Wenn Greenspan auf Mises gehört hätte

19. September 2008, 18:38
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Money matters - die Geldmenge zählt - meinte einst Milton Friedman. Doch die Notenbanker, allen voran Alan Greenspan, wollten davon nichts wissen - Analyse

Nun wird die Rechnung für die Flutung der Märkte präsentiert.

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Wien - "Die von der Krediterweiterung ausgehende anregende Wirkung kann nicht ewig währen; die Konjunktur, die so geschaffen wurde, muss früher oder später zusammenbrechen." Der österreichische Ökonom Ludwig von Mises würde heute wohl eine ähnliche Analyse ziehen wie er es 1931 in der Ursachenforschung für die damalige Weltwirtschaftskrise tat. Denn bei allen unterschiedlichen Vorzeichen der Depression der 30er-Jahre und der aktuellen Finanzkrise, sind die Parallelen doch frappierend.

"Die historischen Erfahrungen lehren, dass die Krise doch tiefgreifend sein wird" , meint Roman Sandgruber, Wirtschaftshistoriker an der Universität Linz. Auch der Weltwirtschaftskrise ging mit den goldenen 20er-Jahren eine lange Boomphase voraus, in den USA begann der Massenkonsum, das T-Modell von Ford rollte millionenfach vom Band und die Losung, zwei Autos für jeden Haushalt, wurde ausgegeben. Präsident Grover Clevelands Ausspruch, "Zivilisation und Profite gehen Hand in Hand", prägte die Zeit.

Goldgräberstimmung

Die Wall Street erlebte einen ungeahnten Aufschwung, der Dow-Jones-Index verdreifachte sich von 1924 bis 1929, die Goldgräberstimmung lockte zunehmend Arbeiter und Kindermädchen von der Main Street - der Hauptstraße der Kleinstadt - nach Manhattan. "Jeder soll reich werden" , titelte eine Hausfrauenzeitschrift. "Alles auf Kredit" , kommentiert Sandgruber, noch dazu zu günstigen Konditionen - heute wie damals.

Erste Vorboten des Oktober-Crashs ließen Zweifel an der Werthaltigkeit der Ausleihungen aufkommen, die mit Aktien besichert waren. Der Druck der Banken auf die Anleger, Positionen zur Schuldentilgung aufzulösen, gilt als eine der Ursachen des Schwarzen Montags, an dem die Kurse um knapp 13 Prozent einbrachen.

Geldvermehrung bis zum Exzess

Mises würde sich im Grab umdrehen, hätte er die Geldpolitik der USA der letzten Jahrzehnte verfolgt. Ausgerechnet Alan Greenspan, ein guter Kenner der Österreichischen Schule, der Mises angehört, hat die Geldvermehrung bis zum Exzess betrieben. Bereits die Krise 1987 wurde mit niedrigen Zinsen bekämpft, und nach dem Platzen der Internetblase zu Beginn des Jahrzehnts griff der Chef der US-Notenbank zum selben Werkzeug. Wenn der Finanzmann heute vor einer Katastrophe warnt, die "schlimmer als 1929" sein könnte, werfen ihm Kommentatoren Scheinheiligkeit vor.

Wenngleich die Europäische Zentralbank zurückhaltender agiert, hat sich auch in Europa die Geldmenge stark erhöht, ihr Wachstum liegt seit Mitte 2001 über dem Referenzwert von 4,5 Prozent und erreichte zeitweise mehr als die doppelte Höhe.

An der Geldschwemme scheint sich nichts zu ändern, im Gegenteil: Bereits vor den jüngsten Plänen zur Übernahme fauler Kredite haben Fed und US-Regierung 900 Milliarden Dollar in die Finanzmärkte und Banken gepumpt. Die Feuerwehraktionen sind auch der wesentliche Grund, dass das Gespenst der Weltwirtschaftskrise ein solches bleiben soll. In der 30er-Jahren setzten die USA auf "ein reinigendes Stahlbad" , erläutert Sandgruber. Dass die Depression so lange anhielt, führt der Historiker auch auf die isolationistische Politik zurück, die in Folge die Weltwirtschaft prägte. Für die Konjunktur war das verheerend, und auch der US-Aktienmarkt erreichte gemessen am Dow-Jones-Index erst 1954 wieder den Stand von 1929. Die jetzigen Eingriffe verhindern zwar einen Kollaps, allerdings befürchten viele Experten, dass die Probleme nur verschoben statt gelöst werden. "Lässt man die notwendige Konsolidierung nicht zu, so schwächt man dadurch die Kreditmärkte, anstatt sie zu stärken" , schrieb Kenneth Rogoff vor zwei Wochen im STANDARD.

Nächste Station China

In einem Punkt sieht Sandgruber heute sogar negativere Vorzeichen als damals: Während das gewaltige Handelsbilanzloch der USA seit Jahren mit Kapitalimporten gefüllt wird, waren die Vereinigten Staaten in der Zwischenkriegszeit der größte Gläubiger der Welt, "das macht das Land heute noch verwundbarer" . Trotz der verbesserten wirtschaftspolitischen Instrumente ist sich Sandgruber nicht sicher, ob das "massive Beben" bewältigt werden kann. "Jetzt ist Russland dran" , meint er, "die nächste Station ist China" , das von Fremdkapital geflutet wird. Auch wenn sich die Staaten mit viel Geld gegen die Krise zur Wehr setzen:Der Historiker bezweifelt, dass ihr Atem lang genug ist.  (Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

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