint das Gift des Irakkriegs verschwunden, weil sich viele Menschen von ihm aus falschen Gründen in den Krieg geführt sahen. Der zweite Grund ist natürlich, dass US-Präsident Bush sein Amt aufgeben muss und viele hoffen, dass Obama ins Weiße Haus einzieht. Gordon Brown hilft der offenbar verbesserte Kriegsverlauf aber gar nichts. Es wirkt beinahe so, als hätte der Irakkrieg nie stattgefunden.

derStandard.at: Die SPD sieht sich ähnlichen Problemen gegenüber wie Labour, was schlechte Umfragewerte und die Führungsdebatten betrifft. Gibt es in Großbritanniens nach elf Jahren New Labour an der Macht Tendenzen, eine Kurskorrektur nach links vorzunehmen?

Steven Fielding: Das britische Wahlsystem lässt kaum Platz für eine Partei links von Labour. Es gab zwar die Respect-Koalition, die 2005 einen Sitz in London gewann, wenn auch unter besonderen Umständen, nämlich durch ihre Kritik am Irakkrieg. Aber es gab und gibt innerhalb der Partei immer Kritik an New Labour, vor allem durch die Gewerkschaften, aber auch Geldgeber wie (Harry Potter-Autorin, Anm.) J.K. Rowling, die gerade erst eine Million Pfund an Labour gespendet hat, die nicht konform mit der Agenda von New Labour gehen. Gerade die Gewerkschaften haben mit New Labour aber eine Art informellen Vertrag geschlossen, denn sie sind davon überzeugt, dass die Partei ohne das New Labour-Programm nie an die Macht gekommen wäre. Auf der anderen Seite ist man sich bei Labour einig, dass ein linkerer Kurs viele Wähler in die Hände der Konservativen treiben würde, eine wirklich schlagkräftige Opposition zu New Labour gibt es innerhalb der Partei nicht. (flon/ derStandard.at, 23.9.2008)

Zur Person:

Der studierte Historiker Steven Fielding ist Dozent und Direktor des Zentrums für Britische Politik an der University of Nottingham. Sein Spezialgebiet sind die Labour Party und die britische Arbeiterbewegung.

  • Politik-Professor Fielding: "Eine wirklich schlagkräftige Opposition zu New Labour gibt es innerhalb der Partei nicht."
    foto: privat
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    Politik-Professor Fielding: "Eine wirklich schlagkräftige Opposition zu New Labour gibt es innerhalb der Partei nicht."

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