Rundschau: Flutwarnung!

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coverfoto: egmont lyx

Jennifer Fallon: "Gezeitenstern-Saga 2: Die Götter von Amyrantha"

Broschiert, 574 Seiten, € 15,40, Egmont Lyx 2008.

Vor etwa 10.000 Jahren ist ein Häuflein Huren, Hehler und Hallodris über ein Trümmerstück aus dem Himmel gestolpert, mit dessen Hilfe sie Unsterblichkeit erlangten. Und zwar wirkliche Unsterblichkeit: Schlägt man einem von ihnen den Kopf ab, wächst er nach. Wirft man gleich den ganzen Unsterblichen in einen Vulkan (wofür es wahrlich gute Gründe en masse gäbe), entsteigt er der Lava: Vorübergehend leicht angekokelt, aber quicklebendig und mächtig angepisst - wehe dem Werfer! Neun der zwei Dutzend Unsterblichen haben über ihre Unverwüstlichkeit hinaus überdies Kräfte in apokalyptischem Ausmaß erhalten - und diese "nutzten" die sogenannten Gezeitenfürsten auch stets für höchst persönliche Belange. Wann immer sie aneinander krachten, erlebten die Bewohner von Amyrantha ein Weltenende - das letzte liegt ein Jahrtausend zurück. Der nichtige Anlass: Der Gezeitenfürst Brynden schleuderte seinem Nebenbuhler Cayal aus Eifersucht einen Meteoriten hinterher. Die Folge: Millionen Menschen starben, die Zivilisation versank einmal mehr im Chaos.

Doch die Macht der Unsterblichen bzw. Suzerain ist an den Gezeitenstern gebunden: Herrscht kosmische Flut, ist sie unbegrenzt - bei Ebbe bleibt den Suzerain zwar die Fähigkeit zur Selbstregeneration erhalten, darüber hinaus sind sie dann aber ganz normale Menschen und gezwungen, bis zur nächsten Flut inkognito unter den Sterblichen auszuharren (was ihre Laune keineswegs bessert). - Viele Jahrhunderte lang herrschte nun Ebbe, und die Gezeitenfürsten sind zur Legende verblasst. Nur im Kartenspiel Tarot wird eine verzerrte Erinnerung an sie wachgehalten - und wie es beispielsweise kam, dass just die beiden Schlampen Diala und Jaxyn als "Die Hohepriesterin" und "Der Fürst der Askese" in die Überlieferung eingingen, ist eine von vielen Episoden, die Jennifer Fallon im großartigen ersten Teil der "Gezeitenstern-Saga" schilderte (mehr dazu hier). Anders als "Der Unsterbliche Prinz" bewegt sich "Die Götter von Amyrantha" aber nicht mehr zu beinahe gleichen Anteilen auf einer Vergangenheits- und einer Gegenwartsebene, sondern konzentriert sich anhand eines großen Figurenensembles auf das aktuelle Geschehen: Denn die Flut kehrt zurück und die Unsterblichen machen ihre ersten Spielzüge.

Fürstin Arkady Desean, deren Begegnung mit Cayal in Band 1 die grausige Wahrheit enthüllte, dass die Gezeitenfürsten kein nettes Märchen sind, musste ihrem schwulen Ehemann als Alibi-Gattin auf diplomatische Mission folgen. Und sich nicht nur damit abfinden, dass im südlichen Torlenien Frauen in der Öffentlichkeit ganzkörperverhüllt zu sein haben (eine "kulturelle Tradition", die - wie könnte es anders sein - einst ein Gezeitenfürst aus einer eigensüchtigen Laune heraus etablierte), sondern auch damit, dass sich hier heimlich Unsterbliche eingenistet haben und nach weltlicher Macht streben. - Genauso wie im heimatlichen Glaeba und dessen Nachbarreich Caelum: Declan Hawkes, Erster Spion des glaebischen Königs, und die Tiermenschen Warlock und Tiji kämpfen an vorderster Front gegen die stille Usurpation - und langsam aber sicher geraten die Sterblichen ins Hintertreffen.

"Die Götter von Amyrantha" bezieht seine Spannung aus einer komplexen Gemengelage aus Loyalitäten und Rivalitäten: Menschen können Suzerain nicht von Normalsterblichen unterscheiden, Crasii-Sklaven wie Warlock und Tiji hingegen erkennen die Suzerain am Geruch. Leider sind die Tiermenschen aber einst von den Unsterblichen erschaffen worden und unterliegen einem genetisch aufoktroyierten Befehl zum absoluten Gehorsam gegenüber ihren Schöpfern. Davon ausgenommen ist nur eine kleine Gruppe der Crasii, die Arks: Zu ihrem Glück sind sie nicht von anderen Artgenossen unterscheidbar - ob sie den Befehlen eines Unsterblichen gegenüber immun sind, merken sie selbst allerdings erst in der direkten Konfrontation. Und um das Maß vollzumachen, halten die Suzerain ihre Operationen nicht nur vor den Menschen, sondern auch voreinander geheim. Denn fast alle von ihnen giert es nach einem Leben in Macht und Luxus, was sie zu direkten KonkurrentInnen werden lässt. - Jennifer Fallon entwickelt daraus ein facettenreiches Spiel der Täuschungen und Enthüllungen, lässt die LeserInnen über Identitäten rätseln und lockt sie geschickt auf Fährten, die sich perfiderweise zwar als richtig erweisen, aber nur als Tarnung für gänzlich Unerwartetes dienten: Band 2 wartet mit einem noch größeren Knalleffekt auf als sein Vorgänger.

Als Kirsche auf dem Cocktail ist das Ganze auch noch in einem so munteren Ton erzählt (respektive in glänzender Weise übersetzt), dass es einen nur so über die Seiten fliegen lässt. Besonders gelungen die Dialoge der ProtagonistInnen - man gewinnt den Eindruck, als hätten sich die Erkenntnisse amyranthischer Entsprechungen von Freud und Kinsey in den Hinterköpfen der Beteiligten ebenso fest verankert, wie sie bei uns in die Konversation einfließen. Aber Achtung: Wortwitz ist etwas gänzlich anderes als humoristische Erzählweise. Das Geschehen selbst ist alles andere als lustig: Denn in all den Jahrtausenden haben die Unsterblichen weder an Weisheit noch an menschlichem Niveau gewonnen - und schon gar nicht an Mitleid. Mit Nonchalance nehmen sie zur Verwirklichung ihrer Pläne Massenmord hin, und die paar Verzweifelten, die ihnen gegenübertreten, blicken mit Grauen in die Zukunft. - Während wir mit ungetrübter Vorfreude den weiteren Bänden der Tetralogie entgegen sehen dürfen ... so zynisch ist die Welt.

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