Eine Lebendigkeit, die alle Verzweiflung überstrahlt

22. September 2008, 18:51
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Romy Schneider wäre am Dienstag 70 Jahre alt geworden. Eine Retrospektive des Filmarchivs würdigt die Schauspielerin

Wien - Sie war der größte Star, den die beiden deutschen Staaten und ihr Geburtsland Österreich verdienten. An ihren Sissi-Filmen brach sich die geschichtsklitternde Nostalgie der Nachkriegsära, an ihrer französischen Karriere die Hassliebe gegenüber unbotmäßigen Töchtern. Unverdaute Vorurteile gegenüber dem alten Feindesland Frankreich spielten in die heftigen Ressentiments gegen Romy Schneider hinein, als sie Anfang der 60er-Jahre nach Paris zog und eine außerordentlich fruchtbare internationale Karriere begann.

Die Hassliebe der Medien entwickelte sich zu einem roten Faden ihrer Geschichte, ihr kokettes Spiel mit dem Ruhm ebenso. Romy Schneider war eines jener grandiosen Naturtalente, die ein erotisches Verhältnis zur Kamera auslebten, aber von tiefer Angst getrieben waren, das Handwerk ihrer Kunst nicht zu beherrschen.

Hätte sie weiter das herzige Ding à la Mädchen in Uniform und Monpti verkörpert oder als Kaiserin Sissi die makellose Heilige in schönen Kostümen gegeben, man hätte sie weiter auf Händen getragen. Doch Romy Schneider brach aus dem Klischee aus. Rollen wie die der desillusionierten Ehefrau in Viscontis Boccaccio 70 provozierten die heuchlerische Sittlichkeit der frühen 60er-Jahre. Schneider nahm vorweg, was sich später als gesellschaftlicher Umbruch durchsetzen sollte. Eine Mentalitätsgeschichte jener Zeit fände an ihren Filmen und ihrer Biografie reichlich Material.

Geboren 1938 in Wien als Tochter des Schauspielerpaares Magda Schneider und Wolf Albach-Retty, gehörte Schneider einer berühmten österreichischen Schauspielerdynastie an. Von ihrer Mutter, einer Augsburger Handwerkertochter, die im Nazi-Film zu Ehren und Reichtum gekommen war, mag sie den unbedingten Ehrgeiz geerbt haben. Ihre Eltern sah sie jedoch selten, Rosemarie Albach-Retty wuchs fast ausschließlich in der Obhut von Kindermädchen auf.

Wie der einsame, aufs Theaterspielen versessene Teenager als Ersatzobjekt für Magda Schneiders fehlenden Nachkriegserfolg aufgebaut und mit gezielten Indiskretionen immer wieder dem Boulevard ausgesetzt wurde, prägte Romy Schneiders spätere Lebensentscheidungen. Die Sehnsucht nach dem abwesenden Vater und ihre begründete Abneigung gegen Magda Schneiders zweiten Ehemann, den Kölner Gastronomen "Daddy" Blatzheim, entwickelten sich zu einer tiefsitzenden Angst vor Liebesentzug. Blatzheim bereicherte sich an den Gagen der Stieftochter, sodass die Flucht nach Paris zu Alain Delon ein radikaler Neubeginn, ein Start in eine schmerzlich scheiternde Unabhängigkeit wurde.

An Romy Schneiders Affären und Liebeskatastrophen, ihrem Luxus, den Abstürzen in Alkohol- und Tablettenprobleme und den persönlichen Schicksalsschlägen nahm die Sensationspresse teil. Als sie 1981 ihren Sohn verlor, vor einem erneuten finanziellen Fiasko stand und im Jahr darauf überraschend starb, vollendete sich der Mythos der Leinwandgöttin, die in sechzig Filmen emanzipierte sinnliche Frauenbilder entwarf, doch im Privatleben hilflos an den Männern und sich selbst scheiterte.

Was von ihr bleibt, ist ihre vibrierende Leinwandpräsenz, ihre melodiöse Stimme, die einen zarten Wiener Tonfall bewahrte, und das breite Spektrum ihrer Charakterstudien. Schneider verkörperte die Leni in Orson Welles Der Prozess, sie wagte eine kühle Neuinterpretation ihrer Sissi-Figur in Viscontis Ludwig II., gab in Andrzej Zulawskis düsterem Film Nachtblende das Porträt einer Schauspielerin. Mit Claude Sautet schuf sie ihre schönsten Filme, eine Reihe moderner Melodramen, in denen sie eine seltene Intensität erreichte. Die Dinge des Lebens erzählt vom Tod ihres Geliebten, ihrer Trauer, doch die Kraft und Vehemenz ihrer Lebendigkeit im Augenblick überstrahlt im Kino alle Gefühle der Verzweiflung. (Claudia Lenssen, DER STANDARD, Print, 23.9.2008)

 

Bis 16. 10. sowie von 30. 10. bis 7. 11. im Wiener Metro-Kino; "Romy Schneider", eine Biografie von Günter Krenn, ist im Aufbau Verlag erschienen.

  • Emanzipierte Frauenbilder: Romy Schneider mit Klaus Kinski in "Nachtblende".
    foto: filmarchiv

    Emanzipierte Frauenbilder: Romy Schneider mit Klaus Kinski in "Nachtblende".

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