Die Leiden des amerikanischen Patienten

19. September 2008, 19:10
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Die Börsen dominieren den Präsidentschafts-Wahlkampf, dringendstes Problem bleibt aber das Gesundheitswesen in den USA

James Lowe kam mit einer Gaumenspalte zur Welt, erst mit 50 konnte er operiert werden, erst mit 50 lernte er, Worte zu formen. Sein Fall steht für die 47 Millionen US-Bürger, die keine Krankenversicherung haben.

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James Lowe hat eine einfache Maxime fürs Leben: "Du musst es versuchen, immer wieder versuchen". Also versucht er es. Seine Lippen bewegen sich. Was er sagt, ist anfangs kaum zu verstehen, man braucht eine Weile, um sich einzuhören. Er redet wie ein Mensch, der nach einem Schlaganfall wieder sprechen lernt. Es ist ein enormer Fortschritt für ihn. Es ist erst zwei Jahre her, da brachte er kein Wort heraus, jedenfalls keines, dessen Sinn ein Außenstehender erfassen konnte. Mit einer Gaumenspalte geboren, konnte er nur grunzen. Als er 50 war, hat man ihn operiert, nun geht es langsam voran.

James Lowe wohnt im hintersten Winkel Virginias. Die Laubwälder sind dicht, die Täler tief eingekerbt, überall Kohlenruß und Menschen, die freundlich sind und zumeist übergewichtig. Hinter der staubigen Kleinstadt Pound geht es auf Schotterwegen einen Berghang hinauf. Hunde bellen, Hausnummern fehlen, das Handy hat keinen Empfang. 8294 Fishman Road, wie soll man das finden? Ein kräftiger Kerl kommt den Hügel heruntergestürmt. Das olivgrüne Hemd offen, die Jeans ausgewaschen. James Lowe sieht aus wie der verwegene Held eines Westernfilms. Drinnen in seinem Bungalow läuft der Fernseher, auch mittags. James' Ehefrau Cindy, eine Walküre von einer Frau, erzählt von den kalten Wintern, in denen es durch die Ritzen pfeift. Immerhin haben sie Strom und fließendes Wasser, eine Verbesserung gegenüber den Verhältnissen, in denen James aufwuchs.

"Wir hatten niemals nichts", sagt Lowe. Seine Kindheit verlebte er in einer Hütte ohne Strom, ohne Radio, Kühlschrank, Waschmaschine und Innenklo. 15 Geschwister hatte er. Ein paar von ihnen haben es weit gebracht, zum Anästhesisten in Miami, zum Manager einer Chemiefabrik. James war der Problemfall, der Bub, der bei der Lebenslotterie die Niete gezogen hatte, der Holz sammeln musste, während die anderen lernen durften. Die Kids in der Schule hänselten ihn, niemand verstand seine gutturalen Laute, nur seine Mutter.

Diese fragte, als er zwölf war, bei Ärzten an, was es kosten würde, die Gaumenspalte zu operieren. 35.000 bis 55.000 Dollar! Damit war der Fall erledigt. Von so viel Geld konnten die Lowes nur träumen, eine Krankenversicherung hatten sie nicht. James wurde Bergmann und blieb es, bis ihm eine kippende Lore den Rücken zerschmetterte. Ärzte schraubten ihm Bolzen in den Körper, mit 30 war er Invalide.

Wäre Cindy nicht gewesen, die Tochter des Bürgermeisters der kleinen Stadt Jenkins, wer weiß, was aus James geworden wäre. Stolz erzählt sie davon, als Mutter Teresa, die Samariterin aus Kolkata (vormals Kalkutta), 1982 nach Jenkins kam, um ihre erste US-Zweigstelle einzuweihen. Cindy also, die gute Seele, zog James mit durchs Leben. Samantha, die Tochter der beiden, verunglückte, als sie 25 war - was geschah, wollen die Lowes für sich behalten. Samanthas flachsblonder Sohn Erin sitzt wie ein Prinz im Schaukelstuhl, verwöhnt von den Großeltern, die er Mom und Dad nennt. Irgendwann erzählt Cindy, wie James doch noch operiert werden konnte. Auf typisch amerikanische Art, durch Gemeinschaftsgeist und Freiwilligenprinzip.

