Meine private Revolution - Anna Mitgutsch

19. September 2008, 18:02
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Deswegen war ich auch da: um den Traum meiner Generation von Weite, Freiheit und Bewegung zu erfahren. Amerika war für Europäer von jeher eine Projektionsfläche gewesen

Mein Amerika begann mit der Counterculture, die viel mehr war als die Hippie-Bewegung und doch etwas ganz anderes als die Studentenrevolte in Europa. Sie war ein damals unerhört neues und, auch aus dem Abstand von 40 Jahren betrachtet, einzigartiges Lebensgefühl, das eine Generation prägte und zu einem gewissen Grad einte. Obwohl ich 1968, auf dem Höhepunkt der Studentenbewegung 20 war und sie nicht verschlief, war meine erste Amerikareise ein Jahr später meine private Revolution.

Ich verbrachte die drei Monate unter erschwerten Umständen in den USA. Der Wechselkurs zum Dollar betrug 25 Schilling, und ich war mit einem Greyhoundticket für 90 Tage und zusätzlichen 2000 Schilling unterwegs. Auf diese Weise lernte ich den Kontinent von seiner härtesten Seite kennen. Weil ich mir die meist ohnehin unerschwinglichen Übernachtungskosten ersparen wollte, musste ich immer in Bewegung bleiben und auch die Nächte im Greyhoundbus durchfahren oder für ein paar Stunden auf einer Bank im Busterminal schlafen. Viele Erfahrungen, die mir das Elend in Amerika von seiner brutalsten Seite nahebrachten, hätte ich als finanziell abgesicherte Touristin wohl nie gemacht, und viele Menschen, die meine späteren Überzeugungen beeinflussten, hätte ich nie kennengelernt. Damals erlebte ich Amerika zwischen Maine und North Dakota, zwischen Kalifornien und Maryland, als einen Kontinent, dessen Dimensionen zugleich erschreckend und befreiend waren, überwältigend in seiner Hässlichkeit und in seiner Schönheit. Deswegen war ich ja auch da: um den Traum meiner Generation von Weite, Freiheit und Bewegung zu erfahren. Amerika war für Europäer von jeher eine Projektionsfläche gewesen, deren Chiffren für uns die Filme Easy Rider und Zabriskie Point waren, die Popmusiker Simon and Garfunkel, Bob Dylan und Joan Baez, der Widerstand gegen den Vietnamkrieg, die Hippie-Bewegung und die Highways, die leere Prärie- und Wüstenlandschaften bis zum Horizont durchschnitten.

Was aber dann durch die Begegnungen, die mir der bargeldlose Zustand geradezu aufzwang, die wichtigste Erfahrung wurde, war die Bürgerrechtsbewegung, die nicht in linke Ideologien eingebettet war, sondern in ebendieses Lebensgefühl, das Status, Geld und Politik verachtete und auf eine pragmatische Weise den Widerstand gegen alle Normen praktizierte. Aber es ging nicht um die abstrakte Idee der Befreiung einer Bevölkerungsgruppe, und sei es der Afroamerikaner, die damals noch Schwarze hießen, es ging um die Befreiung jedes Einzelnen aus dem, was ihn oder sie an der Selbstentfaltung hinderte - es war ein spielerischer, manchmal bacchantischer Aufstand, wenn auch nicht gewaltfrei, und es war eine Jugendbewegung, die all den Unverstand und die unbelehrbare Arroganz junger Menschen mitbrachte, die in ihrem Verweigerungs- und Erneuerungsrausch alles für ungültig erklärten, was vorher war und was auch sie geprägt hatte.

Es mag problematisch sein, mit dem Abstand von 40 Jahren den Erinnerungen ohne Skepsis zu vertrauen, aber es wäre auch unfair, Maßstäbe an diese Jahre des Aufbruchs anzulegen, die unserem heutigen Wissen über die späteren Entwicklungen entspringen. Die sexuelle Revolution richtete sich gegen die Verklemmtheit der Fünfzigerjahre, und die Drogen, meist Marihuana und Haschisch, mit denen viele damals experimentierten, wurden weder in kommerziellen Mengen hergestellt noch vertrieben, wie es heute der Fall ist. Unsere Generation hatte das Glück, sich eine Weile der Illusion eines völligen Neubeginns hingeben, sich mit einer Freiheit neu entwerfen zu dürfen, die die Vergangenheit nicht zugelassen hatte und die Zukunft nicht einhielt, aber das wussten wir damals nicht. Die amerikanische Gesellschaft, der die jugendlichen Revolutionäre entstammten, war wohlhabend, selbstbewusst und optimistisch, oder wie die Jugendlichen es sahen: arrogant, materialistisch und reaktionär. Die Vertreter der Counterculture hatten vieles nicht bedacht, denn es war auch eine Revolte, die sofortige Erlösung von den gesellschaftlichen Fesseln und spontane Bewusstseinserweiterung forderte, eine Bewegung, die dem Exzess einen höheren Stellenwert zumaß als der Vernunft.

