Rote Nächte in der Wiener Szene

21. September 2008, 18:21
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Wie die SPÖ schon vor dem Urnengang das Feiern übt - und was Wirte davon haben

Wien - Feiern will geübt werden. Auch wenn das Wahlkampfplaner nicht gern hören. Denn der Verweis auf das Siegerlächeln lang vor dem Urnengang könnte dazu führen, dass sich Wahlkämpfer, die an der Basis Knochenarbeit leisten, nicht mehr voll anstrengen.

Trotzdem übt die SPÖ in Wien eifrig das Feiern - bindet an den "richtigen Orten" die "richtigen Leute" ein. Schließlich haben Schicki-Volk und Szenewirte Übung im medientauglichen Party-Lachen. Und wenn etwa die Betreiber des Motto (Bernd Schlacher) oder der "Summer Stage" (Ossi Schellmann) als Mitgastgeber von Wahlkampfpartys aufscheinen - oder zumindest den Eindruck erwecken -, ist das ein Signal an ein Publikum, das man anders vielleicht nicht erreicht.

Dass die "Summer Stage" Ulli Simas deklarierter Lieblings-Sommerort in Wien ist, war daher wohl nicht der einzige Grund dafür, dass Barbara Prammer die SP-Frauen bei Schellmann feiern ließ. Und als es Laura Rudas vergangenen Montag bei Schlachers "Soiree Rouge" ausnahmsweise nicht mit Werner Faymann, sondern mit der Margaretner Lokalmatadorin Renate Brauner krachen ließ, stellten sich Alfons Haider und Marika Lichter loyal als "Seitenblicke"-Aufputz ein. Und strahlten so freudig um die Wette, dass Ministerin Claudia Schmied zwischen ihnen glatt unterging.

Aber nicht nur im Schicki-Segment will die SP über die Ortswahl punkten: Beim schon traditionellen Gürtel-Nightwalk Ende August ließ man sich die Chance nicht entgehen, Werner Faymann flächendeckend unter die Nachtschwärmer zu bringen - wenn auch nur auf Plakaten. Physische Szeneverbundenheit demonstrierten die Gemeinderäte Nurten Yilmaz, Kurt Stürzenbecher und Heinz Vettermann mit einer Lesung.

Dass Politik wie Fußball ist - eine Party, an der nicht nur Akteure am Spielfeld beteiligt sind -, lässt sich ebenfalls perfekt in den Ersatzwohnzimmern der "Szene" inszenieren: TV-Konfrontationen gibt man sich beim "Public Viewing" - mit der SP am "Badeschiff".

Auch der Gastronom Stefan Gergely, Besitzer der Lokalansammlung "Schlossquadrat" im fünften Wiener Gemeindebezirk, bittet die Partei gerne zu sich nach Haus: Beim Wahlkampf-Auftakt der Wiener SP in Gergelys Gastgartenlandschaft am Margaretenplatz servierte der Wirt eine Spezialkreation: Häuptelsalat mit roter Soße.

Ob die Wirte der Partei da wirklich ganz uneigennützig ihre Lokale als Brücke zum Wähler anbieten, darf zwar hinterfragt werden. Befriedigende Antworten darauf gibt es keine. Zumindest nicht offen: Dass Bernd Schlacher derzeit heftig um die Gunst der Stadt buhlt, um auf dem Haus-des-Meeres-Flakturm ein Hotelprojekt realisieren zu dürfen, ist kein Geheimnis.

Und der Dank der Politik, erklärt ein Nightwalk-Wirt, sei durchaus relevant: "Wenn du in einem roten Bezirk bist und einen Schanigarten genehmigt haben willst, schadet es nicht, für solche Events Lokal und Gesicht zur Verfügung zu stellen." (Marijana Milkoviæ/Thomas Rottenberg/DER STANDARD Printausgabe, 22. September 2008)

 

  • "Seitenblicke" oder Wahlkampf? Renate Brauner, Alfons Haider und Marika Lichter (v. li.) im Motto.
    foto: standard/eckharter

    "Seitenblicke" oder Wahlkampf? Renate Brauner, Alfons Haider und Marika Lichter (v. li.) im Motto.

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