Im achtzigsten Jahr

20. September 2008, 16:10
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Man merkt es nie - und man merkt es an allen Ecken und Enden wie einen nicht einmal mehr mit Morphium zu betäubenden Schmerz: Gedanken über das Altwerden und das Altsein

Woran merkt man, dass man alt wird? Dass man alt ist? Darauf gibt es zwei Antworten, die einander eigentlich ausschließen sollten, die aber dennoch nebeneinander existieren. Ja eigentlich nur gemeinsam existieren, wie die aneinander gepackten, zueinander geflochtenen zwei Ketten eines diploiden Chromosomensatzes.

Antwort eins: Man merkt es nie! „Ich" bleibt immer „ich", das ganze Leben lang. „Ich" ist die Summe alles Erfahrenen, Gelebten, Geschauten, Gehörten, Gewussten. Das geht auch im Alter nicht verloren. (Es sei denn, es wird ausgelöscht oder zumindest stillgelegt durch Krankheit, Demenz, Koma.) Es wächst sogar an: durch den Reichtum der Verknüpfung. Das ist das Alter, von dem schon Cicero geschrieben hat („De senectute") - in den wunderbaren Sätzen, die er dem alten Cato in den Mund gelegt hat. Da ist das Alter die reichste Zeit des Lebens, seine Krönung! Aber fröhliche Alte, die ihre kleinen Äcker bestellen, das passt eben schwer in unsere Zeit.

Und dann (auf die Frage, woran man merkt, dass man alt wird) die zweite Antwort: Altwerden, Alt-sein ist unübersehbar, man merkt es an allen Ecken und Enden. Dabei muss man gar nicht an die Krankheiten denken, die das Alter mit sich bringt. Krank ist man, wenn man Pech hat oder ganz einfach durch die speziellen Umstände eines Lebenslaufes (oft auch in jungen Jahren und oft schlimmer als in späteren) behindert, aus der Bahn geworfen und unwiderruflich an ein Ende geschoben wird. Nein, es sind eher die kleinen, beinahe lächerlichen Dinge des Alltags, die das Alter signalisieren. Wenn einem beim Öffnen der Packung mit den täglich nötigen Medikamenten die Pille aus der ungeschickter gewordenen Hand rutscht und zu Boden fällt, wenn man sich dann (Bücken genügt nicht!) hinknien, hinhocken, hinsetzen muss, um sie zu finden und aufzuklauben. Und wenn man sich dann - das ist eher als makabrer Scherz gedacht! - mit gequälter Lustigkeit fragt, bevor man sich aus dem Knien, Hocken, Sitzen wieder erhebt: „Wäre da auf dem Fußboden nicht noch etwas anderes zu tun, zu finden, zu erledigen, zusammenzuraffen oder aufzuwischen?", weil ein neuerliches Bücken, Hinknien, Hocken und Niedersetzen genauso wie das Wiederaufrappeln in allen möglichen Knochen, Muskeln und Nerven schmerzhaft zu spüren ist.

Das ist Antwort zwei: Daran merkt man, dass man alt wird. Aber man merkt es nicht nur aus sich heraus, aus seinem Körper-Sein, sondern vielmehr noch von außen her: aus der Welt, deren Botschaften und Signale einem unverständlicher werden. Da ist es noch das geringste Übel, wenn einer nicht mit dem Internet oder dem Handy umzugehen versteht. Denn selbst wenn er Internet und Handy richtig bedient und alle Botschaften zu empfangen vermag: Immer schwerer wird es, sie richtig zu entschlüsseln. Als wären immer mehr wichtige Signale unerreichbar geworden, als wäre man von der Welt da draußen wie durch Blindheit, Taubheit und Lähmung abgeschnitten.

In zwei verschiedenen Welten

Die zwei Antworten also: Das Altwerden, man merkt es nie. Und: Man merkt es an allen Ecken und Enden - wie einen nicht einmal mehr mit Morphium zu betäubenden Schmerz.
Mit diesen zwei Antworten im Herzen und im Hirn ist es, als würde man gleichzeitig zwei verschiedene Leben leben, oder schlimmer noch: ein einziges Leben in zwei verschiedenen Welten leben. Wenn man es so empfindet, dann gibt es sie auch realiter, diese zwei verschiedenen Welten - nebeneinander, übereinander und ineinander verflochten.
Die eine ist die Welt der Alten, die materiell und seelisch immer mehr verkommen: Die Pensionen werden kleiner, bei allem scheinbaren Erhöhungs-Tamtam. Computer und Statistiken zur Lebenserwartung und Wirtschaftsentwicklung planen und übernehmen die Versorgung der Alten (und schnell taucht die gefährliche Wortnähe auf: Geht es noch um Ver- oder schon um Entsorgung?)