Kollektiver Liebeswahn

Zwar polarisierte die Counterculture, aber sie erzeugte auch ein Klima, ähnlich dem im Europa der frühen 70er-Jahre, das auf die gesamte Gesellschaft übergriff. Es waren schließlich die eigenen Kinder, die rebellierten, man musste ihnen entgegenkommen, so weit es den Erwachsenen möglich war, und diese Kinder waren keineswegs fanatisch, sondern von einem kollektiven Liebeswahn beseelt, der die ganze Welt, aber vor allem die Randständigen und Diskriminierten umarmen und retten wollte. Man versuchte, sich dem anderen, sofern er kein Vertreter des Establishments war, mit jener Haltung zuzuwenden, die Bob Dylan besang: All I really wanna do is, baby, be friends with you. Jeder war auf irgendeinem spirituellen Trip, der weg von Konsum und Geld zum Wesenskern des Daseins hinführen sollte und viele in die Irre führte. Jahre später begegnete ich ihnen irgendwo im Mittleren oder im Fernen Osten - sie waren drogenabhängig, krank, orientierungslos und unendlich müde von einem Leben ohne Ziel und Auffangnetz. Sie konnten sich nicht mehr daran erinnern, dass sie einmal einem Erleuchtungserlebnis gefolgt waren. Aber sie waren nur kompromissloser und radikaler den Idealen der Counterculture gefolgt als der Rest, während eine andere Zeit über sie hinweggerollt war und sie am Rand liegenließ.

Zehn Jahre, nachdem die Jugendlichen der Counterculture allen bürgerlichen Erwartungen ihre summarische Absage erteilt hatten, lebten die meisten von ihnen wieder in den Suburbs, aus denen sie ausgebrochen waren, und sie führten ein Leben, das dem ihrer Eltern ähnlicher war, als sie es sich hätten träumen lassen. Trotzdem war etwas anders. Die Counterculture war nicht spurlos verschwunden, sie hatte sich nur in handfestere, diesmal erfolgreiche Ziele verwandelt: die feministische Bewegung und die Gleichbehandlungsgesetze für Minoritäten. Geblieben war eine tiefsitzende egalitäre Grundhaltung, die auf Fairness bestand und darauf, den anderen zu Wort kommen zu lassen und seine Meinung anzuhören, eine Erziehung zur Demokratie, die im Kindergarten begann, auch wenn sie in der Gesellschaft oft genug verletzt wurde. Im Unterschied zu früher war nun die Grundlage vorhanden und konnte eingeklagt werden. Das war das Amerika, das ich in den Jahrzehnten, als ich dort lebte, schätzen lernte.

Ich habe seit meiner Tramptour in den späten 60er-Jahren Amerika nie wieder als Kontinent erlebt. Die Prärien und die Ebenen des Mittelwestens sind zum Hinterland des kleinen Ausschnitts geworden, den ich mit Gewissheit mein Amerika nennen kann, weil ich mit Unterbrechungen 30 Jahre da verbracht habe, und gewiss ist mein Amerika nicht repräsentativ für den ganzen Kontinent. Aber man lebt nie in einem Land, nicht einmal in einer bestimmten Stadt, man lebt an einem eng umrissenen Ort, er umfasst einen Stadtteil, wo man einkauft, wo man sich mit Freunden trifft, ins Kino geht und ein Lieblingsrestaurant hat, wo einen die Nachbarn nicht mehr fragen, woher der Akzent kommt, den man nicht loswird. Dazu gehören die Gegenden, wo man an Wochenenden hinfährt und die Ferien verbringt, und die Stadtteile, wo man über die Veranstaltungen auf dem Laufenden ist. Es ist nicht immer der Ort, den man sich ausgesucht hätte, aber er ist der Schauplatz eines unwiederholbaren Lebensabschnitts und wird dadurch zu einem Zuhause, nach dem man Heimweh hat, wenn man es verlassen muss.

