"Ende der Wall Street": Morgan Stanley und Goldman Sachs werden Holdings

22. September 2008, 16:30
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Die letzten beiden US-Investmentbanken geben ihr Geschäftsmodell auf - US-Finanzminister Paulson will weitreichende Vollmacht

Washington - Angesichts des Sturms auf den Finanzmärkten werfen die beiden letzten großen US-Investmentbanken ihr Geschäftsmodell über Bord und suchen Zuflucht bei der Notenbank Fed. Goldman Sachs und Morgan Stanley gaben in der Nacht zum Montag ihre Verwandlung in gewöhnliche Geschäftsbanken bekannt, um Zugriff auf die Geldtöpfe der Fed zu bekommen.

Die beiden bislang relativ ungezügelten Branchenführer müssen sich damit in Zukunft den deutlich strengeren Auflagen der Fed unterwerfen, können sich aber im Gegenzug auch im Privatkundengeschäft engagieren - etwa durch Übernahmen. Damit ist das Geschäftsmodell der US-Investmentbank faktisch ausgelöscht, das die Wall Street mehr als 20 Jahre lang dominierte.

"Das Ende der Wall Street"

In einem Kommentar des "Wall Street Journal" hieß es, diese Entscheidung markiere das Ende der Wall Street, wie sie seit Jahrzehnten bekanntgewesen sei. Der angekündigte Strukturwandel folgt auf eine chaotische Woche auf den internationalen Finanzmärkten.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, bemühten sich die beiden Investmentbanken selbst bei der Fed um die Genehmigung für ihre Umwandlung. An der Börse waren in der vergangenen Woche ernsthafte Zweifel aufgekommen, ob die stark von den Finanzmärkten abhängigen Geldhäuser die Finanzkrise überleben würden. Nun sollen sie bereits in der Übergangszeit auf die Geldtöpfe der Fed zurückgreifen können.

Aus für Sonderstatus

Bislang unterlagen die Investmentbanken lediglich den Auflagen der US-Börsenaufsicht SEC. Dieser Sonderstatus ermöglichte es ihnen, mit riesigen Summen geliehenen Geldes hohe Risiken einzugehen. In guten Zeiten konnten sie damit gigantische Gewinne einfahren - zuletzt jedoch brachte dieses Geschäftsmodell zunehmend Probleme. Nach der Umwandlung müssen sie wie andere Banken auch viel Geld bei der Fed hinterlegen und können deshalb nicht mehr mit einem so großen Hebel arbeiten wie bislang.

Branchenexperten begrüßten die Umwandlung in einer ersten Reaktion. "Das schafft einen Eindruck von größerer Sicherheit und Überwachung. Es rationalisiert das Aufsichtssystem. Es sollte sowohl für Goldman Sachs als auch für Morgan Stanley gut sein", sagte Chip MacDonald, ein Fusionsexperte bei der Kanzlei Jones Day. Kirby Daley von Newedge Group in Hongkong bewertet die Umwandlung als Beleg dafür, dass die US-Regierung und die Banken selbst weiter große Gefahren am Finanzmarkt wittern. "Die Folgen der gesamten Maßnahmen sind einfach irre."

Zu Jahresanfang gab es an der Wall Street noch fünf große Investmentbanken. Bear Stearns und Merrill Lynch retteten sich in die Arme der breiter aufgestellten Häuser JP Morgan und Bank of America, Lehman Brothers musste vergangene Woche insolvenz anmelden.

Wie Reuters weiter erfuhr, haben damit für Morgan Stanley die Fusionsgespräche mit der US-Regionalbank Wachovia an Dringlichkeit verloren, ein Zusammenschluss sei weniger wahrscheinlich geworden. Morgan Stanley setze jedoch die Gespräche mit anderen Parteien fort, hieß es am Sonntag. Das Institut verhandelt unter anderem mit einem chinesischen Staatsfonds über eine höhere Beteiligung.

Paulson will fast unumschränkte Vollmacht

Unterdessen will sich der US-Finanzminister im Rahmen des am Freitag vorgestellten Rettungsplans der US-Regierung praktisch unumschränkte Vollmachten geben. Der Finanzminister - zur Zeit Henry Paulson, früherer Chef der Investmentbank Goldman Sachs - könnte nach einem solchen Gesetz nach eigenem Gutdünken Preise und Konditionen der erworbenen Wertpapiere bestimmen ohne hinterher einem Gericht oder einer Behörde verantwortlich zu sein. Die Summe von 700 Mrd. US-Dollar (knapp 500 Mrd. Euro) ist ferner keine fixe Obergrenze, sondern ein Kreditrahmen.

Nach einem am Sonntag vorgelegten neuen Entwurf (siehe unten) sollen vom Staat außerdem nicht nur hypothekenbezogene Wertpapiere, sondern auch andere problembehaftete Wertpapiere ("troubled assets") angekauft werden dürfen, berichtet die Nachrichtenagentur Bloomberg. "Diese Änderung legt nahe, dass dies auch Auto- und Studentenkredite und notleidende Kreditkartenschulden beinhaltet."

So heißt es in dem Entwurf etwa, dass der Finanzminister "zu jeder Zeit und zu Bedingungen und Preisen, die vom Finanzminister bestimmt werden (...) in Transaktionen hinsichtlich des Kaufs von hypothekenbezogenen Wertpapieren unter dem vorliegenden Gesetz eintreten." Außerdem sollen Entscheidungen, "die der Finanzminister unter der Bevollmächtigung durch dieses Gesetz trifft, keiner Nachprüfbarkeit, sondern dem Ermessen der (Regierungs)behörde unterliegen und können nicht durch ein Gericht oder eine Verwaltungsbehörde überprüft werden."

Bush: "Gute Fortschritte"

Die Beratungen über das Rettungspaket sind nach Worten von US-Präsident George Bush im Kongress gut vorangekommen. Er sei zuversichtlich, dass ein Paket geschnürt werden könne, um bleibenden Schaden von der amerikanischen Wirtschaft abzuwenden, sagte Bush am Montag. Sollten die Politiker nicht entsprechend handeln, hätte dies Folgen, die weit über die Wall Street hinausgingen. Ein Scheitern der derzeitigen Verhandlungen mit der Regierung würde unter anderem auch Besitzer von kleinen Geschäften bedrohen. (Reuters/APA)

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    Derzeit beraten US-Regierung und Kongress über ein Rettungspaket der Superlative für die Finanzmärkte.

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