Wenn am Wahlabend alles offen ist

23. September 2008, 09:19
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Die Briefwahl sorgt dafür, dass erst acht Tage nach der Wahl Gewinner und Verlierer feststehen - derStandard.at sprach mit SORA-Chef Hofinger über die Konsequenzen der Unsicherheit

Wenn die Spitzenkandidaten der wahlwerbenden Parteien am Sonntag vor die Kameras der Fernsehsender und die Mikros der Radiosender treten, könnte erstmals noch unklar sein, wer sich freuen darf und wer sich ärgern muss. Rund acht Prozent der WählerInnen werden ihre Stimme diesmal per Wahlkarte abgeben, schätzt Christoph Hofinger von SORA im Gespräch mit derStandard.at. Das sind doppelt so viele wie bei der vergangenen Wahl. "Es wird sehr spannend, wie sich die Wahlkarten auf das Ergebnis auswirken", so Hofinger. Mit einer Schwankungsbreite von etwa 0,3 Prozent rechnet der Experte. Das könnte gerade in zwei Spezialfällen bedeutende Auswirkungen haben:

Schwankungsbreiten sorgen für Spannung

Erstens: Bei der diesjährigen Wahl stellen sich mit LIF, FRITZ, BZÖ, KPÖ und Christen einige Kleinparteien der Wahl, die die Vier-Prozent-Hürde knacken müssten um ins Parlament zu kommen. Die durch die Briefwahl verursachte Schwankungsbreite könnte dazu führen, dass am Wahlabend noch nicht fix ist, wer draußen ist und wer nicht.

Zweitens: Das Rennen um Platz Eins dürfte knapp werden, wenn man den aktuellen Umfragen Glauben schenkt. Am Wahlabend könnte also noch unklar sein, wer tatsächlich als Erster aus der Nationalratswahl hervorgeht. "Ein oder zwei Mandate können schnell wandern", so Hofinger.

Wieso die Wahlkarten diesmal so bedeutend sind ist leicht erklärt. Es waren 2006 4,2 Prozent der Wahlberechtigten und im Endeffekt 5,5 Prozent der gültigen Stimmen, die als Wahlkarten abgegeben wurden. Heuer rechnet Hofinger mit rund acht Prozent. Allein in Wien sind bisher 115.000 Wahlkarten beantragt worden. In ganz Österreich könnten es bis zum Wahltag 400.000 sein.

Nicht wie der Durchschnitt

Was für Konsequenzen hat die erwartete starke Nutzung der Briefwahl? Erst acht Tage nach der Wahl, müssen die Briefwahl-Stimmen bei der Wahlbehörde eingelangt sein. Daher gibt es das Endergebnis auch erst am 6. Oktober. Das dürfte, so Hofinger, vor allem einen "psychologischen Effekt" haben. Sollte sich abzeichnen, dass das vorläufige Endergebnis vom endgültigen Ergebnis deutlich abweicht, würden sich die Politiker mit Koalitionsansagen, Rücktrittserklärungen und sonstigen Konsequenzen zurückhalten, glaubt der SORA-Experte.

Eine SORA-Hochrechnung für den ORF wird es natürlich dennoch geben. "Wir werden erstmals auch eine  Briefwahlprognose machen", erklärt Hofinger. Damit soll versucht werden, die potenziellen Wanderstimmen und Wandermandate ein bisschen besser zu prognostizieren. Spannend ist das deshalb, weil die Briefwähler kein repräsentativer Durchschnitt der Bevölkerung sind. Sie sind jünger, mobiler und gebildeter als der Durchschnitts-Österreicher. Außerdem, gibt Hofinger zu bedenken, findet die Wahl diesmal besonders früh statt. Im September sind viele noch auf Reisen oder in ihrem Sommerwohnsitz. Von ersterem dürften vor allem die Grünen profitieren, von zweiterem die Volkspartei. Auch bisher hatten FPÖ und SPÖ bei den Briefwahlstimmen immer besonders schlecht abgeschnitten.

2006 zeigte sich, was die Briefwähler ausrichten können: Um nur einige hundert Stimmen gelang es den Grünen, die FPÖ zu überholen. Die SPÖ bekam damals 28,98 Prozent Wahlkartenstimmen - und damit im Endergebnis um 0,37 Punkte weniger als die 35,71 Prozent am Wahlsonntag. Die FPÖ wurde mit 7,89 Prozent bei den Wahlkarten um 0,17 Punkte schwächer - und lag dann letztlich mit 11,04 Prozent knapp hinter den Grünen. Das BZÖ büßte durch die Wahlkarten (2,65 Prozent) etwas weniger ein, nämlich 0,09 Punkte. (Anita Zielina, derStandard.at, 24.9.2008)

Info

Wer per Briefwahl wählen möchte, kann seine Wahlkarte nur noch heute bei seiner Gemeinde bestellen. Wer sie selbst abholt, kann das noch bis Freitag tun.

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    Erst acht Tage nach der Wahl müssen die Briefwahl-Stimmen bei der Wahlbehörde eingelangt sein.

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