Die Welt, ein Sündenpfuhl

23. September 2008, 19:44
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Ein paar Dutzend Jugendliche tanzen im Namen der Enthaltsamkeit - Keine große Sache, wäre da nicht die Nähe zur Mun-Bewegung

Im blaustichigen Licht der Neonröhren strampeln sich etwa eine handvoll schlaksiger Mädchen in T-Shirts und Jogginghosen zu R´n B´ Klängen ab. Was eher an das Heimvideo einer Gymnastikstunde erinnert, ist ein Clip des Österreich-Ablegers der US-amerikanischen Performancetruppe W.A.I.T., kurz für „Washington AIDS International Teens".

Inmitten der Mädchen deutet ein Bursche ein paar Breakdance-Moves an. 19 Jahre alt, schlank, hoch gewachsen, mit vollen dunkelroten Lippen. Für viele Mädchen wahrscheinlich nicht unattraktiv. Aber ihn lässt das kalt: Mikula Beutl hat sich der Enthaltsamkeit verschrieben. Zumindest bis er die Frau gefunden hat, mit der er sein restliches Leben teilen wird. Und das kann nur eine sein, die „so lebt, wie es sich gehört", sprich enthaltsam. Alle anderen bezeichnet er als „Tussis" und „Zicken".

Sein eigener Weg

Im März dieses Jahres hat Beutl in seinem Heimatort Sandl, einer 1.500 Seelen-Gemeinde im oberösterreichischen Mühlviertel W.A.I.T-Austria gegründet. Über 50 Mitglieder zählt der Verein mittlerweile. Inzwischen ist eine weitere W.A.I.T. -Gruppe in Wien entstanden. Wenn Mikula Beutl mit glänzenden Augen seinen Erfolg beschwört - die Auftritte in Deutschland und Tschechien, die geplanten Gruppen in Salburg und Innsbruck - dann schwingt Stolz in seiner Stimme mit.

Beutl wird nicht müde zu betonen, W.A.I.T. sei seine eigene Idee gewesen. Sein eigener Weg, um die Botschaft der reinen Liebe und der Enthaltsamkeit zu verbreiten. Es genügt jedoch, Mikula Beutls Name zu googeln um festzustellen, wessen Botschaft er eigentlich verbreitet: Die von Mun Sun-myung, Gründer und Oberhaupt der Mun-Bewegung, oder Vereinigungskirche, wie sie im deutschen Sprachraum heißt.

"Das Göttliche Prinzip"

Mun, 1920 in der Provinz P'yŏngan-pukto, im heutigen Nordkorea geboren und in einem presbyterianischen Elternhaus aufgewachsen, gründete die gleichnamige Kirche in den 1950er Jahren. Im Mittelpunkt seiner Lehre steht die Mun´sche Interpretation des biblischen Sündenfalls: Eva wurde demnach von Satan verführt und hat so die Menschheit „auf den Weg des Bösen" geführt, wie es im Muns Buch "Das Göttliche Prinzip" heißt. Die Folge: Das einstige Paradies verwandelte sich in einen Sündenpfuhl. Einziger Ausweg ist nach Muns Lehre die "Wiedergutmachung", also das Verheiraten sündloser Adams mit sündlosen Evas, mit dem Ziel eine von Satan unabhängige "wahre Familie" zu gründen.

Die "wahre Familie"

Die Anhänger, Munies genannt, werden durch eine Adoptionszeremonie zu Kindern der "wahren Eltern" (Mun und seine, mittlerweile vierte Frau) und Mitglieder der "wahren Familie" (der Mun-Bewegung). Als solche können sie sündlose Kinder zeugen. Kinder wie Mikula Beutl: Er wurde als erstes von vier Kindern in eine Mun-Familie hineingeboren. Er besuchte die Hauptschule im Bezirk Linz, absolvierte danach eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Seine Freizeit verbrachte er mit anderen Munies bei H.A.R.P., einer Mun-nahen Jugendorganisation. Aufgrund des Engagements seines Vaters für die Bewegung reiste die Familie viel.

Dass für Mikula Beutl Enthaltsamkeit einen hohen Stellenwert einnimmt, überrascht nicht: Für Munies gilt kein Sex vor der, von Meister Mun „gematchten", sprich arrangierten, Ehe. Den Kern der Mun-Bewegung stellt die „Vereinigungskirche" dar. Nach eigenen Angaben hat diese weltweit rund zwei Millionen Mitglieder; offizielle Schätzungen belaufen sich hingegen auf rund ein Zehntel.

Phantom Mun-Bewegung

Über wie viele Mitglieder sie hierzulande verfügt, kann auch German Müller von der Bundesstelle für Sektenfragen nicht genau beziffern; seine Schätzungen schwanken zwischen 500 und 1.000. Auch sonst weiß Müller nicht viel über die Mun-Bewegung zu sagen: Typisch sei, dass Mitglieder für das Keilen von Spenden herangezogen werden um Muns Aktivitäten zu finanzieren. Zwar werde die Bewegung umgangssprachlich als Sekte bezeichnet, in Wirklichkeit verdiene sie laut Müller aber eher die Bezeichnung Konzern.

Mit Themen wie Familie, Frauen, Weltfriede und Enthaltsamkeit gelinge es ihnen auch auf politischer Ebene Konservative anzusprechen, sagt Müller. „Ihre Inhalte transportiert die Bewegung mithilfe einer Vielzahl von Projekten, Initiativen und Veranstaltungen - oft auch im Rahmen von UNO-Veranstaltungen - wobei meist nicht transparent gemacht wird, dass Muns Ideologie dahinter steckt."

