
Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien

Ein System nimmt Gestalt an: "Bobby Bubble", Held einer Kinderbuchserie aus den 1920er-Jahren, grafisch animiert von Patrick Beaulieu.
Die großen Krisen in der finanzkapitalistischen Entwicklung seit den 1970er- Jahren traten an der Peripherie auf und konnten vom (Finanz-)Zentrum als "Betriebsunfälle" behandelt werden. Beispiele sind die Schuldenkrise in Lateinamerika 1982 oder in Ostasien, Russland und dann nochmals in Brasilien und Argentinien Ende der 1990er- Jahre. Nach kurzer Irritation setzten die "Magier des Finanzkapitals" ihr Kunststück fort: Geld arbeiten lassen.
Diesmal wird es keine Rückkehr zum "business as usual" geben:
Die Finanzkrise ist im Zentrum ausgebrochen, die finanzstarke Peripherie ist nicht bereit, einzuspringen; China, Korea oder die Ölexporteure des Mittleren Ostens schwimmen zwar in Dollars, wollen diese aber nicht für Beteiligung an maroden Banken/Versicherungen der USA ver(sch)wenden.
In Europa werden die Wellen des "Finanz-Tsunami" stärker sein und weiter reichen als in den USA:
Die Monate seit Ausbruch der Finanzkrise und ihre Kulminierung in den letzten Tagen leiten eine historische Wende ein: Mit dem Bankrott der "Geldvermehrer" wird der Bankrott eines ganzen Systems offenkundig, das die vergangenen drei Jahrzehnte prägte - der Finanzkapitalismus. Alle seine verschiedenen Komponenten - neoliberale Wirtschaftstheorie, Vorrang für den Geldwert, Liberalisierung der Finanzmärkte, Regulierung der Wirtschaftspolitik, Teilprivatisierung der Sozialversicherung, insbesondere des Pensionssystems - basieren auf der großen Illusion, dass Geld arbeitet.
Wie kam es zu der großen Illusion? Vereinfacht dargestellt in folgenden Etappen:
Und lange Zeit schien es als könne das Geld wirklich arbeiten: So waren auf den Aktienmärkten der 1990er-Jahre Durchschnittsrenditen von 15 Pozent zu holen; immer mehr Unternehmen, Pensionsfonds, Hedgefonds und Private ließen ihr Geld am Aktienmarkt arbeiten, die Kurse stiegen enorm. Die Diskrepanz zwischen Börsenwert und tatsächlichem Wert der Unternehmen vergrößerte sich stetig, das (Pyramiden-)Spiel "Der Unternehmen neue Kleider" musste enden, und zwar wie immer abrupt (Aktiencrash 2000/2003).
Zwischen 2003 und 2007 gelang noch ein Aktienbubble, in Europa durch die weitere Verunsicherung über unsere Systeme der sozialen Sicherheit gefördert (Expansion der Pensionsfonds). In den USA begann der Immobilienbubble eine viel größere Rolle zu spielen, Geld arbeitete nun in Form einer Höherbewertung von Häusern. Die "Geldvermehrer" nützten dies zur Schaffung neuen Finanzkapitals in Form von Krediten an nahezu Mittellose: die steigenden Häuserpreise würden die Rückzahlung schon übernehmen. Als diese sich verweigerten und fielen, wurden die zu "Wert"-papieren gebündelten Kredite wertlos (Sommer 2007).
Daraufhin stürzten sich die "Geldvermehrer" auf Rohstoffderivate, der letzte große "bubble" setzte ein, die Preise von Rohöl, Weizen, Mais, Reis und sonstigen Rohstoffen explodierten, zwar nahm der Hunger zu, aber das Geld arbeitete wenigstens noch einmal kräftig. Mit dem Verfall der Rohstoffpreise seit Mitte 2008 hat es sich "ausgebubbelt". Hauptgrund: In der Frühphase von "bubbles" steigen die Profis ein, je länger er dauert, desto mehr steigen wieder aus. Aufrechterhalten wird die Höherbewertung von Aktien oder Rohstoffen durch den Zufluss von "frischem Blut", also dem - verspäteten - Einstieg der Amateure (so haben Austro-Banken noch im Frühjahr für Rohstofffonds geworben ...). Versiegt der Zustrom der Amateurgelder, dann kippt der "bubble" bald (jener der Rohstoffe Mitte 2008).
