Die Lust an der Grenzüberschreitung

22. September 2008, 17:50
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Beliebt bei Touristen und bekannt durch ge­le­gent­liche nationalistische Auf­wallungen: Die dal­ma­ti­nische Metropole Split, Kroatiens zweitgrößte Stadt, sucht nach einem neuen Selbstverständnis

Split - Der 70-jährige Künstler Antonio Gotovac Lauer sitzt nackt auf einem Stuhl und spricht in die Kamera. In der Art Thomas Bernhards zieht er über die Dummheit her, die ihm von Kindesbeinen an eingetrichtert wurde: die Dummheit des Vaters, der Schule, der Gesellschaft, des Militärs - überhaupt die Dummheit der Welt. Während der Schimpftirade läuft im Hintergrund einer seiner Filme aus den 1960er-Jahren in Endlosschleife: Super-Acht-Aufnahmen in Schwarz-Weiß, die einen Mann mit Zylinder beim Spazieren zeigen.

Der Film "Glupi Antonio Predstavlja" ("Dummer Antonio" ) des Zagreber Regisseurs Darko Bavoljak ist ein typischer Beitrag für das Split Film Festival, das letzte Woche in der dalmatinischen Hafenstadt stattfand. Seit zwölf Jahren stellt der Filmer und Festivaldirektor Branko Karabatić jeweils im Spätsommer ein internationales Programm zusammen, das stilistisch eigenwillige und experimentelle Werke umfasst und auch die neuen Medien mit einbezieht.

So bekam man in den Multiplexsälen des neueröffneten Einkaufszentrums "Joker" nicht nur engagierte und qualitativ herausragende Dokumentarfilme wie "Welcome to Hebron" des Schweden Terje Carlsson oder Spielfilme wie "Eat, For This Is My Body" des Haitianers Michelange Quai zu sehen. Im Jugendkulturzentrum waren auch witzige Medieninstallationen zu bewundern, etwa "Trace - Light Whistling" des Polen Grzegorz Rogala, an dem man als Besucher mit einem Lichtstift selbst mitwirkt - ein Angebot, das neben der Ars Electronica in Linz weitgehend einzigartig ist.

Die Suche nach neuen Formen und die Lust an der Grenzüberschreitung machen in Split durchaus Sinn. Einerseits kennt die Kunst des Experimentalfilms hier - anders als in Zagreb mit seiner Animationsfilmtradition - eine lange Tradition; man spricht sogar von der Spliter Schule. Anderseits gibt es im ehemaligen Jugoslawien wohl kaum einen zweiten Ort, an dem das vielfältige historische Erbe so sicht- und spürbar ist wie im einstigen Spalatum.

Kontrastreiche Fassaden

Seit langem profitiert der lokale Tourismus von der Anziehung des römischen Diokletian-Palastes, der aus dem dritten Jahrhundert stammt und zum Weltkulturerbe gehört. Heerscharen von Touristen schlendern täglich durch die engen Gassen der Altstadt, die an die venezianische Vorherrschaft erinnern. In der in weißem Stein gehaltenen Uferpromenade, die mit Palmen und Kräutergärten prunkt, hat Split letztes Jahr eine repräsentative Fassade auf der Südseite der Halbinsel erhalten - dies im Unterschied zur Nordseite, auf der sich noch immer der sozialistische Wohnungsbau ausbreitet.

Den Facettenreichtum der Stadt, die mit Vororten rund 500.000 Einwohner zählt, und ihre spezielle Lage an einer Schnittstelle zwischen West und Ost hat sich die Politik in den letzten Jahren verstärkt zu eigen gemacht. Um die touristische Attraktivität zu erhöhen, wurde in die Kultur investiert. Unter der Leitung der Kulturverantwortlichen Tamara Viscović wurde das traditionelle Sommerfestival mit Opern-, Theater-, Konzert- und Ballettaufführungen auf europäisches Niveau gehoben; zum Angebot zählt zusätzlich die "Diokletiansnacht" , eine historische Inszenierung in Originalkulisse. Der nahe Strand von Bačvice wird seit kurzem als attraktive Bühne für ein Open-Air-Kino genutzt.

Diese Aktivitäten beleben das bestehende reiche Kulturangebot. Für nächstes Jahr ist der Um- und Ausbau des alternativen Kulturzentrums zum einheitlichen Spiel- und Ausstellungsort für das Split Film Festival vorgesehen.

Neben dem wirtschaftlichen Gewinn zielt die kulturelle Initiative Splits vor allem auf das kroatische Selbstverständnis. Die Unterschiede zwischen Arm und Reich, die in dem Land auf dem Weg in die EU nicht kleiner geworden sind, und unterschiedliche Erfahrungen mit Unterdrückung haben auch an der dalmatinischen Küste zu einem starken Nationalstolz geführt. Als Ende 2005 der Exgeneral Ante Gotovina, dem Kriegsverbrechen gegen Serben vorgeworfen werden, verhaftet und dem Tribunal in Den Haag übergeben wurde, demonstrierten in Split rund 40.000 Menschen. Sowohl die kroatische Regierung als auch die Bischöfe des katholisch geprägten Landes halten ihn für unschuldig.

Inzwischen scheint die öffentliche Verehrung für den "Helden" etwas eingedämmt zu sein. Zwar ist sein Name noch immer auf einzelne Hausmauern gesprayt, und auf dem Markt findet man T-Shirts mit Gotovinas Konterfei, die Frustrationen, sagen Einheimische, entladen sich derzeit jedoch eher bei den nationalen Fußballspielen: Wenn der Stadtklub Hajduk Split mit seiner enormen Fangemeinde und Dynamo Zagreb aufeinandertreffen, kommt es regelmäßig zu Straßenschlachten. (Nicole Hess/DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2008)

  • Eine Kulisse, die nicht viele Orte zu bieten haben: Opernaufführung
zwischen den Säulen des Dio-kletian-Palastes aus dem dritten
Jahrhundert, als das heutige Split den römischen Namen Spalatum trug.
Der Palast gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.
    foto: tourismusamt split

    Eine Kulisse, die nicht viele Orte zu bieten haben: Opernaufführung zwischen den Säulen des Dio-kletian-Palastes aus dem dritten Jahrhundert, als das heutige Split den römischen Namen Spalatum trug. Der Palast gehört zum Unesco-
    Weltkulturerbe.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Split ist auch eine Hochburg des kroatischen Nationalbewusstseins: Fest des hl. Duje mit Seefahrern in dalmatinischer Tracht.

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