Die andere Welt aber ist eine, von der aus betrachtet die Alten die Bedrohung sind, die alle gute Zukunft infrage stellt. Wenn die Alten ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Vernunft und Machbarkeit ihre Forderungen stellen: Festhalten am Pensions-Antrittsalter. Eine tatsächlich funktionierende Pensionsautomatik, nicht nur mit selbstverständlicher Berücksichtigung der Inflationsrate, sondern mit Einrechnung eines allgemein steigenden Lebensstandards. Wie immer, wann immer, wo immer man es merkt, dass man alt wird - alle möglichen Antworten sind in einer einzigen gebündelt: Man ist so jung, wie man immer war, und so alt, als wäre man bereits jenseits der Zeit und ihrer Zurufe und Signale.

Das ist natürlich nicht nur von innen heraus zu erleben, von den Betroffenen also. Sondern auch von außen: von der Familie. Von der Nachbarschaft. Von der Berufs- und Umwelt. Von der ganzen Gesellschaft. Unübersehbar ist der sogenannte „demografische Wandel". Immer mehr Menschen werden immer älter. Schlimmer: Sie leben länger, ohne alt sein zu wollen. Mit allen Mitteln und mithilfe von Medizin, Chemie, Pharmazie und Physiotherapeutik soll Jungbleiben gesichert werden. (Viagra nicht vergessen!) Als gäbe es so etwas wie Unsterblichkeit.
Schon vor fast dreihundert Jahren hat der große Jonathan Swift seinen berühmten Helden, den Schiffsarzt Gulliver, nach den Liliputanern und den Riesen in einem dritten Buch zu einigen Sozietäten im Pazifischen Ozean geschickt, darunter auf eine Insel namens Luggnagg, auf der - erst nur vereinzelt, aber im Laufe der Jahre dann immer mehr - Unsterbliche leben, Struldbrugs genannt. Als er von ihnen vernimmt, bricht Gulliver in ungehemmtes Entzücken aus: Glückliches Volk von Luggnagg, schwärmt er, glückliche Erdenbürger, unter denen diese Struldbrugs, diese Unsterblichen leben. Diese müssen sich im Laufe ihres niemals endenden Lebens alles Wissen der Welt angeeignet haben, alle Weisheit der Besten gespeichert, ganz zu schweigen von allen materiellen Gütern. Reichtum also, der kraft ihres Wissens und ihrer Weisheit allen ihren Mitmenschen zugute kommen muss. Glückliche Struldbrugs! Glückliches Luggnagg!

Doch Gullivers Zuhörer quittieren seine Begeisterung erst mit Staunen und Stirnrunzeln, dann mit Gelächter und bitterem Hohn. Denn ihre Struldbrugs sind zwar unsterblich, aber sie altern wie alle anderen Menschen. Sie verbleiben nicht auf der Höhe ihrer Jahre, sondern fristen ein zunehmend erbärmlicheres, von Krankheit, körperlichem und geistigem Abbau und schließlich völliger Demenz gezeichnetes Dasein. So wie Swift diese gespenstische Utopie beschwört, dagegen ist das gefürchtete Alzheimer-Syndrom ein Honiglecken!

Ich feiere demnächst meinen 80. Geburtstag. Das heißt: Meine Familie besteht darauf, ihn zu feiern, mir aber graut vor einer solchen Feier, ich möchte tunlichst stattdessen irgendwohin verschwinden, wo ich allein oder höchstens mit meiner Frau zusammen bin, doch ich kann dieser Feier vermutlich nicht entkommen, ohne die Familieneintracht zu beschädigen.
Naturgemäß betrifft mich die Frage, was das Alter mit sich bringt und was ich von meinem fortschreitenden Alter zu erwarten habe, auf vielen Ebenen. Da ist zuerst einmal mein eigener Körper und seine abnehmende Leistungsfähigkeit: Bei Reparaturarbeiten in Haus und Garten kann ich keine Zementsäcke mit fünfzig Kilo Gewicht tragen. Beim Skifahren nach einigen wenigen Schwüngen muss ich eine Pause einlegen; wenn man - Gott sei Dank unbeschädigt - einen „Stern gerissen" hat, wird das Aufstehen immer mühsamer. Weitere Beispiele gefällig? Nein: zu selbstverständlich, zu langweilig! Auch von den Krankheiten schweige ich.

