"Wir sahen den Zusammenbruch des US-Finanzsystems"

22. September 2008, 13:41
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Die Erste Bank sieht die europäischen Banken breiter aufgestellt - Der US-Rettungsplan sei gut, aber die Finanzkrise noch nicht vorüber - "Leitbörse USA verliert an Bedeutung"

Wien - "Wir haben praktisch den Zusammenbruch des US-Finanzsystems gesehen", sagte der Chefanalyst der Erste Bank, Friedrich Mostböck, am Montag bei einem Pressegespräch in Wien. Die US-Investmentbanken seien "pulverisiert" worden, die verbliebenen Institute Goldman Sachs und Morgan Stanley werden künftig wie die meisten europäischen Banken normale Universalbanken sein und sich damit der Finanzmarktaufsicht unterwerfen müssen. Damit sollten die Institute transparenter und die Lücken im Risiko geschlossen werden, so Mostböck.

Im Unterschied zu den USA würden die europäischen Finanzinstitute nicht zur Gänze an der Börse notieren, ihr Streubesitz sei im Durchschnitt höher, weil es noch anderer Interessenten an den Instituten geben. Das sei von Vorteil, eine reine Privatisierung sei nicht so gut, da reine Finanzinvestoren die langfristige Entwicklung nicht im Auge hätten. In Europa seien die Banken durch "Konsensus-Konstrukte" breiter aufgestellt, was eine Risikobewältigung leichter mache.

Noch nicht vorbei

"Die Finanzkrise ist noch nicht vorüber", so Mostböck am Montag beim Pressegespräch zum Thema "Globale Strategie für das vierte Quartal 2008". Die "Leitbörse USA" werde als Folge der Krise an Bedeutung verlieren. Eine Ablöse etwa durch Europa werde aber nicht so bald passieren, der Anteil der USA auf Basis der Marktkapitalisierung in der globalen Benchmark, dem MSCI World-Index, sei noch immer doppelt so hoch wie jener Europas. Es wäre dies nicht der erste Leitbörsen-Wechsel, in den 90er Jahren sei Japan noch am stärksten gewichtet gewesen.

Gut sei der Plan der US-Regierung, mit einer Auffanggesellschaft die Märkte zu stabilisieren, anstatt nur Löcher zuzustopfen. An den internationalen Aktienmärkte sollte es nun zu einer Bodenbildung auf dem derzeitigen Niveau kommen, erwartet Erste-Analyst Rainer Singer. Bis zum Jahresende sollte sich dann zeigen, ob die Aktienmärkte 2009 wieder neu durchstarten können. Der Ausblick für die internationalen Finanzmärkte sei derzeit schwierig, gestand Mostböck ein.

Generell empfehlen die Erste-Analysten bis Jahresende Aktien im Portfolio noch unterzugewichten. Die Empfehlung "buy on bad news" sollte nur sehr selektiv und von langfristig orientierten Investoren angewendet werden.

In den USA werden derzeit die Risiken noch höher eingeschätzt als die Chancen, Europa habe dagegen langfristig ein attraktives Potenzial und Japan's Aktienmarkt befinde sich auf einem historisch günstigen Einstiegsniveau.

Für weitere Investments in Aktien spricht laut Erste Bank das generell anhaltende Wirtschafts- und Gewinnwachstum, die teils extrem günstigen Bewertungen der Unternehmen, die im Vergleich mit Anleihen höher Verzinsung von vor allem europäischen Aktien und die gute Liquiditätslage. Gegen Aktieninvestments spricht das noch immer von Panik geprägte und somit volatile Sentiment, die nach unten gerichteten Gewinnrevisionen, die sich im vierten Quartal negativ auswirken könnten, die geringere Liquidität in Folge der herrschenden Unsicherheiten und mögliche weitere Folgen der Finanzkrise.

Für die Wiener Börse und an den osteuropäischen Aktienmärkten prognostizieren die Erste-Experten im vierten Quartal noch keine Beruhigung. Gut stünden aber die Chancen, in den ersten beiden Quartalen 2009 eine "deutlich positive Performance" zu sehen, so Singer. (APA)

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