"Es gibt schlimmere Schicksale"

21. September 2008, 18:48
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Sebastian Prödl war beim 5:2-Sieg Bremens in Bay­ern mitten drin. Für den Stei­rer geht es nun da­rum, den Sieg rasch zu vergessen - ein STANDARD-Interview

Standard: Wie fühlt man sich am Tag nach einem 5:2-Sieg gegen Bayern München?

Prödl: Sehr gut, sehr müde. Es war ein geiles Erlebnis. Die Stimmung beim Auslaufen war logischerweise nicht gerade schlecht.

Standard: Franz Beckenbauer riet seinem Trainer Jürgen Klinsmann, sich am Oktoberfest anzusaufen, um die Niederlage zu verarbeiten. Das ist wohl ein Beleg dafür, dass es ein nahezu historisches Match war.

Prödl: Ja. In den deutschen Medien war es das Hauptthema. Wir wurden hochgelobt, aber in Wahrheit ging es um die Schmach, die wir Bayern zugefügt haben. Man merkte fast Schadenfreude.

Standard: Sind Sie nun in Bremen quasi angekommen? Nach den ersten Einsätzen wurden ja das komplette Abwehrverhalten kritisiert.

Prödl: Ich wurde hier gut aufgenommen. Hätte mir einer gesagt, dass ich von fünf Meisterschaftspartien vier spiele, hätte ich ihn für verrückt erklärt. Natürlich gab es anfangs Unsicherheiten, vielleicht war der Sieg gegen die Bayern meine Feuertaufe, weil es zuvor nie zu drei Punkten gereicht hat. Aber ich gebe mich keinen Illusionen hin, es bleibt für mich ein harter Kampf.

Standard: Das heißt, Sie sehen sich nicht als Stammspieler, oder?

Prödl: Nein, aber ich gehöre zum engen Kreis. Ich profitierte auch von Ausfällen. Du musst dich hier Tag für Tag aufdrängen, im Training ans Limit gehen, deine Chancen nützen. Egal auf welcher Position. Gegen Bayern verteidigte ich auf der rechten Seite, weil dort ein Platz für mich frei wurde. So dumm es klingt: Es geht darum, dieses 5:2 rasch zu streichen. Am Dienstag wartet im Cup Aue, nur das zählt. Abgesehen davon gibt es bestimmt schlimmere Schicksale, als bei Werder hin und wieder auf der Bank zu sitzen.

Standard: Wie beschreiben Sie Ihren Trainer Thomas Schaaf?

Prödl: Er ist eine Respektsperson, hat einen guten Draht zur Mannschaft, ist absolut fair. Und er kann mit jungen Spielern umgehen.


Standard: Worin besteht der größte Unterschied zwischen der deutschen und der österreichischen Liga, zwischen Bremen und Sturm?

Prödl: Tempo und Qualität sind in Deutschland höher, die Stadien sind viel größer. Trotzdem bin ich überzeugt, dass einige österreichische Kicker auch im Ausland ihren Weg machen würden. Sie müssen sich nur trauen.

Standard: Überkommt Sie manchmal das Gefühl, dass es in Ihrer Karriere zu schnell geht?

Prödl: Nein, weil ich am Boden bleibe, den richtigen Umgang mit Erfolgen gelernt habe. Das 5:2 gegen die Bayern ist vergessen, auch das 3:1 gegen Frankreich, der vierte Platz bei der U20-WM und die Europameisterschaft sind Vergangenheit. Nehmen wir das Nationalteam her: Wichtig ist nur der 11. Oktober, das WM-Qualifikationsspiel gegen die Färöer.

Standard: Wie bekämpft man die Einsamkeit im Ausland? Sie leben alleine in Bremen - vermissen Sie manchmal die sozialen Kontakte?

Prödl: Ich habe hier ausschließlich Fußball im Kopf. Mit einigen Teamkollegen verstehe ich mich sehr gut, die helfen mir, da entwickeln sich Freundschaften. Aber ich bin einer, der sich gerne zurückzieht und Ruhe hat. Der Prödl kommt mit dem Prödl gut aus. (Christian Hackl, DER STANDARD, Printausgabe, Montag, 22. September 2008)

 

ZUR PERSON:

Der Steirer Sebastian Prödl (21) verteidigte von 2002 an für Sturm Graz. Im Juli 2008 wechselte er zu Werder Bremen (Vertrag bis 2012). Prödl kickte bisher 15-mal im österreichischen Nationalteam und erzielte zwei Tore.

 

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    Mitten drin im Geschehen: Sebastian Prödl (re).

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    Mitten drin im Geschehen II: Sebastian Prödl(li).

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