Das Amerika, nach dem ich Heimweh habe, sind die herbstlich gefärbten Ahornwälder Neuenglands, das Marschland mit seinem starken Salzgeruch und dem vielstimmigen Quaken der Ochsenfrösche in der Dämmerung, die hohen Sanddünen auf Cape Cod bei Provincetown und die buchtenreiche Felsenküste von New Hampshire bis Maine, die Straßendörfer mit den schlichten, leuchtend weißen Kirchen und den unerwarteten Ausblicken auf das Meer, die Imbissbuden, wo man nach einem Tag am Strand die am Morgen gefangenen Fische und Meeresfrüchte aus Papptellern isst und wo die ganze Gegend die Atmosphäre der Sommerfrische am Meer ausstrahlt, eine angenehme Müdigkeit und Ruhe, und das Meer ist spiegelglatt und von einem zarten metallisch hellen Blau.

Meine Stadt ist vor allem Boston, seine südlichen Vorstädte um den Fourth of July herum, mit den langen Dämmerungen und ihren trägen Sommergeräuschen, den Ice-cream-Verkäufern, die mit ihren bunten Verkaufswagen und der sich endlos wiederholenden Melodie aus ihren Lautsprechern durch die Straßen fahren, bis sie zur Kennmelodie des ganzen Sommers wird, mit den Gesprächsfetzen aus Nachbargärten, der salzigen Brise vom Meer her. Dazu gehört auch der Sommerregen, die dichten Schleier sehr feinen Regens, ein weiches, alles umhüllendes Nieseln, das die Geräusche dämpft. Am schönsten ist Downtown Boston, wenn im April die Dogwood-Bäume an den Hausmauern mit winzigen weißen Blüten übersät sind. Die Silhouette der Stadt mit dem Prudential Center und den beiden Hancock-Türmen, eisblau gegen den Abendhimmel, wenn man vom Norden am Charles River entlang in die Stadt fährt, und der Public Garden im ersten Frühjahr, wenn über den Trauerweiden ein erstes hellgrünes Flirren liegt. Zu meinem Boston gehört auch das dörfliche Cambridge mit seinen Buchhandlungen und Bibliotheken und den Gesprächen in Burdick's, dem Café an der Brattle Street, wo die Chansons nur ein gedämpftes Nebengeräusch sind, wo man Mokka mit heißer Schokolade aus dickwandigen großen Tassen trinkt und stundenlang sitzen und reden kann.

Mein Amerika sind auch die Galerien und Cafés in Soho, die Off-off-Broadway Theater, manchmal nicht größer als eine Bar irgendwo im ersten Stock am Ende einer steilen Treppe, das ist Manhattan am Morgen an einem Wochenende im Herbst, wenn die Luft ganz frisch und klar ist, die Straßen fast ohne Autos sind und man entlang der 6th Avenue zwischen den Ständen des Straßenmarkts flanieren kann. Das sind natürlich auch die Menschen, die dort leben und die mir am längsten ihre Freundschaft gehalten haben. Sie sind Akademiker, Literaten und Professoren, sie wählen demokratisch und sorgen sich um die Entwicklung des Landes. Vor 40 Jahren demonstrierten sie gegen Nixon und den Vietnamkrieg, vor vier Jahren gegen George W. Bush und den Irakkrieg. Die wenigsten unter ihnen sind reich geworden, sie haben zu viele Berufe und Lebensentwürfe ausprobiert. Wenn ich mit ihnen zusammen bin, ist noch immer das Selbstverständnis unserer Jugend das, was uns zusammenhält, obwohl wir längst von der Straße des Exzesses auf den Weg der Vernunft eingeschwenkt sind. In irgendeiner Form fühlen sie sich noch immer den alten Idealen verpflichtet.

Das tun auch viele Europäer und nicht nur aus der 68er-Generation. Der Unterschied, der meine amerikanischen Freunde unverwechselbar amerikanisch macht, besteht in dem Optimismus, der uns Europäern heute, mehr denn je, naiv erscheint. "What are you going to do about it?" , fragen sie, aber es ist gar keine Frage, es ist eine ungeduldige Aufforderung, die davon ausgeht, dass alles machbar ist, dass es in unserer Macht liegt, jedes Übel abzuschaffen, und dass wir alle ein verbrieftes Recht auf Glück haben. Nur eines dulden sie nicht: offen zur Schau getragene Trübsal, Trauer um Verlorenes, die sich der Forderung life must go on widersetzt und die Weigerung einzusehen, dass alles nur eine Sache der Einstellung ist. (Anna Mitgutsch, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.09.2008)

Zur Person
Anna Mitgutsch, geb. 1948, lebt als Schriftstellerin in Linz. Sie studierte Germanistik und Anglistik und dissertierte über englische Lyrik der 60er-Jahre. Von 1980 bis 1986 lebte und unterrichtete sie in den USA. Zuletzt erschien von ihr "Zwei Leben und ein Tag" (Luchterhand).

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    ... von einem Liebeswahn beseelt, der die ganze Welt, aber vor allem die Randständigen und Diskriminierten umarmen und retten wollte ...

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