Verschlussakte Kriminalität

22. September 2008, 18:47
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Kriminalfälle fließen bei der Polizei in zwei Datensammlungen: Eine offizielle und eine für den internen Gebrauch - Die internen Zahlen verschweigt man eisern

Wien - Sinkt die Kriminalität in Österreich, oder steigt sie? Bei der Polizei hängt es offenbar davon ab, welche Daten man sich ansieht - die internen oder jene für die Öffentlichkeit. Dieser Eindruck drängt sich nach einer Pressekonferenz im Bundeskriminalamt (BK) auf. Deren Ziel: Vorwürfe, die Kriminalstatistik sei geschönt, zu entkräften. Gelungen ist das nicht, da Zahlen verweigert worden sind.

Auslöser der Diskussion war die Behauptung des ehemaligen Bundeskriminalamts-Chefs Herwig Haidinger, es habe in einem Betrugsfall mit über 45.000 Geschädigten eine Weisung des Innenministeriums gegeben, den Fall als ein einziges Delikt zu werten.

Das sei sinnvoll, betonte die amtsführende BK-Leiterin Andrea Raninger. Ging es doch um einen einzelnen Betrug mittels Inserat, die Zählung als 45.000 Einzeldelikte hätte die Kriminalstatistik völlig verfälscht. Etwas verwirrend: Würde so ein Betrug via Massen-E-Mail begangen, zählt jeder, der darauf hineinfällt, als eigener Fall. Ein Doppelmord wiederum kommt als ein Fall mit einem Täter und zwei Opfern in die Statistik.

Wie genau auf diese Weise die kriminelle Realität abgebildet wird, ist schwierig zu beurteilen. Ein Beispiel: Laut der Kriminalstatistik ist die Zahl der bei Gericht angezeigten Einbruchsdiebstähle von 2005 auf 2006 um über acht Prozent gesunken. Beim österreichischen Versicherungsverband verzeichnete man allerdings nur einen Rückgang von drei Prozent bei den Schadensfällen.

Neben der monatlich veröffentlichten Kriminalstatistik hat die Polizei aber noch den internen "Sicherheitsmonitor". In diese Software tragen die 25.000 Polizisten relativ kurz nach der Tat ein, welche Delikte anfallen. Zusätzlich können eigene Parameter eingegeben werden, um aktuelle Kriminalitätsentwicklungen verfolgen zu können.

Während die Deliktszahlen in der offiziellen Kriminalstatistik seit Monaten sinken, gibt es in dem Sicherheitsmonitor ein Plus, gesteht man ein - das wenig aussagekräftig sei, da sich die Zahl der eingegebenen Parameter ständig ändere. Alleine: Welche Tendenz dieser Sicherheitsmonitor zeigt, gibt man trotz mehrmaligen Nachfragens nicht preis. Die Zahlen seien nur für den internen Gebrauch, wird beschieden. Gleichwohl versichert BK-Chefin Ranniger, es gebe keine "Geheimstatistik".

In einem Deliktsbereich musste die BK-Chefin heuer schon einen unangenehmen Reality-Check vor der Haustüre machen. Die Zahl der Autodiebstähle ist um elf Prozent gestiegen - ihr Wagen verschwand im August. (Michael Möseneder/DER STANDARD, Printausgabe, 23. September 2008)

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