"Eine Frage des Überlebens"

19. September 2008, 18:00
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Ein Nebeneffekt der Finanzkrise ist die Beruhigung der globalen Agrarmärkte, die Preisrally bei Lebensmitteln ist gestoppt, sagt OECD-Direktor Stefan Tangermann im Interview

Der Zahl der Hungernden werde weltweit dennoch steigen. Verena Kainrath fragte nach.

STANDARD: Welche Folgen hat die Finanzkrise auf Agrarmärkte und Nahrungsmittelpreise?

Tangermann: Die Preisrally bei Agrarprodukten trat in einer Zeit auf, in der viele Investoren angesichts der Finanzkrise neue Möglichkeiten für ihr Kapital gesucht und in Rohstoffe investiert haben. Im Augenblick gibt es eine umgekehrte Entwicklung: Viele Anleger sehen die Folgen der Krise auf die Konjunktur und dass die Nachfrage nach Rohstoffen abnimmt. Die Ölpreise sinken, das schwappt jetzt auf landwirtschaftliche Märkte über.

STANDARD: Sehen Sie damit die Gefahr einer globalen Ernährungskrise überwunden?

Tangermann: Gebannt ist das Risiko, dass die Preise weiter explodieren. Ein Teil der Steigerungen war eine Blase, die nun platzt. Aber die Preise für wichtige Agrarprodukte werden künftig im Schnitt um 20 bis 50 Prozent höher sein als in den letzten zehn Jahren.

STANDARD: Gehen uns weltweit die Nahrungsmittel aus? Wird Brot zum Luxusgut?

Tangermann: Es gibt nicht zu wenig Nahrungsmittel, sondern zu wenig Einkommen. Je höher die Preise, desto schwieriger wird es für die Armen der Welt, ausreichend Nahrung zu kaufen. Es ist zu befürchten, dass zu den 850 Mio. hungernden Menschen noch einmal 100 bis 150 Mio. dazukommen. Wer einen Dollar am Tag hat zum Leben, für den sind um 20 Prozent teurere Lebensmittel keine Frage des Luxus, sondern des Überlebens.

STANDARD: Was kann die EU tun, um den Hunger in Entwicklungsländern zu bekämpfen?

Tangermann: Kurzfristig braucht es finanzielle Hilfe, das passiert schon, könnte jedoch deutlich mehr sein. Landwirten in Entwicklungsländern muss geholfen werden, damit sie im nächsten Jahr ausreichend Ernte einfahren können. Ein guter Vorschlag der Europäischen Kommission ist es, Geld, das für Agrarpolitik heuer nicht erforderlich ist, Entwicklungsländern zukommen zu lassen. Auf lange Sicht muss dort eigene Agrarproduktion entwickelt werden, die Produktivität erhöht, die Infrastruktur ausgebaut werden.

STANDARD: Profitieren die Landwirte dort gleichermaßen von den gestiegenen Preisen?

Tangermann: Vielfach nicht, da viele Regierungen die Preise niedrig halten, um die Verbraucher günstiger zu versorgen. Sie haben etwa Exportstopps und -zölle verhängt. Sie verhindern damit, dass ihre Bauern bessere Einkommen erzielen. Und sie nehmen ihnen den Anreiz, die Produktion auszuweiten.

STANDARD: Sie kritisieren Biosprit-Förderung.

Tangermann: 60 Prozent der Nachfragesteigerung bei Getreide und pflanzlichem Öl in den vergangenen zwei Jahren sind auf die Erzeugung von Biosprit zurückzuführen. Ein Drittel der zu erwartenden Preissteigerungen basiert auf seiner Förderung.

STANDARD: Sie sind ein Befürworter der Gentechnik. Ist sie wirklich ein wirksames Instrument im Kampf gegen den Hunger?

Tangermann: Sie trägt dazu bei, die Erträge schneller zu erhöhen. Und sie macht Agrarprodukte weniger anfällig gegen die Witterungsschwankungen. Das ist angesichts des Klimawandels ein wichtiger Aspekt. Wenn es gelingt, die Ertragsschwankungen zu reduzieren, indem man die Pflanzen resistenter macht, dann werden auch die Preise für Nahrungsmittel weniger stark schwanken. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20./21.9.2008)

Zur Person

Stefan Tangermann (64) ist seit 2002 Direktor für Handel und Landwirtschaft der OECD in Paris. Der Agrarökonom lehrte zuvor an der Universität Göttingen.

  • Stefan Tangermann: "Es gibt nicht zu wenig Nahrungsmittel, sondern zu wenig Einkommen."
    foto: standard/corn

    Stefan Tangermann: "Es gibt nicht zu wenig Nahrungsmittel, sondern zu wenig Einkommen."

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