Archäologin widmet sich Vergangenheitsverklärung durch "Hexen", "Druiden" und andere "Neuheiden"

21. September 2008, 17:52
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Nicht überall, wo ein Baum im Spiel ist, steckt keltische Spiritualität dahinter - Jutta Leskovar: "Geraucht und gestunken" habe es schon in der vermeintlichen Naturidylle von einst

Linz - Die Archäologin Jutta Leskovar von den Oberösterreichischen Landesmuseum erforscht, wie sich verschiedene Modeströmungen des "Neuheidentums" ihrer Wissenschaft bedienen, um daraus Rechtfertigungsstrategien abzuleiten. Leskovar durchforstet Literatur, die sich mit "Neuen Hexen", "Neudruiden" und "Neogermanen" befasst: Dabei hat sie festgestellt, dass diese häufig Rückgriffe auf die - noch viel zu wenig erforschte - Vergangenheit machen, die dann als angeblicher Beweis für die Wahrheit von spirituellen Systemen dienen sollen, berichtete sie in einem Vortrag der Gesellschaft für Archäologie Donnerstagabend in Leonding.

Die Kelten und die Bäume

Der Verweis auf die "alten Germanen" und die "alten Kelten" sowie auf über die Jahrtausende überliefertes "geheimes Wissen" sollen den Glauben an die jeweiligen "Traditionen" rechtfertigen. Als Beispiel nennt Leskovar die angebliche Nähe der Kelten zu Bäumen. Damit wird das "keltische Baumkalender-Horoskop" verbunden, das aber keineswegs von den "alten Kelten" stamme, sondern von einer französischen Frauenzeitschrift in den 1960er Jahren "erfunden" wurde. Auch wenn die Archäologen eine Grabkammer aus der Eisenzeit entdecken, die aus Holz gefertigt worden ist, sei das noch kein wissenschaftlicher Beleg. "Aus was hätte sie denn sonst gemacht werden sollen?", fragt die Wissenschafterin.

Bei der Nähe zu Bäumen gehe es in den spirituellen Systemen der Neuheiden oft auch um Bezug zur Natur, den die Menschen der Gegenwart verloren hätten. Die Archäologin gibt aber zu bedenken, dass in der Eisenzeit der Kelten das Industriezeitalter schon losgelaufen sei, bei dem Wälder abgeholzt wurden, um daraus Holzkohle für das Schmelzen des Eisenerzes zu erzeugen. Schon damals habe es geraucht und gestunken, schildert Leskovar.

Instrumentalisierung der Vergangenheit

Die Neuheiden würden sich einerseits aus den archäologischen Funden das "herauspicken", was ihnen gerade passe, stellte Leskovar fest. Das sei leicht möglich, weil eindeutige schriftliche Quellen über die alten Zeiten fehlen. So würden in heidnische Systeme "eingebaute" Höhlenzeichnungen der Altsteinzeit aufgrund ihres Alters als Beweis dafür angeführt, dass dieses System "wahrer" als die Weltreligionen, beispielsweise das Christentum, seien. Letzteres komme zudem aus der "Wüste" des Nahen Ostens und sei damit weniger "wahr" als Riten, die mit Kelten und Germanen in Europa verbunden werden, werde argumentiert. Andererseits gebe es "Verschwörungstheorien", in denen der Archäologie vorgeworfen werde, sie halte "geheimes, göttliches Wissen" unter Verschluss. Dabei gehe es oft um "Frauen-Macht", hier habe sie als Frau es schwer, wenn sie darauf hinweise, dass es zu wenig wissenschaftliche Belege für die abstrusen Theorien gebe. Ihr werde dann das "Fraternisieren mit den bösen Männern" unterstellt.

Dabei hat Leskovar nichts gegen neue "Hexen" oder "Druiden": "Im Sinne der Religionsfreiheit sind sie mir wurscht, sofern sie sich im Rahmen des Gesetzes bewegen. Wenn sie ihre Riten im Wald feiern wollen: Viel Spaß, solange sie nicht archäologische Fundstätten zerstören". Die Archäologin will ihre Analyse von archäologischen Inhalten in neuheidnischer Literatur in einer Publikation veröffentlichen. (APA/red)

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    Eine Druidenfeier der Gegenwart

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