Schaulaufen für den Nachfolge-Favoriten

21. September 2008, 17:48
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Auf dem Labour-Kongress gibt sich Außenminister Miliband trotz Treueschwüren für den schwer angeschlagenen Parteichef und Premier Brown als dessen logischer Nachfolger

Auf dem Rathaus der nordenglischen Metropole hängt ein Transparent: „Manchester begrüßt den Parteitag 2008 der Labour Party". Auf dem Platz davor haben Sportveranstalter sechs Laufbahnen ausgelegt. Junge Leute laufen den 60-Meter-Sprint, angefeuert von Zuschauern. „Und zum Abschluss treten die Nachfolge-Kandidaten von Gordon Brown zum Wettlauf an", witzelt ein Delegierter.

Ganz abwegig ist die Vorstellung nicht. Dem Land soll das alljährliche Herbsttreffen Einigkeit und Entschlossenheit der Partei demonstrieren, die seit elf Jahren die Regierung stellt. Doch die Stimmung der Parlamentsabgeordneten ist auf dem Nullpunkt, und die Schlagzeilen der Sonntagszeitungen verstärken ihren Fatalismus: Ein „Massaker" stehe der Partei bei der nächsten Wahl bevor, titelt The Observer. Einer umfassenden Befragung von 34.000 Briten zufolge würde die Fraktion von derzeit 349 auf 160 Abgeordnete reduziert. Hauptgrund: Premierminister Gordon Brown (57).

Existenzprobleme der Regierungspartei

Die Rebellion einer Reihe von einst loyalen Hinterbänklern ist in den letzten Tagen zwar gescheitert: Keiner der denkbaren Brown-Nachfolger - neben Außenminister David Miliband auch Gesundheitsminister Alan Johnson oder die gewählte Partei-Vizechefin Harriet Harman - wagte sich aus der Deckung. Aber die möglichen Alternativ-Kandidaten stehen unter verschärfter Beobachtung durch Parteifreunde und Medien. Und so ist der Rathaussaal zum Bersten gefüllt, als der Außenminister auf Einladung des Thinktanks Fabian Society spricht. Ein Schaulaufen für den Nachfolgefavoriten.

Offiziell geht es um das Thema: „Kann Außenpolitik Labour stärken?" Die Fragestellung umreißt eines der Existenzprobleme für die Regierungspartei. Bei der letzten Wahl verweigerten ihr Millionen Wähler - Junge, Muslime, altgediente Labour-Aktivisten - wegen des Irak-Krieges die Gefolgschaft.
Für jemanden, der unentwegt seine Treue zu Brown beteuert, hat sich Miliband (43) in den Wochenendausgaben der Presse sehr exponiert. Mehrseitige Porträts in diversen Zeitungen sind illustriert mit Fotos, die Miliband im besten Licht zeigen: einerseits der junge Mann von nebenan mit seinem strahlenden Lächeln, andererseits der seriöse Außenminister im Gespräch mit internationalen Staatsgästen. Der Kontrast zum stets bewölkt wirkenden, stark ergrauten Premier könnte deutlicher nicht sein.

Schützenhilfe von Joanne Rowling

Auf dem Parteitag wirken die Delegierten indes, als wollten sie die schwere Krise am liebsten gar nicht wahrnehmen. Mit großem Ernst diskutieren sie etwa über notwendige Maßnahmen der kommenden zehn Jahre, um der Kinderarmut Herr zu werden. Harry-Potter-Autorin Joanne Rowling hat der Partei gerade eine Million Pfund (1,27 Mio. Euro) überwiesen, Begründung: „Armen Familien geht es jetzt unter Labour viel besser als in Zukunft, wenn die Konservativen an die Macht kommen sollten." Nicht einmal treue Anhänger Browns setzen noch auf einen Sieg bei der nächsten Wahl, die spätestens im Frühjahr 2010 ansteht. (Sebastian Borger aus Manchester/DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2008)

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    Der sympathische junge Mann von nebenan: Außenminister David Miliband lehnt sich schon ziemlich weit hinaus.

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