Und dann gibt es die Ebene, auf der ich mich theoretisch mit dem „demografischen Wandel" auseinandersetze. Ich habe ein Buch geschrieben, einen utopischen Roman, der doch auch wieder gar nicht utopisch ist: Struldbrugs. Eine Chronik aus den ersten Jahrzehnten des dritten Jahrtausends. Und schließlich gibt es noch eine weitere, sehr persönliche Ebene: Wer wird mich im fortschreitenden Alter versorgen? Wer wird meine Pension überweisen und meine Ärzte bezahlen? Das ist eine ökonomische, budgetäre Frage.
Weil es nicht nur mich, sondern eine ständig wachsende Zahl immer älter werdender Menschen gibt, sucht man verzweifelt danach, wie der „demografische Wandel" nach Möglichkeit gestoppt oder gar rückgängig gemacht werde. Mit anderen Worten: Weniger Alte in unserer Gesellschaft, wenn die weiter prosperieren oder zumindest nicht verarmen sollen. Aber immer weniger Alte - wie geht das? Euthanasie vielleicht, wo alte Menschen ab einem bestimmten Ablaufdatum oder einem gewissen Verschleiß-Quotienten mehr oder minder brutal ab- und hinübergespritzt werden? Nein, nein, natürlich nicht, so etwas gibt es allenfalls in utopischen Romanen.

Aber wie sieht es mit der „indirekten" Euthanasie aus, zum Beispiel durch Restriktionen in der ärztlichen Versorgung (siehe England), wo die Krankenkassen verschiedene Operationen jenseits eines bestimmten Alters nicht mehr finanzieren? Oder diverse „saubere" Zwischenlösungen: Alte Menschen bleiben (natürlich bei reduzierten Bezügen!) in irgendeiner (nach Möglichkeit sozial wertvollen!) Tätigkeit weiter beschäftigt? Es versteht sich, dass auch das politisch nicht durchzusetzen ist.

Wenn man nachforscht, das Internet absucht: Es gibt kaum Versuche, das Problem des „demografischen Wandels", also kurz das Problem des Altwerdens und Immer-älter-Werdens der Gesellschaft, zu lösen, ja es ist noch nicht einmal ernsthaft untersucht worden. Wenn überhaupt, so geschieht dies eher im materiellen, wirtschaftlichen Bereich: Wie lässt sich dem „demografischen Wandel" in der Altersstruktur der Berufstätigen gegensteuern, wie sind die „Alten" ins Berufsleben reintegrierbar? Das wird bei uns in sehr bescheidenem Ausmaß vom AMS besorgt, dem Arbeitsmarktservice (einer euphemistischen Wortschöpfung für Arbeitslosenamt). Oder vom ASEP, dem Austrian Senior Expert Pool der Industriellenvereinigung, die in der Regel höher qualifizierte pensionierte Manager in Entwicklungsländer oder Entwicklungsbetriebe wirtschaftlich bereits reüssierender Staaten von China bis Südafrika vermittelt - bei meist geringer finanzieller Entlohnung, aber mit der vergleichsweise unbezahlbaren Entlohnung des Gebrauchtwerdens.

Verarmung an Perspektiven

Das wahre Problem alter Menschen ist nicht materielle Verarmung, sondern eine Verarmung an Perspektiven, an Eindrücken, an Hoffnungen - und natürlich auch an Lügen. Das Leben ist erträglicher, wenn es vollgeräumt ist mit Vor- und Aufgaben, die angeblich erledigt werden müssen. Nur ein „Muss" verstellt die niemals lösbare Frage nach einem „Sinn". Ohne ein „Muss" laufen die meisten alten Menschen Gefahr, in den bodenlosen Abgrund der Sinnlosigkeit gesogen und gezogen zu werden. Da kann der Staat nicht helfen, keine noch so ausgeklügelte Pensionsvorsorge. Schlimm, dass die alten Werte wie Glauben oder Familie (die alten „Lügen"?) nicht mehr gelten, nicht mehr halten, „dicht halten", „einen halten", damit man nicht stürzt und hinabstürzt - ins Bodenlose eben. Kaum einen Ansatz gibt es zu der Frage: Wie kann man dem Leben jenseits von materieller oder auch nur ideeller Entlohnung Sinn geben ... Perspektiven, die halten, die nicht als Lügen zerbröckeln?