Landärzte, die zusätzlich zum Dienst Extraschichten für die Ärmsten absolvieren, halfen ihm. "Remote Area Medical" (RAM) heißt ihre Organisation, ein Begriff wie aus Afrika. In Tansania sind die medizinischen Nothelfer tätig, aber auch in den Appalachen. James war Stammgast in der mobilen RAM-Klinik, die notdürftig all jene behandelt, die sich keine Versicherung leisten können. Einmal im Monat tuckert die rollende Praxis nach Pound, er stand jedes Mal mit in der Schlage. Irgendwann konnten die Doktoren es nicht mehr mitansehen, das Leid eines erwachsenen Mannes, der nicht sprechen konnte, nur weil er kein Geld für eine Operation hatte. Es fanden sich Spezialisten, die es kostenlos machten.

So krass der Fall des James Lowe sein mag, so typisch ist es für ein Gesundheitssystem, das "auf ganzer Linie versagt", wie die Ärztin Teresa Gardner es formuliert. Wer drin ist in dem System, bekommt teure Weltspitze geboten. Heute fließt jeder sechste Dollar der US-Wirtschaftskraft in die medizinische Versorgung; hält der Trend an, wird es 2025 bereits jeder Vierte sein. 47 Millionen Menschen sind draußen, nicht versichert - so wie in der Kohleregion im Südwestzipfel Virginias. Sie werden zum Fall für Gardner, die mit ihrer Ambulanz manchmal früh um halb fünf losfahren muss, um auch das entlegenste Dorf zu erreichen. "Wir improvisieren, wir sind nur ein Pflaster", sagt die zierliche Frau.

Sprechstunde in Pound, auf einem Parkplatz. Kay Sturgill hat Hautkrebs, frühes Stadium. Der Hautarzt, bei dem sie war, nimmt sie nicht mehr dran, denn Kay konnte die letzte Rechnung nicht bezahlen, 1300 Dollar. "Seit dem 23. Mai 2003 geht es nur noch bergab", brummt ihr Mann Farley. Am 23. Mai 2003 erlitt er einen Herzinfarkt. Bis dahin gehörte er zu Virginias Arbeiteradel, unter Tage auf Schicht, ordentlich bezahlt und hochangesehen. Dann legten ihm Ärzte einen Bypass, er probierte es wieder, am Steuer eines Bulldozers. "Es ging nicht mehr."

Farley verlor seinen Job und damit die Krankenversicherung, wie sie größere Unternehmen für ihre Beschäftigten zahlen. Es ist eine Rutschbahn, auf der Tausende im Coal Country in den Ruin sausen. Die Großen entlassen die Kranken, die Kleinen, die sie manchmal auffangen, sind überfordert. 1600 Dollar pro Monat kostet eine Polizze für eine vierköpfige Familie. Das kann sich kein Kleinbetrieb leisten.

James Lowe sagt, dass er gesegnet sei, weil er nun doch noch sprechen kann. Keine Spur von Bitterkeit liegt in seiner Stimme, auch dann nicht, als er erzählt, was er gerne geworden wäre im Leben. Architekt, Parlamentarier, "Big Boss". Irgendwann will er lesen lernen, er kann es nicht, trotz sechs Jahren Schule. Nie konnte er laut vorlesen, was auf Papier geschrieben stand. "Du musst es versuchen", quetscht er zwischen den Zähnen hervor, "es einfach versuchen". (Frank Herrmann aus Pound/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

  • "Du musst es versuchen, einfach versuchen." - James Lowe in Pound, Virginia; auf dem Schuppendach sein Enkel Erin.
    foto: frank herrmann

    "Du musst es versuchen, einfach versuchen." - James Lowe in Pound, Virginia; auf dem Schuppendach sein Enkel Erin.

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