"Bubbles" sind somit die eine Arbeitsweise von Geld, je länger sie dauern, desto mehr werden sie zu einer Kombination eines "Pyramidenspiels" mit dem Spiel "Des Kaisers neue Kleider". Platzen sie, wird die Überbewertung korrigiert: Die Vermögenswerte sind wieder so niedrig wie zuvor, die Einkommensverteilung aber hat sich zugunsten der Profis verschoben.
Die zweite Arbeitsweise von Geld besteht im kurzfristigen "trading", vorzugsweise mit Finanzderivaten aller Art. Alle diese Spiele sind Umverteilungsspiele (die Summe der Gewinne ist gleich der Summe aller Verluste). Als Gruppe sind die Amateure die Verlierer (weltweit gibt es Millionen Spekulationsadepten), gleichzeitig sind ihre Einsätze Vorraussetzung dafür, dass diese Spiele expandieren können ("frisches Blut").
Weltweit ziehen sich derzeit die Amateure von den "Finanzspielen" zurück, auch an eine Ausweitung der kapital-"gedeckten" Altersvorsorge ist nicht zu denken. Der Mangel an "frischem Blut" führt zum Kollaps des Systems des "arbeitenden Gelds":
Fazit: Das Geld verweigert die Arbeit, der Finanzkapitalismus ist am Ende. Langsam dämmert die Einsicht in den Schulmeisterschen Fundamentalsatz; dieser bildet die Grundlage jeglichen Verständnisses ökonomischer Zusammenhänge, ist aber zu einfach, um von wirtschaftswissenschaftlichen Geistesgrößen begriffen zu werden. Der Fundamentalsatz lautet: "Aus nix wird nix".
Die Vernachlässigung des ANWN-Gesetzes und ihre verheerenden Folgen für die Entwicklung der letzten 30 Jahre lässt sich am Beispiel der erwarteten Aktienrendite und der dadurch motivierten (Teil-)Umstellung von der sozialstaatlichen zur kapital-"gedeckten" Altersvorsorge verdeutlichen: Ökonomen beobachten, dass über 100 Jahre die Aktienrenditen im Schnitt merklich höher sind als die Wachstumsrate des BIP. Dies ist möglich, wenn Aktienbesitz hoch konzentriert ist und die Rentiers ihr Aktienvermögen nach Dagobert-Duck-Manier akkumulieren.
Unter Vernachlässigung des ANWN-Gesetzes haben Wirtschaftsexperten erwartet, dass diese Aktienrenditen auch dann so zauberhaft hoch blieben, wenn die Aktien von Pensionisten als "Bezugsscheine" auf das BIP dermaleinst eingelöst werden. Im Glauben, dass das Geld fleißig arbeitet, hat man folgendes übersehen: Ein System, in dem Bezugsscheine auf einen Kuchen ausgegeben werden, deren Wert langfristig stärker wächst als der Kuchen, ist eine Fehlkonstruktion (Widerspruch zum ANWN-Gesetz).
Dürfen wir am Ende der finanzkapitalistischen Illusionen auf nüchterne Einsichten und eine rasche Verwirklichung besserer ("realkapitalistischer") Rahmenbedingungen für eine Marktwirtschaft rechnen? Kaum. Denn für den Übergang von dem "Nicht-mehr-Funktionieren" eines alten Systems und der Schaffung eines neuen gilt: Gewohnte Weltanschauungen müssen abgelegt, kognitive Dissonanzen ertragen und konkretes Denken muss wieder gelernt werden. Das wird Jahre dauern. Tröstlich aber ist: So schwierig wie der letzte Übergang von finanz- zu realkapitalistischen Rahmenbedingungen - zwischen 1933 und '48 - wird's diesmal nicht werden. (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2008)
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1. Der Anstieg der Rohstoffspreise (Öl, Getreide usw) war eine Folge einer REALEN Verknappung von Öl bzw. der Reaktion darauf: Biosprit.
2. Aktien/Firmenanteile sind heute auch REAL höher zu bewerten als zB. 1970, weil die GEWINNE (im Vergleich zur Lohnsumme) heute deutlich höher sind.