Natürlich findet der eifrige Internet-Surfer eine Unzahl von (materiellen) Lösungsvorschlägen und (ideellen) Hilfsangeboten. Zuständig sind dafür - wie zum Beispiel bei unserem Nachbar Deutschland - die Seniorenräte. Für jedes Bundesland gibt es dort einen. Bei uns in Österreich sind das die verschiedenen Seniorenverbände, jede politische Partei hat einen eigenen. Da empfiehlt der eine dann seinen Mitgliedern die „drei F": Fitsein, Freundschaft, Freude am Tun. Ein viertes „F", leicht vom berühmten englischen Four-Letter-Word ableitbar, ist wohl aus Gründen eines vermeintlich guten Tons oder aus Prüderie nicht aufgenommen worden. Ein anderer Verband, mit anderem weltanschaulichen Hintergrund, aber gleichen Zielen, empfiehlt „fünf L": Lernen, Laufen, Lachen, Loben, Lieben. Auch hier ist ein entscheidendes „L" unter den Tisch gefallen: nämlich Loslassen!
Neben diesen Seniorenverbänden, -vereinen, -räten gibt es noch eine Unmenge an Forschungsgesellschaften, politischen und philosophischen Akademien, darunter aber nur wenige effektive und verdienstvolle, etwa die deutsche Bertelsmann-Stiftung, aber viele andere, die nur Stroh dreschen. Sie sind Produzenten vorschneller Patentlösungen, die nicht den alten Menschen helfen, von denen sie reden, sondern nur jenen, die dieses Gerede veranstalten. Nicht deren Bedürfnissen dienen, sondern nur ihren eigenen politischen oder universitären Karriere- oder auch nur Überlebenschancen.

Viel hat das Surfen im Internet - zumindest mir - nicht gebracht. Aber vielleicht war ich nicht geschickt, nicht hartnäckig genug. Vielleicht ist das bereits eine Folge meines den Struldbrugs gefährlich angenäherten Alters. Und natürlich gibt es noch die Ausschüsse! Denn, wenn es einen „Eurofighter-Ausschuss" und einen „Banken-Ausschuss" gegeben hat, dann gibt es früher oder später auch einen Pensionsreform-Ausschuss.

Ausschuss! Man muss sich das Wort auf der Zunge zergehen lassen. Im politischen Vokabular der deutschen Sprache gibt es kaum ein verräterischeres, kaum ein entlarvenderes Wort. Ausschuss nennt man nicht nur ein Gremium, das sich mit der Klärung von Sachverhalten, der Lösung von Problemen beschäftigen soll. Als Ausschuss bezeichnet man auch, was vom Guten, vom Verwertbaren getrennt wird. Ausschuss ist das Überflüssige, das Minderwertige. Ausschussware, die zu verbilligtem Preis abgegeben wird, wenn sie nicht gleich auf dem Misthaufen oder in der Häckselmaschine endet. Was also soll es bedeuten, wenn man einen Ausschuss (bitte den zweiten Sinn des Wortes im Auge behalten!) mit der Klärung von Sachverhalten, der Lösung von Problemen beschäftigt? Vielleicht gar, dass man sie im Grunde genommen gar nicht lösen will? Denn Ausschuss, Ausschuss der Gesellschaft, sind ja dann wohl nicht die Alten, sondern die, die mit der Lösung von deren Problemen betraut wurden. (Aber das ist ein anderes Thema und hat mit dem Problem des „demografischen Wandels" nichts zu tun. Oder etwa doch?)

Der verlorene Anschluss

Was immer in früheren Zeiten Philosophen und andere Weise über die Alten und das Alter gedacht und geschrieben haben, von Platon und Aristoteles über den schon zitierten Cicero, über Montaigne und Schopenhauer bis herauf in unsere Tage: Es waren andere Alte als die Alten von heute. Und sie standen, bewegten sich, lebten in einer anderen Welt als der unseren. Die Alten von heute sind zwar in der Regel älter als die Alten in vorangegangenen Zeitläuften. Sie sind aber nicht nur älter als jene, sondern zugleich - zumindest in Aussehen, Habitus, Auftreten und natürlich auch in ihren Ansprüchen - „jünger" als die früheren Alten.

