Schweizer Präzisionsarbeit

21. September 2008, 18:20
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Das Lucerne Festival Orchestra unter Claudio Abbado im Wiener Musikverein

Wien - Wie so oft, wirkt der um neun Jahre Ältere jünger und der Jüngere viel älter. Die Rede ist von Claudio Abbado (Jahrgang 1933), der mit dem erst 66-jährigen Maurizio Pollini als Solisten sein vor fünf Jahren von ihm gegründetes und zu Recht in den höchsten Tönen gelobtes Lucerne Festival Orchestra im Wiener Musikverein präsentierte.

Mit Ludwig van Beethovens viertem Klavierkonzert und mit der Symphonie fantastique von Hector Berlioz erfolgte der Start zur Wiener Residenz dieses Orchesters, die weiters ein von Abbado dirigiertes russisches Programm mit Hélène Grimaud als Solistin des zweiten Klavierkonzertes von Rachmaninow am kommenden Donnerstag und ein heute, Montag, unter der Leitung von Daniel Harding stattfindendes Konzert des Gustav Mahler Chamber Orchestra umfasst.

Überdies werden sich einige Solisten des Lucerne Festival Orchestra, von Hélène Grimaud am Klavier unterstützt, am Mittwoch im Brahmssaal mit Werken von Johannes Brahms, George Benjamin und Robert Schumann hören lassen. Beim einleitenden Beethovenkonzert hat sich Theodor W. Adornos zu diesem Werk geäußerte Bemerkung, man könne "Ruhe in Bewegung ausdrücken", geradezu bildhaft bewahrheitet.

Unruhige Klopfzeichen

Pollini, der in vitaler Beflissenheit an den Flügel geeilt war, eröffnete das Werk mit den bekannten an die "Fünfte" gemahnenden unruhigen Klopfzeichen, verlieh seinen solistischen weiteren Einsätzen, indem er sich von seinem Klavierschemel erhob, auch optisch den gehörigen Nachdruck und ergänzte sich ideal mit der von Claudio Abbado mit karger Gestik gesteuerten "Ruhe" vieler orchestraler Einschübe, mit denen Beethoven dieses Solokonzert zu gültiger Symphonik durchmischte.

Beim ersten Mal, in dem sich die Streicher zu Wort meldeten, war man über die beinah puristische Reinheit des Klanges befremdlich erstaunt. Es ist eine beinah elektronische Klarheit, mit der die Partitur hier demonstriert wird. Man könnte es auch unpersönlich nennen. Dagegen wirkte Maurizio Pollinis grundsätzlich ja auch ziemlich wissenschaftliche Werkannäherung nahezu emotionell aufgeladen.

Der Grund für die an sich durchaus rühmenswerte Perfektion dieses Ensembles mag darin liegen, dass es an sämtlichen Pulten von hochkarätigen Solistinnen und Solisten besetzt ist.

Es wimmelt vor Solo-Oboisten, Soloharfenistinnen und Konzertmeistern der berühmtesten Ensembles und Institute, die ein jeder für sich und eine jede in ihren Ensembles ihre Funktion haben, doch wenn sie im Lucerne Festival Orchestra für ein paar Wochen im Sommer zusammenkommen, ihrer gewohnten Umgebung entblößt sind und nichts anderes haben als die Noten, die sie selbstverständlich wie im Schlaf spielen können. Hohe interpretatorische Qualität soll hier keineswegs zum Einwand werden.

Doch der spezifische Klang dieser instrumentalen Meisterformation ist bestenfalls von einer protestantischen Sinnlichkeit, wie sie für eine Schweizer Gründung ja durchaus stimmig ist.

Klangbizarrerien

Auch die Symphonie fantastique trug dieses schweizerische Qualitätszeichen. Verstärkt wurde dieses vielleicht auch noch durch Claudio Abbados äußerst asketische Zeichengebung. Bewundernswerterweise dirigierte er dieses Monsterwerk auswendig, ohne sich ein einziges Mal zu irren. Doch all die Klangbizarrerien, die das nun 120-köpfige Ensemble realisierte, entbehrten zum Großteil der gestischen Signale durch den Dirigenten und, was schwerer wiegt, der fühlbaren Körperlichkeit.

Die Fortissimo-Ausbrüche waren ein bisschen prüde, als würde das am Schluss dröhnende Dies irae schon von Beginn an erklingen.

Der Jubel der Zuhörer dafür war von stürmischer Herzlichkeit. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 22.09.2008)

 

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