Antisemitismus und Islamophobie: Zwei Seiten einer Medaille

19. September 2008, 20:09
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Wenn das eine gesellschaftlich geduldet ist, dann atmen die Propagandisten des anderen Morgenluft

Der Bericht des Pew Instituts in Washington, der unter anderem die Haltung von Bevölkerungen zu Religionen abfragt, ist einerseits erhellend: Die schleichende Verengung, die schrumpfende Offenheit in manchen Sektoren der europäischen Gesellschaften, die blind auf alles, was sie als "fremd" empfinden, hinschlagen, fühlt jeder sensible Mensch. In der Studie wird dieses Gefühl bestätigt. Antisemitismus - der die Präsenz von Juden nicht braucht und meist auch nicht religiös definiert ist - war immer ein Gradmesser, und der Trend in den untersuchten Ländern geht nach oben. Wobei die antijüdischen Ressentiments in ihrer Verbreitung den antiislamischen keine Konkurrenz machen, aber dafür gibt es objektivierbare Gründe (die die Islamophobie allerdings nicht intelligenter machen).

Andererseits geben die Resultate auch Rätsel auf: Spanien wäre demnach im gleichen Zeitraum signifikant antijüdischer und signifikant weniger antiislamisch geworden, wobei es auch bei Letzterem immer noch trauriger Sieger unter den untersuchten Ländern ist. Und signifikant antichristlicher als früher ist es auch noch. Woher der allgemeine antireligiöse Trend in Spanien kommt, bleibt zu erforschen.

Wobei laut den Pew-Analysten ein Konnex klar ist, den sich alle gut anschauen sollten, die jeweils, meist politisch begründet, nur antijüdische oder nur antiislamische Aussagen unterschreiben würden: Es gibt eine klare Korrelation zwischen Antisemitismus und Islamophobie in Europa. Sie sind in den gleichen Bevölkerungsschichten vertreten. Das heißt, sie sind zwei Seiten einer Medaille. Wenn das eine gesellschaftlich geduldet ist, dann atmen die Propagandisten des anderen Morgenluft. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

 

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