"Austausch von Terror-Expertise"

21. September 2008, 16:16
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Der Iranist und Turkologe Walter Posch im STANDARD-Interview über Pakistan als endgültigen Teil des Schlachtfelds des „Kriegs gegen den Terror"

Pakistan ist endgültig Teil des Schlachtfelds des „Kriegs gegen den Terror". Frequenz und Vehemenz der Anschläge, die Al-Kaida zugerechnet werden, nehmen zu. Gudrun Harrer befragte dazu den Experten Walter Posch.

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Standard: War so ein Anschlag in Pakistan nicht zu erwarten?

Posch: Vom statistischen Ansatz her ja, er ist in einer Reihe von Anschlägen in Pakistan zu sehen. Es war leider etwas Größeres zu erwarten, umso mehr, als die USA jetzt ihren „War on Terror" vom afghanischen Gebiet auf pakistanisches tragen - in die heikelste Gegend Pakistans, wo die Beziehungen zum Staat ohnehin schon gespannt sind. Dazu hat auch Präsident Asif Ali Zardari betont, er werde aktiv am Kampf gegen den Terror teilnehmen.

Standard: Was sagt das Anschlagsziel aus?

Posch: Es könnte sein, dass die staatlichen Einrichtungen so gut gesichert sind, aber auch, dass die Präsenz von Ausländern - die BBC berichtet von einer US-Delegation - im Hotel mitgespielt haben, da ist zurzeit keine definitive Aussage möglich. Es würde helfen zu wissen, welche der vielen in Frage kommenden Gruppen es war.

Standard: Wie ist es möglich, dass das Marriott nicht genügend gesichert war?

Posch: Der gefährlichste Moment bei der Sicherung von Objekten, besonders wenn diese öffentlich zugänglich bleiben müssen wie ein Hotel, ist, wenn Routine eintritt. Wenn man durch Beobachtung feststellen kann, wie die Zeitabläufe sind.

Standard: Muss man um die Stabilität Pakistans fürchten?

Posch: Bisher hat die Mischung von Autoritarismus und Parlamentarismus das Land in relativer Stabilität gehalten. Jahrelang hat sich der saudisch-iranische Gegensatz in sunnitisch-schiitischen Spannungen entladen und der indisch-pakistanische daran gezeigt, wer an Einfluss gewann. Diese Parameter gelten noch immer, aber sie sind weniger wichtig als früher.

Heute besteht die Gefahr, dass die Weiterentwicklung von Al-Kaida, die Internationalisierung des Netzwerks, zu einem Austausch terroristischer Expertise führt. Wir sehen ja, wie sich nach 2003 die Methoden aus dem Irak heraus langsam ausgebreitet haben.

Standard: Also kein Fortschritt im „War on Terror"?

Posch: Der strategische Hauptfehler nach 2001 war, dass man den Moment, als man mit Iran zu Afghanistan kooperierte, nicht genützt hat. Iran hätte in eine Situation gebracht werden müssen, in der ihm eine stille Kooperation in der Region Vorteile gebracht hätte. Stattdessen ist das eine Teilstrategie geblieben, wurde nicht zur Gesamtstrategie gemacht. So haben nicht nur Al-Kaida und der Irak kritische Energie von den USA abgezogen, sondern auch die Spannungen mit Teheran.

(DER STANDARD, Printausgabe, 22.9.2008)

Zur Person

Der österreichische Iranist und Turkologe Walter Posch (42) arbeitet am Institut für Sicherheitsstudien der EU (ISSEU) in Paris. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt die Sicherheitspolitik im Mittleren Osten.

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