Vom Durchschnitt im Querschnitt

22. September 2008, 15:42
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Der Sport bildet im Pro­gramm der Regierung eine Schriftmenge, in ihrer Praxis eine Wort­menge, an Ent­schei­dungs­menge war nicht viel zu bemerken - eine Evaluierung des Regierungsprogramms

Wien - Die Große Koalition hat sich taktisch verhalten wie Petronell gegen Mattersburg, hinten hineinstellen, auf Angriffe warten und alles niederschneiden, was sich bewegt, sofern es erwischt werden kann. Aber wer ist der Gegner? Der Koalitionspartner, oder die Sache, die beispielweise Sport heisst?

Im einschlägigen Kapitel des Regierungsprogramms für die XXIII. Gesetzgebungsperiode wird der Sport „als bedeutende Querschnittmaterie der Gesellschaft (Gesundheit, Soziales, Wirtschaft, Tourismus, Bildung, Integration, etc)" festgehalten. Konkrete Maßnahmen folgten in den vergangenen Jahren daraus fast nicht. Sieht man vom neuen Anti-Doping-Gesetz ab, das den Österreicher nach den beiden olympischen Skandalen des Skiverbandes allerdings von der Welt abverlangt wurde. Andernfalls hätten viele heimische Sportler den Ausschluss aus so ziemlich allen Veranstaltungen inklusive der Olympischen Spiele riskiert.

Vor wenigen Tagen stellten Sportminister Alfred Gusenbauer und Bildungsministerin Claudia Schmied die Initiative „Bewegte Kinder" für Volksschule und Kindergarten vor. Sie kostet 5,7 Millionen € und ist nach Gusenbauers Einschätzung die „gößte Bewegungsinitiative, die Österreich je gesehen hat". Das ist im historischen Längsschnitt ziemlich sicher eine unsportliche Übertreibung, jedoch vielleicht die einzige sichtbare Maßnahme der großen Koalition gegen die zunehmende Faulheit und Verfettung der Kinder.

Vielmehr haben die schwarz-blauen Regierungen den Querschnitt der Kinder auch mittels Einschränkung der schulischen Bewegungseinheiten vergrößert. Die aktuelle Regierung wollte laut Regierungsprogramm die Lehrer sportlich fortbilden, den Sport besser in das Schulprogramm integrieren, die Kooperation mit den Vereinen verstärken. Bildungsministerin Schmied hat stundenplanmäßig nichts weitergebracht, auch „Bildungsmaßnahmen zum Thema „Ernährung und Gesundheit" wurden nicht übertrieben betrieben.

Nur Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka hat für ein Flugblatt des „Burgergiganten" (Eigendefinition) McDonald's einen lieben Gastbeitrag zum Thema Sportförderung zubereitet. Darin dankt er dem der Askese verpflichteten Unternehmen für sein „Bemühen, junge Menschen für Sport zu begeistern", außerdem erhielten viele Sportvereine gerade von den „regionalen Unternehmen" Hilfe für „die tägliche Arbeit im Sport".

Lopatkas Initiative steht in der Tradition des McDonald's-Ernährungsclowns, den Ex-Gesundheitsministerin Rauch-Kallat in die Kindergärten schickte. Wenn jetzt noch Automaten des olympischen Partners Coca Cola in den Turnsälen montiert werden, kann eine große sportliche Zukunft der Querschnittsmaterie Sport nicht mehr verhindert werden. Dem Regierungsprogramm zufolge soll schließlich der Sport „als anerkannte Säule der Prävention im Gesundheitssystem" verankert werden, da ist der Wettkampf mit Pommes und Zuckersprudel nur ein naheliegender Lehrinhalt beim Turnen.

Die Regierung wollte Spitzensportlern ein „One-Stop-Shop-Prinzip" bieten, um das Förderwesen zu entbürokratisieren. Zwar verteilte erstmals auch das Bundeskanzleramt direkt Fördergelder, aber das geschah praktisch ohne Bürokratie. Wer erinnert sich nicht mit Schmunzeln an das sauteure Überdruckvehikel, von dem zwar mangels wissenschaftlicher Studien keine Wirkungen auf Sportlerkörper bekannt waren, aber Teamchef Josef Hickersberger räumte ein, dass die Fantasie im Querschnitt des Trainings nicht unterschätzt werden sollte.

Zentralisierung? Also EU. Die Koalition schrieb sich selber vor, dass der Sport in die europäische Verfassung aufgenommen werde. Als Wolfgang Schüssel Kanzler und knapp vor der vergangenen Nationalratswahl auch EU-Ratspräsident war, kümmerte er sich zwar nicht um den Sport, aber nach der gegen Gusenbauer verlorenen Nationalratswahl wollte er Präsident der Bundes Sport Organisation werden. Der Posten ist allerdings eine Längsschnittsmaterie der SPÖ. Er wurde dem ehemaligen Sportstaatssekretär und ASKÖ-Präsidenten Peter Wittmann anvertraut. Schließlich braucht die Bearbeitung der Gesellschaftsmaterie Sport den repräsentativen österreichischen Querschnitt. (Johann Skocek, 22. September 2008)

  • Sportminister Alfred Gusenbauer und Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka.
    foto: standard/cremer

    Sportminister Alfred Gusenbauer und Sportstaatssekretär Reinhold Lopatka.

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