Der Ödipus von Sarajewo

19. September 2008, 16:20
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Igor Štiks' Roman über die Katastrophen des vergangenen Jahrhunderts und die Identitätssuche eines zeitgenössischen Homo faber

Was ist eine Glanzzeit? "Eine Zeit vieler großer Namen, in nächster Nähe voneinander, und zwar so, dass ein Name den anderen nicht erstickt, obwohl sie einander bekämpfen. Wichtig daran ist die ständige Berührung, die Stöße, die das Glänzende sich gefallen lässt, ohne zu erlöschen", meinte Elias Canetti. Anfang der 90er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand Europa, als der Vielvölkerstaat Jugoslawien zerfiel und sich mit Schwerpunkt Bosnien-Herzegowina ein nicht vorstellbarer Krieg entzündete, vor seinen größten politischen Herausforderungen.

Sicherlich keine Glanzzeit. Als in Kroatien mit Preisen überhäufter Erzähler im politischen, historischen, ökonomischen und kulturellen Güterverkehr, hat sich der junge Autor Igor Štiks (Jahrgang 1977) in seinem zweiten Roman Die Archive der Nacht nicht nur dieser Zeit angenommen, sondern verwahrt die Geschichte Europas im vergangenen Jahrhundert in einer rund 90 Jahre umfassenden Zeitkapsel. Allerdings bietet der Roman nicht nur eine Reise durch die Katastrophen Nationalsozialismus, Holocaust und Balkankrieg, sondern zudem eine griechische Tragödie im Miniformat. Wobei der ambitionierte, aber noch wenig erfahrene "Menschenvermittler" Štiks vielleicht ein wenig zu viel Stoff in sein Buch verpackt.

Allerdings gelingt es Štiks, anhand des etablierten Schriftstellers Richard Richter, Erzähler und tragendes Element des Romans, die vielschichtige Wahrheit eines, des Krieges aufzuzeigen: Der Zufall will es, dass Richter, nach einer gescheiterten Ehe von Paris in seine Geburtsstadt Wien zurückgekehrt, in einem Wandversteck ein altes Heft seiner verstorbenen Mutter Paula findet, das Richters Wissen um seine Herkunft und Identität von Grund auf erschüttert. Der Brief, kurz vor Richters Geburt geschrieben, wurde an Jakob Schneider gerichtet, dessen letzter bekannter Aufenthaltsort die Hauptstadt Bosniens war. "Sarajewo ist eine kleine Stadt, und es dauert keinen halben Tag, bis ich einen Hinweis hätte, um wen es sich handeln könnte!" Die Stadt dient zur kritischen Orientierung, um die komplexe historische Gemengelage Europas in der Gegenwart, die unterschiedlichen "Wege der Erinnerung" gegen den Strich zu lesen, besser zu verstehen und zu entschlüsseln.

Sturz ins Schicksal

Als Berichterstatter nach Ausbruch der Kampfhandlungen in Jugoslawien lernt Richter die "richtige" Sicht auf den Krieg, vor allem durch die Begegnung mit den viel jüngeren Ivor und Alma. Richter verliebt sich in Alma, ohne etwas über ihre Herkunft zu wissen. Gleich Walter Faber in Frischs Homo faber stürzt Richter inmitten der historischen Wirren in sein Schicksal und erkundet die schönste Seite des Verbots. Er kehrt nach Wien zurück und wächst an den Folgen seiner Begegnung.

Mit dem Menetekel, seine Suche positiv erfüllt und sein eigenes "Innenleben" neu befruchtet zu haben, aber es nicht ausleben zu können, wird Richter zum lebenden Beweis für das Zusammenspiel aller Kräfte des Lebens.

In diesem und im vergangenen Jahrhundert machen wir als Menschen unterschiedlichste Erfahrungen, die im Gegensatz zur Idee einer völlig homogenen oder einheitlichen nationalen Kultur stehen: Emigration, Randexistenzen und Marginalisierungen jeglicher Art, Diaspora in Zentraleuropa und der ganzen Welt. Dies war und ist der spürbare Antrieb Štiks', humane Facetten in den schrecklichsten Herausforderungen des Lebens aufzuzeigen - es gelang. (Alexander Lass, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 20./21.09.2008)

Igor Štiks, "Die Archive der Nacht" . Aus dem Kroatischen von Marica Bodrožić. € 20,50 / 376 Seiten. Claassen, Berlin 2008

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