A echta Weana beim Kirtag am Kollmitzberg

21. September 2008, 16:40
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Dauerlächeln im Nieselregen: FPÖ-Chef Strache gibt am schwarzen Land in Niederösterreich ganz den volksnahen Sozialpolitiker - Eine STANDARD-Reportage

Ardagger - Was es noch zu trinken sein darf? "Drei Bier!" , wird der Kellnerin mit drei ausgestreckten Fingern bedeutet - und die ganze Gaststube brüllt. Die blaue Basis vertreibt sich die Zeit mit Schmähs und Alkohol, quasi das gesamte Gasthaus zur blauen Traube wartet gespannt auf seine Ankunft: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache wird an diesem Sonntagvormittag Ardagger, eine kleine Gemeinde im Herzen des niederösterreichischen Mostviertels, beehren.

Es dauert noch ein bisschen, Heinz-Christian Straches Chauffeur hat irgendwo die falsche Abzweigung genommen. Die blauen Männer nehmen's gelassen. Tatsächlich kann man die Frauen im Raum an einer Hand abzählen - sie schauen aus, als hätten sie ihre wahl-, aber noch nicht autofahrberechtigten Söhne hier herchauffiert. Gut die Hälfte des Publikums ist deutlich unter 20.
Viertel nach zehn. Endlich betritt Strache die Szenerie, kurz brandet Applaus auf, dann werden Hände geschüttelt,

Erinnerungsfotos gemacht. Und erst einmal eine gepofelt, denn der FPÖ-Chef ist mindestens so nikotinsüchtig wie das Gros seiner Fans. Die lokale Spitzenkandidatin will so gar nicht ins Bild passen, sie könnte der Optik nach auch ÖVP-Ortsbäuerin sein. Aber den FPÖ-Wahlkampf-Sprech hat sie intus: Die große Koalition, sagt sie, müsse man unbedingt verhindern; die Klein- und Mittelverdiener entlasten.

"Der Himmel weint"

Mit einer guten Stunde Verspätung macht sich der Wahlkampftross zu seinem Bestimmungsort auf: Kollmitzberger Kirtag ist heute - ein traditioneller blauer Battleground. Ganz oben auf einem der vielen Mostviertler Hügel ist der kleine Ortsteil gelegen. Kalter Wind weht, es nieselt unaufhörlich. Aber von solchen Kleinigkeiten lässt sich ein wahlkämpfender Strache nicht aufhalten. "Eh klar, dass der Himmel weint, bei der Regierung" , sagt er. Jedes Mal ein Schenkelklopfer.

Einen großen Auftritt hat der FPÖ-Spitzenkandidat hier nicht. Der örtliche Bürgermeister hat Reden in Festzelten verboten, übrigens für alle Parteien, damit die beschauliche Veranstaltung nicht zur Wahlkampfshow verkommt. Also schlendert Strache, gemeinsam mit FPÖ-Landesrätin Barbara Rosenkranz, zwischen den Standln herum. Zuckerwatte, Spielzeugtraktoren, Messerschärfer - das alles lässt er ebenso links liegen wie die dunkelhäutigen Verkäufer, die den Weg säumen.

Die Menschentraube um den FPÖ-Chef wird immer größer, nur sehr langsam bewegt sie sich in Richtung Festzelt, wo Bier und Grillhendln warten. "Is er des?" - "Jo, des is er!" , rufen einige Kirtagsbesucher verwundert aus. Strache schüttelt dutzende Hände und erfüllt jeden Autogrammwunsch. Er ist hier mit allen per du, der Wiener kommt am Land gut an. "Er redt jo goar ned wia a Weana" , stellt ein Kleinunternehmer fest, der Strache gerade sein Leid geklagt hat. Der Bartenstein, der Leitl, überhaupt: Diese ÖVP vertrete seine Anliegen schon längst nicht mehr.

Gleiches gilt für den Bauern, der bei Strache um Unterstützung für die Interessengemeinschaft Milch wirbt, einen Zusammenschluss von Landwirten, die für höhere Milchpreise kämpfen. Strache notiert sich eine Nummer, der Bauer zieht zufrieden weiter. Protest regt sich am Kollmitzberger Kirtag kaum. Zwei junge Frauen stehen am Straßenrand, auf ihren Jacken klebt ein Post-it: "Strache - nein danke" haben sie draufgeschrieben. Der FPÖ-Chef nimmt's gelassen. "Wir sind ja für Meinungsfreiheit."

Endlich im trockenen Zelt angelangt. Strache setzt sich, raucht, seine Entourage steht ein wenig planlos in der Gegend herum. Also werden einmal ein, zwei, drei Bier bestellt - für alle, außer für den Parteichef. Nicht wegen des Blitzlichtgewitters, das Strache begleitet. "I muaß heite no im Fernsehen diskutieren" , erklärt er den blauen Freunden. "In Wean."
Dauerlächeln im Nieselregen: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache ist ein Wahlkampf-Vollprofi. Am schwarzen Land in Niederösterreich gibt er ganz den volksnahen Sozialpolitiker. (Andrea Heigl/DER STANDARD Printausgabe, 22. September 2008)

  • Blauer Wahlkampf unter grauem Himmel: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache
und die niederösterreichische FPÖ-Landtagsabgeordnete Barbara
Rosenkranz beim 426. Kollmitzberger Kirtag.
    foto: kapf

    Blauer Wahlkampf unter grauem Himmel: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und die niederösterreichische FPÖ-Landtagsabgeordnete Barbara Rosenkranz beim 426. Kollmitzberger Kirtag.

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