Akademische Jugendbilder

22. September 2008, 17:52
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Muntean/Rosenblum zeigen neue Malereien und Videos im Essl Museum - Zu jeder Kommunikations­gelegenheit existiert ein Song­zitat oder ein Filmdialog

Klosterneuburg - Auch im Essl Museum bleibt das Malerpaar Markus Muntean und Adi Rosenblum seinem Stammsujet treu, malt sich die Tücken des Heranwachsens aus. Also: Keine Jugend ohne Bauchsorge, keine Adoleszenz ohne Vorrang für die körperlichen Bedürfnisse vor den geistigen. Was bei nicht ausreichender Befriedigung der ersteren gerne zu Langeweile führt, zu völliger Untätigkeit angesichts des eben nicht Eintretenden. Zumindest sehen die jeweils Älteren das seit jeher so. Und die Rabiateren unter ihnen haben die Trägheit auch gleich einmal zur Todsünde erklärt.

Zumindest bei Mönchen wird Akedia überhaupt nicht geduldet, dieser Zustand, in dem alles öd und leer erscheint. Martin Luther hat die pastorale Amtsführung als Heilmittel, als Ennui-Entferner vorgeschlagen, aber das ist lange her und funktioniert heute nur mehr innerhalb von Randgruppen ohne statistische Relevanz.

Wem anständig fad ist, der will einfach nichts bewegen, der fühlt sich echt genervt von Anwandlungen wie "sinnvoll Zeit verbringen" oder gar "etwas bewegen" müssen. Ja wie soll das denn auch gehen, bezugslos inmitten einer Blumen-des-Bösen-Wiese. Ja woher denn plötzlich diese Kurzweil nehmen, wenn Sein und Zeit und Ich bezugslos sind. Dort, wo es die Ausrüstung für "immer etwas zu tun" gibt, gibt es doch bloß Markenprodukte für Altvordere, Black & Decker und Skill und Hilti. Dort ist nichts zu holen fürs bildgebend melancholische Abhängen nach der Entfremdung in der Schulwelt, dort gibt es keine Rüstungen für das dekorative Treiben-Lassen in der Uneigentlichkeit.

Muntean/Rosenblums Jugend ist alles vorformuliert, zu jeder Kommunikationsgelegenheit existiert ein Songzitat oder ein Filmdialog, und die Sehnsucht bezieht sich nur auf die passende Kulisse. So wird eben abgewartet, bis jemand kommt, der einen Superstar sucht oder das latente Model in der Vorstadtbraut entdeckt, jemand, der einen ins Licht rückt.

Das Künstlerpaar hat das nun auch schon wieder viele Jahre lang getan, zur Dekoration erhoben, was markenbewusst den Stadtraum ziert, vor Fast-Food-Outlets anonym in edlen Sneakers steckt. Und also musste eine Abwechslung her, wollte die um die letzte Jahrhundertwende selbst zur Marke gewordene Malerei des Duos ein wenig aufgepimpt werden. (Ohne freilich den einmal erlangten Wiedererkennungswert durch unüberlegte Tunig-Maßnahmen zu erschüttern). Zum einen ist das via Überführung ins Medium Film gelungen: Weil es ja doch nix schadet, wenn die gelangweilten Hauptdarsteller musikalisch fett begleitet ein wenig in der Landschaft herumirren, was - genau! - dann bloß noch geloopt werden muss.

Und zum anderen kann man die jungen Menschen ja ein wenig Kunstgeschichte nachstellen lassen, sie so arrangieren, als wären sie der tote Körper Christi bei Mantegna oder spielten eben die Göttliche Komödie am Autofriedhof nach. Kinder, heute wird einmal klassische Ikonografie gespielt, heute werden die großen alten Gesten gesetzt, heute ist uns ganz bedeutungsschwanger, heute kurieren wir eure latente Bauchsorge nach der Methode des berühmten Maler-Dr. Neo Rauch! (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 23.09.2008)

Bis 1. Februar 2009

  • Muntean/Rosenblum vermitteln klassische Ikonografie im jugendlichen Design: "Untitled (There are Times)".
    foto: essl museum

    Muntean/Rosenblum vermitteln klassische Ikonografie im jugendlichen Design: "Untitled (There are Times)".

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