Wieder Boden unter den Füßen?

19. September 2008, 19:27
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Die Regierung Bush muss in ihrer Abenddämmerung die größte Verstaatlichungsaktion der US-Geschichte seit 1945 durchführen

Vor einigen Monaten hat Paul Krugman, Princeton-Professor und Kolumnist der New York Times, prophezeit, wie der Crash im US-Finanzsystem enden wird: Der Staat wird den Banken, allen Banken, für Milliarden und Abermilliarden die schlechten Immobilienkredite abkaufen müssen, um das System zu retten. Die Liquiditätsklemme ist damit behoben, die Banken leihen einander wieder Geld, weil sie nun wissen, dass der andere keine Leichen mehr im Keller hat. Die schlechten Hypothekarkredite werden langsam, zum Bruchteil des Wertes, abverkauft. Erst dann wird das Finanzsystem wieder Boden unter den Füßen bekommen.

Genauso kommt es jetzt, und prompt reagierte Wall Street mit einer Börsen-Rally. So muss die Regierung Bush, die mit ihrer radikalen Philosophie des "Der Markt wird alles richten, staatliche Regulierung ist des Teufels" diesen Wahnsinn erst ermöglichte, in ihrer Abenddämmerung die größte Verstaatlichungsaktion der US-Geschichte seit 1945 durchführen. Die Rechnung bezahlt natürlich der Steuerzahler.

Bush wird damit als der Präsident in die Geschichte eingehen, der dem Niedergang der USA den richtigen Schwung versetzt hat. Die Bilanz lautet: zwei Kriege (Afghanistan, Irak) begonnen, die schlecht laufen und das Gegenteil ihrer Absicht bewirken; im arabisch-muslimischen Raum wird die Demokratie nicht gefördert, und der islamische Radikalismus wird nicht erfolgreich bekämpft. Das US-Finanzsystem ist durch die offiziell geförderte Gier und Verantwortungslosigkeit schwer beschädigt, asiatische und arabische Geldgeber erhalten immer mehr Einfluss. Die Realwirtschaft der USA ist ebenfalls schwer geschädigt. Die Autoindustrie liegt darnieder, u.a. weil Bush um keinen Preis auf effizienteren Energieverbrauch drängte. Und so weiter.
Im Fall von Putins Russland, das noch vor wenigen Wochen imperial auftrumpfte, zeigt sich, wie schwach die Basis des Aufstiegs ist. Russland schwimmt zwar auf einer Welle von Öl-und Gaseinnahmen, es glaubte, sich einen Einmarsch in das Nachbarland Georgien leisten zu können.

Aber unmittelbar danach verließen 20 Milliarden Dollar westliches Kapital fluchtartig das Land, die Börsen crashten, und die drei größten russischen Banken müssen ebenfalls vom Staat aufgefangen werden. Putin hat vergessen, dass man sich nicht in die internationale Finanzwelt integrieren und gleichzeitig kleine Nachbarländer überfallen kann bzw., noch schlimmer, westliche Investitionen praktisch enteignen kann.

Auch die Börsen der ehemaligen Satellitenstaaten reagieren mit Kursstürzen. Hier beginnt es für Österreichs Wirtschaft relevant zu werden. Wir hätten längst nicht diese Wachstumsraten, wären unsere Unternehmen dort so erfolgreich. Aber selbstverständlich ist auch in Osteuropa eine Blase entstanden. Allerdings stimmen noch die fundamentalen Daten: Länder wie Rumänien, Bulgarien, Serbien, die Ukraine, aber auch Russland haben einen riesigen Nachholbedarf an einfachsten Strukturen. Hier liegt noch Wohlstandspotenzial für lange Zeit. Insgesamt: Die Weltkrise, der totale Absturz wie in der 30er-Jahren, wird nicht kommen. Aber die Zeiten bleiben ungemütlich. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

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