Umstrittenes Hausmittel mit Hut

23. September 2008, 12:42
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Berichte über die Wirkung der Heilpflanze Echinacea sind widersprüchlich, der Gebrauch wird auch nicht jedem empfohlen - Dem Wirkmechanismus des Sonnenhutes auf der Spur

Der Temperatursturz vor etwas mehr als einer Woche sorgt für Kratzen im Hals und niesende Menschen. Prophylaktisch wollen nun viele ihr Immunsystem stärken und das bedeutet wieder gutes Geschäft mit Echinacea-Präparaten. Allerdings gibt es immer wieder widersprüchliche Berichte über Studien ob das Phytopharmakum auch tatsächlich wirkt. Erst 2005 gab es Berichte über die erwiesene Unwirksamkeit der Pflanze, zwei Jahre später gab es wieder positive Studien von US-Wissenschaftern. Nicht für jeden ist das Mittel außerdem automatisch auch zu empfehlen.

derStandard.at/Gesundheit hat sich bei dem Grazer Pharmakognosten Rudolf Bauer, Co-Autor einer US-Studie zu Echinacea, erkundigt, wie der Stand der Forschung zu dem pflanzlichen Hoffnungsträger in der Erkältungszeit ist.

Ähnlichkeit zu körpereigenen Stoffen

"Bei den pharmakologische Studien, hat sich in letzter Zeit einiges getan, weil man dem Wirkmechanismus auf die Sprünge gekommen ist", erklärt Rudolf Bauer, Leiter der Abteilung Pharmakognosie am Institut für Pharmazeutische Wissenschaften an der Uni Graz. Zumindest wisse man jetzt wie manche Inhaltsstoffe von Echinacea wirken und wie sie das Immunsystem beeinflussen.

"Untersuchungen zeigen, dass durch Echinacea bestimmte Rezeptoren auf Immunzellen, so genannte Cannabinoid-2-Rezeptoren, beeinflusst werden", so der Pharmakognost. Diese Rezeptoren sind wichtig für die Aktivierung des Immunsystems. "Bestimmte Substanzen von Echinacea haben eine chemische Struktur, die körpereigenen Stoffen, die eigentlich diese Rezeptoren bedienen, sehr ähnlich sind."

Vorgetäuschte Infektionen

Letztendlich basiert eine erforschte Wirkung von Echinace auf einem Täuschmechanismus: Alkamide heißen die Inhaltsstoffe, die dem Körper eine Infektion vorgaukeln und so das Immunsystem stimulieren. "Nimmt man Echinacea in Tropfenform ein, lassen sich die Alkamide bereits zehn Minuten später im Blut nachweisen. Damit ist eine neue Ebene erreicht, auf der man die Wirkweise besser erklären kann", das heiße aber nicht, dass es nicht auch noch andere Wirkmechanismen gibt, meint Bauer. So könnten zum Beispiel auch die im Pflanzenextrakt enthaltenen Polysacharide Immunzellen aktivieren.

Entzündungshemmer

Keine endgültige Aufklärung gibt es hingegen zur entzündungshemmenden Wirkung von Echinacea - die Rede ist von Immunsuppression im positiven Sinne. "Bei Erkältungen ist in der Regel noch eine Entzündung involviert, es gibt also auch einen anti-entzündlichen Effekt", so Bauer.

Untersuchungen einer Arbeitsgruppe in Zürich konnten zeigen, dass bei der Einnahme von Echinacea zunächst eine Entzündungshemmung, also eine Hemmung von sehr starken Immunreizen auftritt und später erst eine stimulierende Reaktion. Daher plädiert der Pharmakognost für den Begriff 'immunmodulierend' statt 'immunstimulierend', wenn er die Wirkung der Pflanze erklärt.

Gegensätzliche Studien

Verwirrung könnten die verschiedenen Zubereitungsarten von Echinacea-Präparaten stiften, die im Handel erhältlich sind und in Studien unterschiedliche Ergebnisse erzielen. "Tatsächlich kommen diese Inhaltsstoffe sowohl in den Wurzeln als auch in den oberirdischen Teilen der Pflanze vor und sind im Presssaft und in höherer Konzentration auch in alkoholischen Tinkturen enthalten", erklärt Bauer.

