Wo Geld fließt, fließt kein Blut

19. September 2008, 19:22
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Wie sich die Dinge fügen: Die Banken krachen, und das Philosophicum in Lech erörtert die Frage "Geld: Was die Welt im Innersten zusammenhält?" - Auszüge aus einem Diskussionsbeitrag von Norbert Bolz

Nachdem sich die Kapitalismuskritik in die soziologischen Bibliotheken zurückgezogen hat, können wir besser erkennen, dass genau das, was die guten Seelen und heißen Herzen der modernen Geldwirtschaft vorwerfen, ihre eigentliche Kulturleistung ist. Geld entlastet die Gesellschaft von Menschlichkeiten wie Hass und Gewalt. Man kann leicht zeigen, dass sich Zivilität und Urbanität unserer Kultur der Geldwirtschaft verdanken. Wo Geld die Welt regiert, bleibt uns der Terror von nackter Faust und guter Gesinnung erspart.

So könnte ein Wirtschaftsliberaler mit guten Gründen argumentieren, dass das weltweite Netzwerk der vielgescholtenen multinationalen Konzerne mehr für den Weltfrieden tut als die Vereinten Nationen. Bekanntlich hat die US-Regierung auf Kosten der Steuerzahler ein Netzwerk von Abfüllstationen rund um die Welt installieren lassen, damit sich die GIs im II. Weltkrieg stets mit Coca Cola erfrischen konnten. Danach war es für Coke natürlich leicht, die Weltherrschaft auf dem Soda-Markt anzutreten. Und das Coke-Netzwerk tut mehr für die Verwestlichung der Welt als es die Präsenz von US- Truppen je könnte.

Wohltuende Neutralität

Wo Geld die Welt regiert, herrschen eben nicht: fanatische Ideologie und blutige Gewalt. Die monetarisierte Habsucht zähmt die anderen Leidenschaften. Der prüde Hauseigentümer akzeptiert den Pornoshop in seiner Ladenzeile, der rassistische Oberbürgermeister den Araber im Westend - weil er zahlt. Indem ich zahle, verwandele ich alle anderen in Zuschauer des Geldzaubers. Anders gesagt: Alle anderen Menschen versinken im Akt dieser meiner Zahlung in eine wohltuende Neutralität. Denn für Verkäufer, Käufer und Zuschauer der wirtschaftlichen Transaktionen gilt, dass sie den jeweils anderen nicht mehr als "Individuum" behandeln müssen. Das erleichtert das soziale Leben.

Zwischenmenschlichkeit kann auf dem freien Markt schlecht Fuß fassen. Gerade deshalb aber funktioniert das Geld so reibungslos. Geld ist entlastet vom Menschlich-Allzumenschlichen. Um sich in der Wirtschaft zu orientieren, genügt es ja, die Preise zu kennen. Der Preis ist eine harte Information, in der Geschichte, Bedürfnisse und Individualitäten verschwinden.

Neuer Kosmos der Innerlichkeit

Der Kosmos der modernen Wirtschaft besteht also nur aus Ereignissen der Zahlung - nicht mehr aus Menschen. Gewissermaßen als Ausgleich dafür, dass sie in den Wirtschaftsprozessen nicht mehr "vorkommen", haben die Menschen der Moderne dann einen neuen Kosmos der Innerlichkeit erfunden. Es ist also ganz falsch, dem modernen Kapitalismus Seelenlosigkeit vorzuwerfen. Im Gegenteil: Individuelle Seelengeschichten gibt es erst, seit die Strukturen unseres gesellschaftlichen Lebens vom autonomen Geldverkehr geprägt werden.

Der Sinn des Geldes ist sein Gebrauch auf dem Markt. Oder noch einfacher gesagt: Geld hat den Sinn, es auszugeben. Jede Zahlung zielt auf die anschließende Zahlung. Es geht also im Wirtschaftsleben gar nicht mehr vorrangig um ein Haben bzw. um Bedürfnisse, sondern um eine besondere Form von Kommunikation - eben Bezahlen. Deshalb interessieren sich Geschäftsleute bei innerbetrieblichen Bilanzen auch nicht für die absolute Kapitalgröße einer Firma, sondern für deren Beziehung zum "cash flow", einer dynamisch sich in der Zeit verändernden Flussgröße, die sich aus Gewinn, Abschreibung und Rückstellung zusammensetzt.

Mit diesem Funktions-Sinn müssen die Menschen heute auskommen. Mehr an Sinn gibt es nicht. Das klingt in vielen Ohren unerträglich. Denn um dem Leben Sinn zu geben, braucht man ja eigentlich Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Unser Problem ist aber, dass man diese schönen Ideen des Humanismus unter postmodernen Lebensbedingungen nicht mehr durchhalten kann. Hier springt nun das Geld ein. Das Geld ist heute unser funktionaler Ersatz für die unmöglich gewordenen Ideen des Humanismus.

Konstanter Verdacht

Und trotzdem haben Geldgeschäfte ein schlechtes Image. Unsere christliche Kultur hat ein sehr ambivalentes Verhältnis zum Geld. Einerseits will jeder mehr Geld, und man kann eben in der Tat feststellen, dass mehr Geld als eine Art Lebenssinnersatz funktioniert. Aber das biblische Verbot, vom Bruder Zins zu nehmen; der Hass auf die "Wucher-Juden"; die Kritik des "geldheckenden Geldes"; die Angst vor der Weltherrschaft der Großbanken - das zeigt, wie alt und konstant der kulturelle Verdacht gegen Geldgeschäfte ist.

Doch gleichgültig, ob man das Geld als Mammon verteufelt oder als Lebenssinnersatz häuft - es ist unstrittig das prominenteste und faszinierendste aller Medien. Das hat schon oft zu der Vermutung verführt, die Wirtschaft beherrsche die ganze Welt. Das trifft aber nicht zu. Geld ist universal, aber eben auch nur spezifisch verwendbar - nämlich in der Wirtschaft. Es ist weder total, noch absolut. Deshalb kann man nicht sagen, Geld sei, was die Welt im Innersten zusammenhält. Und das ist natürlich, zumindest für Romantiker, eine gute Nachricht. Man kann Messen lesen lassen, aber nicht das Seelenheil kaufen; man kann Forschung subventionieren, aber nicht Wahrheit kaufen; man kann Stipendien zahlen, aber keine Lernbereitschaft kaufen; man kann Politiker korrumpieren, aber nicht Macht kaufen. Und man kann Frauen kaufen, aber nicht Liebe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

Zur Person

Norbert Bolz lehrt Medienwissenschaft an der TU Berlin.

  • Die Geldwirtschaft steht in Verruf - zu Unrecht, befindet der Medienexperte Norbert Bolz.

    Die Geldwirtschaft steht in Verruf - zu Unrecht, befindet der Medienexperte Norbert Bolz.

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