3. Die Verlangsamung des Wachstums ab den ersten Ölschocks der 79er und 80er basiert vor Allem auf einen nachhaltigen Ölpreisanstieg. Vergleichbares passiert auch jetzt für die kommenden Jahre/Jahrzehnte. Der Ölpreis wird NIE WIEDER auf den Wert von 1999 (ca. 10 USD) sinken, nicht mal auf das alte OPEC-Zielpreisband 25-27 USD, auch wenn in den letzten Monaten vielleicht 30% der 160 USD eine Blase war...
Der nächste strenge Winter IST Realwirtschaft.
das man ernst nehmen kann?
jeder muss hier wohl so fett auftragen, dass man nur mehr grinsend zum bier greift..
das problem ist, dass die hälfte drastisch richtig ist, aber bis das schwant, ist man schon zu..
sehr gute bemerkung, das "musterschüler" syndrom der eurobonzen, die die ganze sonntagspredigt aus USA für tierisch ernste bibel halten und lieber das volk für dumm erklären als sich selber..
der kreis des unfugs schliesst sich, wenn die projekte, deren gewinne (seitens errichtender subler) privat und deren finanzierungs-crashs sozialisiert daher fahren,
wenn die nämlich hitech-luxusprojekte ohne wesentlichen nutzen für die gemeinen steuerzahler sind, oder reine blasen immaterieller güter.
Versagen des Staates
in den USA hat der Staat viel zu lange auf zu niedrigem Niveau gehalten, dadurch war es für viele Menschen möglich ein Haus zu 100% auf Kreditz zu kaufen, dass das nicht lange gutgehen konnte das hat jeder vernünftige Mensch gewusst
die US-Notenbank hätte den Zinssatz schon vor vielen Jahren ANHEBEN müssen...
Natürlich ist der Artikel interessant und lesenswert und sicher zählt Hr. Schulmeister zu den kritischen Geistern, die vor den Gefahren des Systems gewarnt haben. Jetzt liegen auch viele Fakten auf dem Tisch, die viele von uns (vielleicht auch Hr. Schulmeister) in diesen Details vorher nicht kannten! Also hoffen wir, dass auch die Finanzwelt dazulernen kann und es in Zukunft besser machen wird!
Aus Sicht des Anlegers allerdings gehört "mal rauf, mal runter" zu unserem Leben, privat wie
geschäftlich!
Und wenn die Kurse günstig sind, werden wir wieder einsteigen, oder legen jetzt alle zum Eckzinsfuss an? Denn konkrete Alternativen habe ich keine gefunden, also "Glück auf" - bis wir es besser wissen!
Also da ließen sich auch manche Zweifel anmelden, obs kein "frisches Blut" mehr geben könnte. Irgend ein Fetisch wird sich doch noch finden lassen - oder sind wir sogar in einer Glaubenskrise?
Und dass die Vermögens- und Rohstoffpreise verfallen ist natürlich auch fraglich - außer die Märkte brechen auch zusammen. An sich sind die natürlichen Ressourcen, Rohstoffe und z.T. das Anlagenkapital immer noch die realsten Wirtschaftsobjekte, die in Krisen zumeist das einzige sind das Bestand hat. Nur haben nach dieser letzten Rally immer weniger Menschen Zugang zu realen Ressourcen. Folglich:
Also wenns so weit kommt, dann werden wieder staatliche Verteilungsmechanismen einsetzen müssen, wenn man nicht ein absolutes Chaos stürz möchte (Thats it).
http://hayek.notlong.com
Komisch, nicht. Jaja, der Neoliberalismus wars. Überhaupt, der Kapitalismus. Wie immer.
ja schnallt es denn wirklich keiner
es kann nur das verteilt werden was zum augenblick
produziert, geleistet wird.
der rest ist fiktion (vertrauen).
fuer einzelne mag vorsorge in geld funtionieren.
niemals fuer einen ganzes system.
wenn alle mitmachen ist es ein nullsummenspiel.
( naja a paar zocker schaffen es schon )
Ich habe "gestern" Aktien eines ATX Unternehmens gekauft um diesem Geld für Investitionen, F&E und die Expansion in neue Märkte in die Hand zu geben. Und - natürlich - um selber daran mitzuverdienen.
