Langzeitlizenz zur Spontaneität

19. September 2008, 18:56
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Die Zeit schreitet voran, auch das Porgy & Bess ist eine Institution geworden - Gespräch mit Porgy-&-Bess-Chef Christoph Huber

Wien - 2003 stand der zehnte Geburtstag des Porgy-&-Bess unter dem Eindruck einer ersten Zwischenbilanz des Wiener Jazzclub-Flaggschiffs in den neuen Räumlichkeiten in der Riemergasse, 2008 steht der 15.auch im Zeichen eines Ex-Mitbewerbers. Welches Resümee zieht Christoph Huber, der das von Mathias Rüegg gegründete Porgy seit 1994 leitet, aus der Schließung des Birdland? "Der Club hätte vielleicht funktioniert, wenn es eine Figur neben Zawinul gegeben hätte, die diesen Club nach außen hin konsequent vertreten hätte. Ich glaube zudem, dass das Wiener Publikum ein kritisches, reserviertes ist, das man erst erreichen muss. Dann aber fährt es gerne mit."

Ein treues Publikum hat sich das Porgy sukzessive erarbeitet. Mit moderaten Eintrittspreisen, erfreulichem Club-Ambiente, einer ausgezeichneten Akustik, besten technischen Rahmenbedingungen bis hin zu einem neuen Fazioli-Flügel und vor allem mit einem international bestaunten Programm: Hier ist die internationale Prominenz forschender Improvisationsgeister in oft festivalverdächtiger Dichte vertreten, zugleich wird der heimischen Szene ein Forum und Ort sozialer Vernetzung geboten.

Nicht mehr grauslich

Mit den verrauchten Orten imaginierter Halbwelt-Romantik, mit denen Jazzclubs zuweilen noch assoziiert werden, hat das Porgy wenig zu tun. "Die Clubs sind heute nicht mehr so grauslich wie früher", so Huber direkt. "Der Jazz hat im Laufe der Zeit an gesellschaftlicher Akzeptanz gewonnen. Zurzeit haben wir den zweiten Bundespräsidenten, der deklarierter Jazzfan ist. So sind auch die Räumlichkeiten andere geworden. Man will heute einen Club, der ästhetischen, akustischen und kulinarischen Kriterien entspricht."

Alles eitel Wonne also im Club, dem in Europa vermutlich nur das Amsterdamer Bimhuis das Wasser reichen kann? Nicht ganz: Die Bank Austria wird nach jenem mit dem Vienna Art Orchestra auch den Sponsorenvertrag mit dem Porgy Ende 2008 auslaufen lassen. Im Budget von 2008 rund 1,5 Millionen Euro, das sich zu 15 Prozent aus öffentlichen Geldern speist, klafft damit eine Lücke von 150.000. "Das ist ein großes, wenn auch kein existenziell gefährliches Problem. Wir arbeiten seit einem Jahr daran, einen neuen Hauptsponsor zu finden, aber es ist verdammt schwierig; die großen Versicherungen und Banken setzen selbst überall den Rotstift an."

Bei sich selbst sieht Huber selbstkritisch zuweilen die Gefahr der Routine, der man vorbeugen müsse. Man habe beinahe alle relevanten Musiker und Musikerinnen im Club gehabt; Ornette Coleman sei ein Wunsch, ebenso John Zorn, mit dem man verhandelt. Der Ex-Coltrane-Schlagzeuger Rashied Ali wird am Montag eine Lücke schließen, er ist Teil des mit Archie Shepp, Mbira-Virtuosin Stella Chiweshe, Boubacar Traoré u.a. prominent bestückten "Began in Africa" -Schwerpunkts, dem eigentlichen Saison-Auftakt. Er werde nicht als Porgy-Leiter in Pension gehen, hat Huber, mittlerweile 40, einmal angekündigt. Frist kann er aber keine nennen, in ihm lodert's noch: "Man kann Jazz längst nicht mehr definieren, und das ist gut so. Jazz ist mehr als Musik. Jazz hat auch zu tun mit Unangepasstheit, mit Spontaneität. Jazzinteressierte Menschen sind auch oft aufgeschlossenere Menschen." (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.09.2008)

  • Christoph Huber: Jubiläum plus Sponsorensuche.
    foto: urban

    Christoph Huber: Jubiläum plus Sponsorensuche.

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