Nach Adeg-Kauf holt Rewe Geld von den Lieferanten

19. September 2008, 20:01
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Rewe fordert Produzenten auf, ihre Konditionen mit Adeg offenzulegen und gleicht die Einkaufspreise nach unten an. Die Industrie sieht sich unter Druck

Die Kammer bezeichnet das Vorgehen als rechtlich nicht haltbar.

Wien – Rewe lud ihre Lieferanten am Donnerstag zur Kür der innovativsten Produzenten, die Bühne dafür war die "Hochspannungshalle" im Wiener Arsenal. Einst diente sie dazu, Zugwaggons auf Blitzschlag zu testen, was freilich nicht auf die Jahresgespräche mit der Industrie anspiele, betonte der Chef der Handelsgruppe, Frank Hensel, vor gut 1200 versammelten Gästen. Manch Partner der Kette sieht sich derzeit dennoch vom Blitz gestreift.

Rewe Austria hat ihre Lieferanten aufgefordert, die mit Adeg vereinbarten Einkaufspreise offen zu legen, erfuhr der STANDARD. Für sie gelten rückwirkend mit Juli die selben Konditionen wie bei Lieferungen an Rewe. Wer beide Ketten als Kunden hat, muss den Einstandspreis auf das jeweils niedrigere Niveau absenken. Dass für Adeg nach der 75-Prozent-Übernahme durch Rewe nun gleiche Konditionen gelten, sei selbstverständlich und legitim, sagt Hensel. Das werde auch bei den Rewe-Vertriebslinien Billa und Merkur so gehandhabt. Adeg-Chef Andreas Poschner sieht für die Industrie die Vorteile überwiegen: Adeg habe dank Rewe höhere Bonität, ihre Partner könnten sich folglich einiges ersparen, etwa bei Versicherungen und Krediten.

"Aufgefordert wird keiner"

In der Branche wird derzeit kolportiert, dass einzelne Lieferanten zusätzlich zur Kasse gebeten werden. Es gehe um einen Hochzeitsbonus von zwei Prozent, der helfe, einen Platz im Regal zu sichern. Hensel weist das entschieden zurück. "Wird er uns angeboten, nehmen wir ihn gern, aber dazu aufgefordert wird keiner", ergänzt Adeg-Vorstand Andreas Poschner.

Die Lieferanten sehen sich in der Zwickmühle und in ihrer Kritik am Rewe-Adeg-Deal bestätigt. Für viele Betriebe bedeute schon eine Absenkung auf den günstigsten Einstandspreis dramatische finanzielle Einschnitte, meint ein betroffener Unternehmer. Zumal die Belieferung der Adeg deutlich kostenintensiver sei als jene an die Rewe. Betroffen seien vor allem kleine regionale Hersteller. Die Forderung der Rewe abzulehnen, sei aufgrund der Marktdominanz des Konzerns für die meisten zu riskant.

Experten erwarten, dass die Zahl der Lieferanten im Zuge der Sortimentsvereinheitlichung sinkt. Das stimmt nicht, sagt Hensel. Für etliche Lieferanten würden sich vielmehr neue Chancen auftun.

Der Verband der Lebensmittelindustrie ließ den Aufruf der Rewe nach der detaillierter Offenlegung der Adeg-Preise juristisch prüfen. "Er entbehrt jeder Rechtsgrundlage" , sagt Michael Blass, Chef des Verbands. Die Adeg sei als AG nach wie vor eine selbstständige Gesellschaft. Rewe übergehe mit der Forderung ihre Tochter und die Aktionärsminderheit von 25 Prozent.

"Wir akzeptieren das nicht"

Unter Druck kommt die Industrie auch von anderer Seite. Rewe-Konkurrent Spar warnt seine Lieferanten, auf die Forderungen der Rewe einzugehen und sie gar günstiger zu bedienen als Spar. "Wir werden das nicht akzeptieren. Was die Industrie Rewe nachlässt, erwarten wir auch für uns" , sagt Konzernchef Gerhard Drexel. Dass die Spar ihre Lieferanten selbst immer wieder mit innovativen Boni zur Kassa bittet, lässt er so nicht gelten. Geburtstagsrabatte etwa gebe es ja nur alle 50 Jahre, ihnen stünde zudem eine Leistung gegenüber.

"Die Abhängigkeit der Industrie steigt" , zieht Christof Kastner, Chef der gleichnamigen Handelsgruppe, Bilanz. Jede Kondition zu Lasten der Industrie verschärfe einmal mehr das Marktungleichgewicht.

Drexel will bis Ende September entscheiden, ob er die Übernahme der Adeg durch Rewe beim Europäischen Gerichtshof anficht. Dass ein Einspruch Erfolg hätte, wird in der Branche aber bezweifelt.

Der nächste Deal im Lebensmittelhandel könnte sich in drei Jahren anbahnen, sind sich Marktkenner einig. Dann will Tengelmann Zielpunkt fit für den Verkauf wissen und an Spar abtreten. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

  • Rewe bittet nach der Übernahme von Adeg Lieferanten zur Kasse. In der
Branche wird von einem Hochzeitsbonus von zwei Prozent für einzelne
Betriebe gemunkelt. Der Konzern weist das zurück.
    foto: standard/newald

    Rewe bittet nach der Übernahme von Adeg Lieferanten zur Kasse. In der Branche wird von einem Hochzeitsbonus von zwei Prozent für einzelne Betriebe gemunkelt. Der Konzern weist das zurück.

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