"Heute" sind die Aktien viel, viel weniger Wert. Was hab ich falsch gemacht? Die falschen Aktionen gekauft? Eher nicht, es sind ja fast alle weniger Wert. Und was bitte soll an dem System so schlecht sein?
Sie haben es tatsächlich nicht verstanden. ;-)
Wenn Sie an der Börse Aktien kaufen (außer Ihnen wurden Sie bei einer Neuemission zugeteilt), sieht das Unternehmen normalerweise nicht einen Cent von dem, was Sie dafür bezahlt haben. Sie erwerben sie nämlich von einem anderen Aktionär, der sie selbst von einem anderen gekauft hat, der wiederum ....
Das Unternehmen selbst kriegt nur ein einziges mal Geld, und zwar wenn die Aktien das erste mal auf den Markt kommen, und da verdient auch erst mal die Investmentbank mit. Danach wird nur noch unter den Aktionären damit gehandelt und es verdienen die Broker und die erfolgreichen erfolgreichen Investoren/Spekulanten daran, aber nicht das Unternehmen selbst.
na und? gehandelt werden anteile an einem unternehmen, man ist also (normalerweise winzigkleiner) miteigentuemer. das ist auch schon wieder das ende der geschichte.
dass die kurze dann rauf und runter gehen wie eine achterbahn liegt daran dass man erstmal darauf spekuliert dass das unternehmen mehr oder weniger wert wird (kauf/verkauf), dann aber darauf spekuliert was die anderen investoren ueber das ganze denken, des weiteren darauf was die anderen denken dass die anderern denken usw, in einer endlosen feedback-schleife. deswegen gibts dann volatilitaet - weil der aktienkurs dann zwar auf der firmenentwicklung basiert aber nicht in vorhersehbarer weise.
"either you are an insider, or you are out" - gordon gekko, "wall street"
Ab nun quotierte die OPEC wiederum das Öl in Gold und nicht mehr in abgewerteten U$. Der Yom Kippur Krieg von 1973 und die Reaktion der OPEC bescherte uns den Ölpreisschock und die Pickerln am Auto.
Wachstum ohne Ausweitung der Geldmenge ist unmöglich. Und das die Welt schneller, die Güter und Dienstleistungen mehr geworden sind, ist wohl jedem klar. Kern der Frage bleibt, womit das Geld gedeckt ist/sein soll und dennoch Wachstum sicherstellen kann. Silvio Gesell's Freiwirtschaftslehre vielleicht?
Interessant ist, wie nun viele zwischen raffendem (finanz) und schaffendem (real) Kapital unterscheiden. Läse ich dies u.a. nicht im Standard, meinte ich über Gottfried Feder's Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft zu lesen ;)
Die ökon. Nachkriegsordnung beruhte auf dem Bretton Woods Sytem. Der U$ war zum Preis von $35/unze konvertierbar und alle anderen Währungen waren am U$ gebunden. Die Geldmenge konnte nur erhöht werden, wenn die USA ein Defizit einfährt (Triffin's Dilemma). Frankreich war das erste Land das abwertete und aus BW Ausstieg (1967). 1971, am Höhepunkt des Vietnamkriegs, der Studentenproteste, hoher Inflation, wachsendem Staatsdefezit, erklärte Nixon die Aufgabe der Konvertierbarkeit des U$ zu Gold. Das Keyne'sche BW System war darauf ausgerichtet Deflation zu bekämpfen, durch Inflation wurde es zerrissen. Auch Nixon machte damals schon die Spekulanten für "waging an all-out war on the American dollar" verantwortlich.
Geld kann nie mehr sein, als die Verrechnungseinheit für real existierende Waren und Dienstleistungen.
Daher kann Geld für sich allein gesehen auch nicht 'arbeiten'. Wenn man dies außer acht läßt, darf man sich über die Folgen nicht wundern. Finanzspekulationen jeglicher Art können für sich allein lediglich eine Umverteilung, nicht jedoch eine Vermehrung des Realvermögens bewirken. Sonst müßte die Erde bei einer Rendite von 10% in absehbaren Zeiträumen aus reinem Gold bestehen.
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