"Abhängigkeit der Prüfer ist ein Systemfehler"

21. September 2008, 16:28
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Das erstinstanzliche Urteil gegen den Bawag-Prüfer trifft die Branche mit voller Wucht. Nun sind Reformen nötig, meint Bawag-Sachverständiger Fritz Kleiner im STANDARD-Interview

Das erstinstanzliche Urteil gegen den Bawag-Prüfer trifft die Branche mit voller Wucht. Nun sind Reformen nötig, meint Bawag-Sachverständiger Fritz Kleiner. Die Prüfer sollten künftig zugewiesen werden, antwortet er auf Fragen von Andreas Schnauder.

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STANDARD: Die Wirtschaftsprüfer sind über das drohende Urteil gegen den Bawag-Auditor Robert Reiter (drei Jahre, eines unbedingt - nicht rechtskräftig) entsetzt. Sind Reformen beim Berufsstand angebracht?

Kleiner: Das Urteil ist nicht rechtskräftig, macht aber nachdenklich. Unbestreitbar ist, dass die Wirtschaftsprüfung eine Pflichtprüfung ist, der Wirtschaftsprüfer aber hinsichtlich Auftrag und Honorarkontinuität vom geprüften Unternehmen abhängt. Das ist ein Systemfehler.

STANDARD:  Weil sich aus der Abhängigkeit ein gewisses Wohlwollen ergeben kann?

Kleiner: Es ergibt sich eine Zwangssituation. Wenn wir Wirtschaftsprüfer einen Auftrag von einem Großunternehmen bekommen, dann umfasst dieser nicht nur die Wirtschaftsprüfung, sondern kann auch die gesamte Beratung im steuerlichen, handelsrechtlichen und gesellschaftsrechtlichen Bereich umfassen.

STANDARD:  Aber es gibt bekanntermaßen Chinese Walls zwischen Prüfung und Consulting.

Kleiner: Auch chinesische Wände haben Ohren. Im Unternehmensgesetzbuch sind solche Beschränkungen nicht zu finden. Ausgeschlossen ist die Mitwirkung bei der Buchführung und beim Jahresabschluss, bei der Internen Revision, bei der Entscheidungsfindung und bei nicht nur unwesentlichen Bewertungsleistungen. Die Vorschrift, dass die Honorarsumme eines Klienten 30 Prozent des Gesamtumsatzes des Wirtschaftsprüfers nicht überschreiten darf, ist keine echte Einschränkung und begünstigt die großen Gesellschaften.

STANDARD:  Sind die Reformen nach Enron zu sehr im Sinne der großen Prüfer ausgefallen?

Kleiner: Es ist nicht auszuschließen, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften ihre Expertenmeinung in diese Reformen einfließen ließen.

STANDARD:  Wer sollte den Prüfer Ihrer Meinung nach bestellen?

Kleiner: Der Prüfer sollte vom Firmenbuchgericht bestellt werden, allenfalls von der Finanzmarktaufsicht, jedenfalls von einer neutralen Stelle. Diese Bestellung sollte für drei bis fünf Jahre fix sein.

STANDARD:  Klingt sehr planwirtschaftlich. Soll das für alle Unternehmen gelten?

Kleiner: Überall, wo ein Wirtschaftsprüfer als Pflichtprüfer tätig sein muss. Bei dieser Institution sollte der Prüfer akkreditiert sein und seine Befähigung nachweisen. Das ist ja bei Gutachten in Straf- und Zivilsachen eine seit Jahren eingeführte Vorgehensweise und hat sich bewährt.

STANDARD:  Wie soll in diesem Modell die Honorarverrechnung funktionieren?

Kleiner: Das Prüfungshonorar sollte an eine Gebührenordnung angehängt werden, die der Prüfungsleistung entspricht. Das Honorar könnte von der Bilanzsumme oder anderen objektiven Kriterien abhängen. Der Wirtschaftsprüfer müsste die Möglichkeit haben, klarzustellen, dass ein Fixsatz in bestimmten Fällen nicht möglich ist, weil besondere Schwierigkeiten auftreten.

STANDARD:  Der Standardvorschlag ist die externe Rotation der Prüfer, bei der die Prüfgesellschaft gewechselt werden muss und nicht, wie derzeit, nur der Prüfer innerhalb der Audit-Firma.

Kleiner: Das ist eine zweite, absolut notwendige Änderung. Die externe Rotation sichert eher die Aufdeckung übersehener Missstände als die interne Rotation. Die interne Rotation, wie sie jetzt praktiziert wird, ist eine Alibi-Aktion.

STANDARD: Der Einwand gegen die externe Rotation lautet, dass gerade in den ersten Jahren Prüffehler wegen der mangelnden Unternehmenskenntnis am häufigsten sind.

Kleiner: Die Sachverhalte, die bei Gericht verhandelt werden, zeigen, dass die langjährige Bindung des Prüfers ans Unternehmen für dessen Objektivität eher nachteilig ist. Wenn das Honorar von Anfang an fixiert ist und der Auftrag für eine gewisse Zeit auch, hat die Prüfung einen viel intensiveren Umfang, weil sich niemand wegen eines geringen Einstiegshonorars zeitlich beschränken muss. Außerdem muss der ganze Prüfungsakt mit zum nächsten Prüfer.

STANDARD: Wie groß ist der Reformdruck?

Kleiner: Die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit bezüglich unserer Prüfungsergebnisse ist umfassend. Dieser müssen wir gerecht werden. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.9.2008)

Zur Person

Fritz Kleiner (62) ist Wirtschaftsprüfer, Gerichtssachverständiger (u.a. bei Bawag, Herberstein und Hypo Alpe Adria) und Dolmetscher in Graz. Foto:APA

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    Fritz Kleiner

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