Pakistan erlebt seinen 11. September

22. September 2008, 10:18
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Abendessen im Marriott in letzter Minute verlegt - Präsident Zardari wäre unter den Gästen gewesen - Strenge Sicherheitsmaßnahmen konnten den Terroranschlag nicht verhindern

Islamabad/Neu-Delhi - Über der Hauptstadt Islamabad steigt am Morgen danach eine schwarze Rauchsäule in den Himmel, noch immer schlagen Flammen aus den oberen Etagen des Gebäudes, in den verrußten Trümmern suchen Helfer nach Toten. Vom US-Luxushotel Marriott ist nur noch eine ausgebrannte, einsturzgefährdete Ruine übrig. Der Anschlag sei "Pakistans 11. September", sagt Justizminister Farooq Naek und bringt damit das Entsetzen vieler Menschen auf den Punkt.

Die verheerende Terrorattacke hat Pakistan geschockt und dem Land vor Augen geführt, dass auch das Machtzentrum Islamabad nicht ausreichend gesichert ist. Ein Selbstmordattentäter hatte am Samstagabend einen Lastwagen mit einer Tonne Sprengstoff in den Zaun des hochgesicherten Hotels gerammt.

Binnen Minuten verwandelte sich das Gebäude in ein Flammeninferno. Nach offiziellen Angaben starben mindestens 53 Menschen, 270 wurden verletzt. Die Medien nennen höhere Opferzahlen. Unter den Toten soll möglicherweise auch ein Deutscher sein. Der Botschafter Tschechiens, Ivo Zdarek, und ein US-Bürger kamen ums Leben.

Zunächst bekannte sich niemand zu der Horrortat. Nur Stunden vor dem Blutbad hatte Pakistans neuer Präsident Asif Ali Zardari vor dem Parlament seine Antrittsrede gehalten und darin das Bündnis mit den USA bekräftigt. "Terrorismus und Extremismus müssen ausgemerzt werden, ganz egal, wo und wann sie ihr hässliches Haupt erheben", sagte der Witwer von Benazir Bhutto, wobei er jedoch auch die US-Angriffe auf pakistanischem Territorium scharf verurteilte.

"Botschaft aus der Hölle"

Die Terroristen antworteten prompt. Von einer „Botschaft aus der Hölle" sprachen Medien. Das Marriott, das zur gleichnamigen US-Hotelkette gehört, galt als Wahrzeichen Islamabads und als Symbol westlicher Kultur. Geschäftsleute, Politiker, Journalisten und Diplomaten speisten gerne in einem der vielen Restaurants. In einer plüschigen Kellerbar konnte man ein Glas Wein oder ein Bier trinken. Viele Ausländer, Staatsgäste und Delegationen, stiegen in dem schwer bewachten Nobelhotel mit seinen 290 Zimmern ab. Das Marriott liegt in Islamabads Hochsicherheitszone, nur rund 500 Meter von den Residenzen des Präsidenten und des Regierungschefs und nicht weit vom Diplomatenviertel entfernt.

Auch an diesem Samstag im Fastenmonat Ramadan sollen mindestens 200 Menschen in einem der Hotelrestaurants zu Abend gegessen haben, als der Selbstmordattentäter gegen 20 Uhr mit einem Lastwagen voller Sprengstoff die Absperrungen durchbrach. Die Detonation war so gewaltig, dass sie einen sechs Meter tiefen Krater vor dem Hotel riss, 30 Kilometer weit zu hören war und ganze Bäume zerfetzte.

Fernsehen live dabei

Schon mehrfach war das Marriott Ziel von Anschlägen. Doch diesmal werden bei der Explosion auch Gasleitungen beschädigt. In Windeseile breitet sich Feuer aus, über Stunden brennt das Gebäude lichterloh. Es spielen sich grauenhafte Szenen ab, die Fernsehsender live übertragen. In Panik rennen Menschen aus den Hotel. Helfer tragen auf Bahren blutüberströmte Verletzte aus dem fünfstöckigen Gebäude. Andere sind vom Feuer eingeschlossen. Ein Vater und sein Sohn starren aus einem Zimmer, gegen den Rauch haben sie sich Tücher vors Gesicht gewickelt. Doch die Helfer können nicht zu ihnen vordringen. Feuer und Hitze versperren ihnen den Weg. Angeblich sprangen Verzweifelte aus Fenstern.

Noch in der Nacht wandte sich Zardari, in dunklem Anzug und weißem Hemd, in einer Fernsehansprache an die 160 Millionen Pakistaner und drohte den Tätern mit Vergeltung. „Terrorismus ist ein Krebsgeschwür in Pakistan, und wir sind entschlossen, so Gott will, das Land von diesem Krebs zu befreien", schwor er. "Wir haben keine Angst vor diesen Feiglingen."

Zardari steht vor einem gefährlichen Dilemma. Schon jetzt hat der 54-Jährige das Volk kaum hinter sich. Viele Pakistaner stehen dem Antiterrorkampf kritisch gegenüber. Sie haben das Gefühl, dass sie den Blutzoll für einen Krieg der USA zahlen und obendrein noch vom Westen als Terroristen an den Pranger gestellt werden. Allein im vergangenen Jahr kamen in Pakistan fast 1200 Menschen bei Anschlägen ums Leben. (Christine Möllhoff/DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2008)

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    Der Krater, den die Autobombe am Samstag vor dem Hotel Marriott in Islamabad in den Boden riss. 

     

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