Weltweit vernetzt

So ist es nicht weiter verwunderlich, dass die Bewegung mittlerweile über ein weltweites Netzwerk verfügt, dem ungezählte Firmen und Vereine angehören: Angefangen bei der konservativen US-amerikanischen Tageszeitung „Washington Times" - die mit einer Auflage von rund 100.000 Stück aber kaum mehr verkauft, als eines der großen deutschen Regionalblätter -, bis zur Nachrichtenagentur UPI (United Press International), die 2001 mit der Übernahme durch Muns „News World Communications" vollständigen in seinen Besitz übergegangen ist.

Hinzu kommen zahllose Nahrungsmittel- und Blumenimporteure, Maschinenmanufakturen sowie diverse international operierende Jugendorganisationen, wie C.A.R.P (Collegiate Association for the Research of Principles), dessen Nachfolgeorganisation H.A.R.P. (High School Association for the Research of Principles), "Pure Love Alliance" (PLA) und eben W.A.I.T.

„The words of the Beutl Family"

Spricht man Mikula Beutl heute auf seine Zeit bei H.A.R.P. an, reagiert er ausweichend: „Das war nur ein kleiner Verein". Und: H.A.R.P. habe er nur der Workshops wegen besucht und weil man „auf den Camps nützliches fürs Leben lernt". Zum Beispiel? Die Antwort folgt wie auf Knopfdruck: „Wie man Liebe kontrolliert". Auf „Pure Love Alliance" sei er erst kürzlich gestoßen und habe lediglich „losen Kontakt", obwohl es seit jeher Kooperationen zwischen „Pure Love Alliance" und H.A.R.P. gegeben hat, und  Beutl als ehemaligem „Harpie" PLA  durchaus ein Begriff sein müsste. Auf der Website von W.A.I.T. kann man beide unter "Partner/Sponsoren" finden.

Auch der Eintrag zu seinem W.A.I.T.-Projekt auf einer Website der Mun-Bewegung, tparents.org, wo Mikulas Vater Nikolaus Beutl unter der Rubrik „The words of the Beutl Family" Pamphlete postet, stehe in keinem Zusammenhang. Die ideologischen Übereinstimmungen mit den Lehren Muns reiner Zufall? „Jeder Mensch weiß, was richtig, und was falsch ist. Jeder will eigentlich so leben."

Konservative Werte

Die jüngste „Jugend-Wertestudie" von 2006/2007 gibt Beutl in diesem Punkt recht: Rund 63 Prozent der Jugendlichen sind auf der Suche nach einer strikten Trennlinie zwischen „gut" und „böse". Das gesteigerte Bedürfnis nach Sicherheit durch ein konservatives Wertesystem ist eine Reaktion auf die gesellschaftlichen Veränderungen und die damit verbundenen Ängste, heißt es in der Studie, die von der Katholisch-Theologischen Fakultät in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Institut für Jugendforschung durchgeführt wurde.

Mun-Rekrutierung

Mikula Beutl schwört jedenfalls Stein und Bein, W.A.I.T. habe nichts mit Religion zu tun; erst recht nichts mit der Vereinigungskirche. Warum wird die US-amerikanische W.A.I.T.-Truppe dann eindeutig als eine von Muns Non-Profit-Organisationen geführt und vor allem: Warum firmiert Beutls Verein unter deren Namen? Für einen kurzen Moment kommt Mikula Beutl ins Stocken: „Ja, das stimmt", sagt er und dann: „Diese Fehler müssen wir noch ausbessern, damit das nicht in Verbindung gebracht wird."

Ein paar Takte später erzählt „Mikula kook-yong Beutl", wie er sich auf der social networking-Plattform „Facebook" nennt, dass erst kürzlich ein W.A.I.T.-Mitglied aus den USA zu Besuch gewesen sei, um Beutls Fortschritte zu begutachten. Laut German Müller eine gängige Praxis der Munies, bei denen sämtliche Entscheidungen unter den wachsamen Augen von Brüdern und Schwestern gefällt werden.

Leben als Munie

Über Mun und die Vereinigungskirche spricht Mikula Beutl nicht gerne: „Ich bin kein aktives Mitglied mehr". Viel lieber referiert er über die Gefahren, die Sex und AIDS darstellen: „Ich sehe, wie die Jugend untergeht", sagt der 19-jährige. „Die Mädchen lassen sich ausgreifen; das ist grauenhaft". Die Frage, ob er selbst schon einmal Sex hatte, lässt er unbeantwortet. Nur soviel: „Ich habe einigen Mist gebaut". Und dann erzählt er von einer Gesellschaft, in der Liebe zu einem Konsumgut verkommen sei, von Menschen, verdorben durch ihren ausschweifenden Lebensstil und von der Allmacht und dem Einfluss der Werbung. Der Zivildiener in braunschwarzem Ringelshirt und Baggy Pants wird zum Prediger, der jedes Wort wohl überlegt, ehe er es ausspricht. (derStandard.at, Birgit Wittstock, 23.09.2008)

  • Tanzen für eine bessere Welt.
    standard

    Tanzen für eine bessere Welt.

  • Die W.A.I.T.-Website.
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    Die W.A.I.T.-Website.

  • Eine von Muns Massenhochzeiten in Seoul, Süd-Korea.
    ep/youn jae-wook

    Eine von Muns Massenhochzeiten in Seoul, Süd-Korea.

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