Eine Studie zu Echinacea augustifolia, in der die Wirkung des Wurzelextrakts untersucht wurde und in der Bauer auch mitwirkte, wies zwar keinen positiven Effekt nach, aber die einzelne Zubereitungen seien doch sehr nahe an die Signifikanz herangekommen. "Eine Erhöhung der Dosis oder der Probendenzahl hätte vielleicht anderes Ergebnis gebracht. Es gibt viele andere Studien, die einen klinischen Effekt gezeigt haben", so Bauer. Auch für die bekannte Echinacea purpurea gibt es zum Teil widersprüchliche Studien. Bauer ist dennoch überzeugt: "Insgesamt zeigen doch eine Reihe von Studien eine Wirkung, es liegt also eine Evidenz vor."

Keine Vorbeugung gegen Erkältung

Vorsichtiger ist er hingegen bei der oft beworbenen Präventionswirkung von Echinacea:
"Es gibt keine Studien, die das untersuchen, weil man eine sehr große Probandenzahl bräuchte." Er empfiehlt Echinacea bei allerersten Anzeichen einer Erkältung (z.B. Kratze im Hals) einzunehmen. "Es ist kein Antibiotikum, das man im Nachhinein einnimmt, sondern für den Anfang gedacht um Entzündungen zu hemmen und das Immunsystem zu stimulieren. Eine Prophylaxe ohne Anlass hält er nicht für notwendig, es sei aber sinnvoll, wenn jemand sehr anfällig ist.

Nicht bei Autoimmunkrankheiten

Automatisch ist das pflanzliche Mittel aber nicht für jeden zu empfehlen: Bei fortschreitenden und Autoimmun-Erkrankungen wie Rheuma, Tuberkulose oder Multiple Sklerose sollte man Echinacea nicht anwenden. "Das ist eine Vorsichtsmaßnahme solange man nicht weiß, ob eine Stimulierung des Immunsystems diesen Zustand eventuell noch verschlechtert", erklärt der Pharmakognost den Grund.

Beispiel Aids

Am Beispiel Aids erklärt er, wie so eine unerwünschte Wirkung aussehen könnte: „Die Aidsviren befallen jene Zellen, die das Immunsystem ankurbeln und dafür sorgen, dass die Immunantwort ausreichend stattfindet (Helferzellen, Anm.). Diese Helferzellen werden durch Aidsviren weniger. Wenn Echinacea die Helferzellen stimulieren würde, würde möglicherweise auch die Vermehrung der Aidsviren stimuliert werden."

Vorsicht bei Allergien

Es gibt auch Berichte, wonach Echinacea bei Diabetes nicht empfohlen wird, die AGES rät außerdem während der Schwangerschaft und Stillzeit vom Gebrauch aller Echinacea purpurea-hältigen Arzneispezialitäten ab, weil es zu wenige Untersuchungen dazu gibt. Da die Echinacea zu den Korbblütlern gehört, sollte sie auch bei Allergien gegen Korbblüter nicht angewendet werden, weil allergische Reaktionen möglich sind. Der deutsche Bundesverband der Pneumologen warnte Anfang des Jahres auch Asthma-Patienten vor Echinaceaprodukten, da es zu einer Unverträglichkeit kommen könne.

Sehr wohl wird Echinacea aber bei Krebspatienten zusätzlich zu Krebsmedikamenten angewandt, weil diese sehr häufig das Immunsystem schädigen. "Das muss aber unter ärztlicher Aufsicht geschehen", so Bauer.

Dosierung genau einhalten

Generell gilt: "Jedenfalls den Beipackzettel beachten, denn die Hersteller-Empfehlungen zu Dauer und Dosis der Einnahme sind von Präparat zu Präparat unterschiedlich." Zu Überdosierungen seien zwar keine Nebenwirkungen bekannt, aber man sollte nichts übertreiben, so der Rat des Pharmakognosten. (mat, derStandard.at, 23.09.2008)

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    Zum Sonnenhut gibt es viele gegensätzliche Studien - die Vorbeugung von Erkältungen ist jedenfalls nicht erwiesen

  • Echinacea purpurea
    foto: institut für pharmazeutische wissenschaften/uni graz

    Echinacea purpurea

  • Echinacea palladia
    foto: institut für pharmazeutische wissenschaften/uni graz

    Echinacea palladia

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