Das Leben, eine Geisterbahn

19. September 2008, 19:25
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Über das Anziehende, den Schrecken und das Dunkle im menschlichen Leben: Judith Kuckarts poetische Krimiform mit Tiefgang

Der Anfang allen Schreckens ist das Schöne, sagt die Titelfigur in Die Verdächtige, dem neuen Roman von Judith Kuckart, der sich hintergründig um Anziehung und Abweisung, Einsamkeit und Angst dreht. Zu Hauptkommissar Robert Mandt, der George Clooney ähnelt und kürzlich von seiner Frau verlassen wurde, kommt die merkwürdig faszinierende Marga Burg: Ihr Freund Mathias sei vor zwei Wochen in der Geisterbahn auf der Kirmes verschwunden, "wie eine Faust verschwindet, wenn man die Hand öffnet" . Die Ermittlungen auf Verdacht, die der melancholische Robert mit seiner jungen Kollegin Nico anstellt, führen zum Personal der Geisterbahn, in eine Filmproduktionsfirma, in fremde Wohnungen und in das eigene Innere. Nachdem der Krimi nicht mehr prinzipiell zu den minderen Genres gezählt wird, bietet er offenbar vielen Schriftstellerinnen eine adäquate Gattung, um mit Geschichten Spannungsbögen hinter Fassaden zu zeigen - in Margit Schreiners jüngstem Prosawerk klagt die erzählende Autorin, alle Kollegen würden sich neuerdings dem Krimi verschreiben. Juli Zehs Schilf und Lilian Faschingers Stadt der Verlierer kommen in den Sinn; und nun fasst der Klappentext Kuckarts sehr ansprechenden Roman bündig zusammen: "Eine Liebesgeschichte wird zum Krimi".

So simpel allerdings gibt es Kuckart nicht. Mag auch ihre Sprache meist schnörkellos, artistisch unbemüht klingen, so liegen doch - dem literarischen Programm angemessen, immerhin sind Kulissen ein Hauptthema - hinter den präzisen Sätzen einige Bruchstücke von Welten. Hier treffen sich Abbildungs- und Einbildungskraft. Von Anfang an unterlegt Kuckart Die Verdächtige mit einem feinen Subtext, der Verdachtmomente und Positionen, die Narration und ihre Formen reflektieren lässt. "Sie saß mit dem Rücken zur Tür", beginnt der erste von fünf Teilen mit dem für Ermittlungen wie Erzählung wesentlichen Aspekt, der Perspektive, sodann mit dem Mantelmotiv und der Einschätzung: "War sie sechzig? [...] War sie jung, siebzehn oder so?" Der folgende Satz ist eine jener unaufgeregten Wendungen, die Kuckarts künstlerische Wendigkeit bündelt: "Als sie sich zu ihm umdrehte, war sie Ende dreißig. Es war Sonntag." Das Umdrehen, die Zeiten, Raum und Vorstellungen und eine nicht gleich einsichtige Verbindung von Sätzen spielen ebenso eine bedeutende Rolle wie der Text hinter dem Reden. "Unter dem Satz lag ein zweiter" , steht in dieser Szene, mit der Kuckart in ihren Roman führt, der zugleich eine packende Erzählung von Existenzen und Existenziellem, ein Krimi und sein Umspringbild ist.

Je nach Perspektive verändert sich im Umspringbild die Darstellung. "Das war nicht gut, das war nicht schlecht" , heißt es bei der Annäherung von Robert und Marga; "kein Ort ist Heimat, jeder Ort ist Heimat" , sagt sie im deutschen Osten, wo er einem Kollegen erklärt, Paradoxien seien "zwei Wahrheiten, die gleichzeitig gelten" . Roberts Vortragsreise zur Polizei nach Leipzig und zunächst Dresden, wohin ihm Marga nachfährt, ist ein leichtes Umspringen der Spurensuche in eine Liebesfährte. Bis auf den zurückgekehrten Hauptkommissar geschossen wird. Wer wollte den Ermittler töten, wo ist der verschwundene Mathias, lebt er noch, was ist mit Margas schwergewichtig behindertem Bruder? - das sind die Rätsel, die die Erzählung weitertreiben, ebenso wie die Fragen der Identitäten hinter den Stimmen und der Wahrheiten hinter den Beobachtungen.
Der Krimi ist ja die Gattung, in der es um Wahrheit und Lüge geht, und dies macht sich Kuckart für ihre Spurensuche zunutze. Sie schildert meist aus der Er-Perspektive des Kommissars - auch in dieser Hinsicht gibt es, etwa im abschließenden Verhör, Umspringsituationen. Seinen genauen Bebachtungen des Umfeldes, von Einrichtungen oder ganz knappen Straßenszenen, entspricht die Erzählweise. "Beschreiben half" , denkt er. "Beschreiben machte, was man sah, sichtbar." Und so hat es bisweilen den Anschein, als rücke das Rundherum in den Mittelpunkt und die Ermittlungen blieben peripher. Der Bahnhofsplatz in Herne II liegt da als "Vorplatz vom Mond, mit seinen unzähligen Bushaltestellen zwischen Leere und Leere" . Und auf der Kirmes sieht Robert das Kinderkarussell, "auf dem die ewigen Schwäne einer verlorenen Kindheit ihre Runden zogen" - wer die Melancholie nicht kenne, bemerkt er, "versteht nur die Hälfte".

Es sei ein Mord, den jeder hätte begehen können, sagt Marga und mag eine Spur zu Doderers (fast) so betitelten Roman antippen, mit dem Die Verdächtige einige Motive verbinden.

Was denn die Erinnerung, was die Wirklichkeit sei, diese seit langem zentrale literarische Erkenntnisproblematik schwingt bei Kuckart immer mit. Ob er bereits in der Kulisse gelandet sei, überlegt sich der Hauptkommissar: "War Wirklichkeit vielleicht nur eine wacklige Vereinbarung, aus der man herausfliegen konnte" ...

Judith Kuckart legt hier ein packendes, eindringliches und poetisch dichtes Prosawerk über das Anziehende, den Schrecken und das Dunkle im menschlichen Leben vor. (Klaus Zeyringer, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.09.2008)

Judith Kuckart, "Die Verdächtige" . Roman. € 20,50 / 285 Seiten. Dumont, Köln 2008

  • "Kein Ort ist Heimat, jeder Ort ist Heimat" : Judith Kuckarts neuer Roman ist zugleich ein Krimi und ein Umspringbild.
    foto: renate von mangoldt

    "Kein Ort ist Heimat, jeder Ort ist Heimat" : Judith Kuckarts neuer Roman ist zugleich ein Krimi und ein Umspringbild.

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