400 Jahre lang Finanzkrisen

19. September 2008, 18:44
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Wissen: Von der holländischen Tulpen-Blase im 17. Jahrhundert bis zur Dotcom-Krise

Blumenfreunde

In der ersten dokumentierten Finanzkrise haben die Börsianer wegen einer Blume den Kopf verloren. 1630 kam die Tulpe über Umwege nach Holland. Jeder wollte diese exotische Pflanze in seinem Garten haben, und so stieg der Preis für Tulpenzwiebel. In Folge entwickelte sich in den Niederlanden ein Spekulationsmarkt für Tulpen. Ihr Preis erreichte bis zu 10.000 Gulden, das Zigfache eines durchschnittlichen Jahreseinkommens. Die Blase hat sich, ähnlich wie heute, sehr schnell aufgebläht, denn Blumenzwiebel wurden auch über Derivate wie Optionen gehandelt.

Spekulation auf Schiene

Technologischer Fortschritt geht oft einer Blase voraus. In den 1840er-Jahren eroberte die Eisenbahn England in Windeseile. Hunderte Unternehmen wurden aus dem Boden gestampft und finanzierten über die Börse die Expansion. Als die Blase platzte, gingen die vielen Jungunternehmen unter. Doch die Überinvestition hatte auch ihr Gutes. Nach dem Platzen der Blase hatte England mit 35.000 Kilometern Schiene ein gut ausgebautes Eisenbahnnetz.

Große Depression (siehe Analyse)

Inflationsschock In den 70er-Jahren erschütterten zwei Ölschocks die Weltwirtschaft. Der Preis von Öl verzehnfachte sich auf knapp 40 Dollar und heizte damit die Inflation an. Die Zentralbanken reagierten in großem Ausmaß auf die Inflation und hoben die Leitzinsen auf über 20 Prozent an.

Noble Fehlkalkulation Myron Scholes und Robert Merton hätten es wissen können. Die Nobelpreisträger der Ökonomie, die wesentliche Beiträge zur Finanztheorie geleistet haben, lösten mit ihrem Fonds Long Term Capital Management beinahe eine weltweite Krise aus - wurden aber wie der Versicherer American International Group von der US-Notenbank gerettet. Der Fonds verlor in vier Monaten 4,6 Milliarden Dollar, weil er sich im Zuge der Russland-Krise 1998 verzockt hatte.

Internet-Kasino Als das Internet zwischen 1995 und 2001 als "New Economy" gefeiert wurde, rissen sich die Börsianer um die Aktien von Firmen wie AOL. Die Technologiebörse Nasdaq stieg um 500 Prozent. Doch das Geschäftsmodell der Dotcom-Firmen konnte nicht die versprochenen Gewinne bringen. Selbst sieben Jahre nach der Krise liegt der Nasdaq nur bei knapp mehr als 2200 Punkten.

(sulu, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

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