"Columbus, Ohio, ist der Ground Zero"

19. September 2008, 19:18
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Politologe Ruy Teixeira im STANDARD-Interview: Vorstädte sind entscheidend im US-Wahlkampf

Die amerikanischen Vorstädte sind entscheidend im US-Wahlkampf, sagt der Politologe Ruy Teixeira. Insbesondere um Ohios Hauptstadt müssten die Kandidaten den Sieg holen, sagte er zu Christoph Prantner.

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STANDARD: Das Obama-Lager hat 19 Bundesstaaten als Battleground-States definiert. Ist die Kampfzone tatsächlich so ein weites Feld?

Teixeira: Die Zahl 19 ist ein wenig hoch gegriffen, aber das Rennen ist mit Sicherheit in mehr Bundesstaaten offen als noch 2004. Colorado gehört dazu oder auch Virginia, wo Bush zuletzt haushoch gewonnen hat und es nun ein Kopf-an-Kopf-Rennen gibt. Nevada, New Mexico oder North Carolina könnten ebenso auf beide der Seiten fallen. Die Kampfzone hat sich definitiv ausgeweitet.

STANDARD: Warum hat sich die Lage in den vergangenen vier Jahren so dramatisch verändert?

Teixeira: Die Demografie - insbesondere im Süden - hat sich stark verändert. Es gibt dort heute mehr hispanische und mehr besser gebildete Wähler. Die junge Generation der weißen Südstaatler ist weniger konservativ als noch ihre Vätergeneration. Sehen Sie sich zum Beispiel Virginia an, die Vorstädte von Washington, D. C., haben den Staat dramatisch verändert.

STANDARD: Apropos Vorstädte, der am heißesten umkämpfte Bundesstaat ist Ohio. Viele sagen, die US-Wahl werde letztlich in den Vororten von Cleveland und Cincinnati entschieden.

Teixeira: Vorstädte sind im gesamten Land entscheidend, schlicht weil die Hälfte der Wähler dort wohnt. Sie sind ein Mittelgebiet zwischen den republikanischen Landgebieten und den urbanen Demokratenhochburgen. Wer wissen will, wie die Nation entscheidet, sollte sich in der Tat mit den Vorstädten beschäftigen. Was Ohio betrifft, sind sie noch wichtiger als die großen Städte selbst. Ich habe eben eine Studie fertiggestellt, die das nahelegt. Es geht um die Vororte von Cleveland - und noch viel wichtiger: um jene von Columbus. Das ist die Wachstumsregion in Ohio, die Demokraten haben dort von einem Minus von 15 Punkten gegenüber den Republikanern zu einem Vorsprung heute aufgeholt. Wenn Obama es schafft, Columbus und die umliegenden Counties zu gewinnen, wird er den Bundesstaat Ohio gewinnen. Columbus ist der Ground Zero für die US-Wahl.

STANDARD: 2004 war viel von der demokratischen Zielgruppe der "soccer moms" die Rede, die in diesen Vororten leben. Ist das noch so?

Teixeira: Das war nie wirklich zutreffend. Die Vorstellung war, dass dort wohlhabende Frauen leben, die ihre Kinder im SUV zum Fußballtraining chauffieren und sozialliberal wählen. Aber die Vororte werden vor allem durch die Working Class dominiert. Nur auf die "soccer moms" zu sehen ergibt ein verzerrtes Bild. Der Medianwähler in Amerika lebt in Vororten, ist aber keine "soccer mom". Der Medianwähler befindet sich viel weiter unten auf der Reichtums- und Bildungsskala.

STANDARD: Was hat es mit dem Gegenteil, mit Sarah Palin und den "hockey moms" auf sich? Und was ist mit dem "Palin-Effekt"?

Teixeira: Dieser Effekt bestand vor allem darin, dass Palin den Diskurs verändert hat. Es ist nicht so klar, dass sie John McCain substanzielle Vorteile im Wahlkampf verschafft hätte. Anders gesagt: Jeder Tag, an dem die Medien über Sarah Palin berichteten und nicht über die schlechte Wirtschaftslage, war ein guter Tag für die Republikaner. Das hat ihnen bis vor wenigen Tagen sehr geholfen. Die Finanzkrise bringt die Kampagne nun zurück auf ihren natürlichen Kern, das Wirtschaftsthema. McCain hat unter diesen Umständen sehr schlechte Karten, all die Probleme sind ja in den Bush-Jahren entstanden. Das republikanische Ticket hat in Wirtschaftsfragen einfach keine Antworten auf die Sorgen der Bürger. McCain nicht und Palin noch viel weniger. (DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

  • Zur Person Ruy Teixeira ist Politologe, er forscht an der Century Foundation und
am Center for American Progress in Washington, D. C. Er ist Kommentator
und Autor von fünf Büchern, darunter: "The Emerging Democratic
Majority". Am Donnerstag hielt er auf Einladung des Renner-Instituts in
Wien einen Vortrag über die US-Wahlen.
Ruy Teixeira: Die Kampfzone hat sich im Vergleich zu 2004 bei dieser
Wahl ausgeweitet.
    foto: center for american progress

    Zur Person Ruy Teixeira ist Politologe, er forscht an der Century Foundation und am Center for American Progress in Washington, D. C. Er ist Kommentator und Autor von fünf Büchern, darunter: "The Emerging Democratic Majority". Am Donnerstag hielt er auf Einladung des Renner-Instituts in Wien einen Vortrag über die US-Wahlen. Ruy Teixeira: Die Kampfzone hat sich im Vergleich zu 2004 bei dieser Wahl ausgeweitet.

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