Aber diese Alten, die alten Alten, waren abgesehen von ihrem Aussehen und gesundheitlichem Zustand nicht anders als alle anderen Menschen um sie; sie gaben und verstanden dieselben Botschaften und Signale, sie waren eins mit der Welt um sie. Und noch etwas sehr Wesentliches: Sie waren hochgeschätzt - und gebraucht! In einer Welt, die sich nur langsam veränderte, war Erfahrung ein unverzichtbarer Schatz. Nur Erfahrung hielt die Welt, die Wirtschaft, die Kultur in Gang. Und Erfahrung, nicht abgenutzte und jederzeit brauchbare Erfahrung hatten sie ja, die Alten, mehr als die „Jungen". Jene waren die Geronten, die im alten Sparta die Ratsversammlung bildeten, waren Ciceros Senioren, damals die überwiegende Mehrheit im Senat. Und so weiter bis zu den großen Forschergestalten des 19. Jahrhunderts.

Erst mit der immer schneller rasenden Akzeleration wurde das anders. Die Erfahrung von gestern ist heute nur Müll, und auf den Müll mit allen, die den Anschluss verpasst haben! Die zu langsam denken und arbeiten. Aber dennoch: Das Problem sind nicht die Alten, die wirklich Alten, die sehr Alten. Die sind ja - im Extremfall zumindest - in die Demenz entwichen oder in die Weisheit der Hoffnungslosigkeit. Das Problem sind die Vierzig-, Fünfzigjährigen, die sich weigern, über den Horizont ihres nächsten geplanten Urlaubs, des nächsten Fußball-Länderspiels, in die Wahrheit ihrer eigenen Zukunft blicken zu müssen. Denn was soll ihre eigene Zukunft sein? Das finstere Loch, in dem sie ihre Eltern, ihre Alten verschwinden sehen?

Der verlorene Anschluss: Das ist das wahre und am schwierigsten zu lösende Problem des „demografischen Wandels". Anschluss finden, Anschluss suchen kann man nicht mehr mit 70 oder 80. Da kann man nur noch Anschluss halten. Der demografische Wandel mit allen bösen Folgeerscheinungen, aber auch mit seiner weltanschaulichen Brisanz ist nicht ein Problem der Siebzig-, Achtzigjährigen, sondern der heute Vierzig-, Fünfzigjährigen. Anders gesagt: Es genügt nicht, wenn Siebzig-, Achtzigjährige mit Handys telefonieren und Computer bedienen können. Die Vierzig-, Fünfzigjährigen müssen alles daran setzen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben - nicht nur in ihrem Arbeitsbereich, sondern in der Betrachtung der Welt, in der Aufnahme der Botschaften und Signale und in der Kompatibilität ihrer eigenen Botschaften und Signale für diese Welt.

Mit 40, 50 Jahren entscheidet man, ob und wie man alt wird. Nur wer den Anschluss nicht verpasst, das heißt, wer weiterhin alle Zurufe der Welt zu empfangen bereit ist, immer weiter lernt, weiter arbeitet (selbst wenn die Bezahlung einfriert oder sogar geringer wird), nur der kommt durch die gnadenlos enge Schleuse dieses demografischen Wandels. Mit dem Altwerden und dem an- und abschließenden Sterben ist es dann, wie wenn ein Tag zur Neige und zu Ende geht. Dann soll man sagen können: Auch wenn es Abend wird, fühle ich mich noch frisch und munter und wäre durchaus in der Lage, noch ein paar schöne Stunden wach zu bleiben. Aber irgendwann kommt doch die Müdigkeit. Irgendwann fallen einem ja doch die Augen zu. (Ernst Brauner, DER STANDARD Printausgabe, 20./21.09.2008)

Zur Person:

Ernst Brauner, geb. 1928, Dr. phil., war Chefredakteur der Österreich-Ausgabe des Magazins Stern und Verlagsmanager bei Gruner + Jahr. Sein im Text erwähnter utopischer Roman Struldbrugs ist im Wieser-Verlag erschienen.

  • Ernst Brauner: Man ist so jung, wie man immer war, und so alt, als wäre
man bereits jenseits der Zeit und ihrer Zurufe und Signale.
    foto: marko lipus

    Ernst Brauner: Man ist so jung, wie man immer war, und so alt, als wäre man bereits jenseits der Zeit und ihrer Zurufe und Signale.

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