Der "machthungrige Sohn" hat sich freigestrampelt

19. September 2008, 17:56
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Heinz-Christian Strache versucht den Spagat zwischen Rebellenstatus und einem, mit einem Regierungsamt kompatiblen Politikangebot

Wenn H.-C. Strache sich unter die Leute mischt, die sich bei jedem seiner Auftritte um die FPÖ-Standln drängen, dann wirkt er ein bisschen wie ein Sportler, der sich nach einem großen Sieg feiern lässt. Händeschütteln, Autogramme geben, den Erfolg teilen.
Obwohl: Der Erfolg ist ja noch gar nicht da. Aber keiner zweifelt, dass er kommen wird. Und keiner zweifelt, dass der von allen erwartete Wahlerfolg ein persönlicher Erfolg des Heinz-Christian Strache sein wird.

Das lässt sich gut mit Daten aus der Meinungsforschung untermauern: Auf die Frage, für welchen Kandidaten die Stimmung besser geworden sei, erwähnen (in drei Umfragewellen des Linzer market-Instituts) stabil zwischen 31 und 35 Prozent den Spitzenmann der Freiheitlichen. market-Chef Werner Beutelmeyer, der den Wahlkampf kontinuierlich beobachtet, nennt das "vortreffliche Werte in der Personenbewertung, Strache wäre die Nummer zwei hinter Faymann, für den rund jeder Zweite eine bessere Stimmung sieht, und Molterer, für den das nur jeder Fünfte sieht. Aber dann kommt Jörg Haider in den Wahlkampf und schiebt sich hinein."

Im Vergleich mit Haider schlage sich Strache nicht schlecht, attestiert Beutelmeyer.
Aber er ist halt immer da, der Vergleich. Und daher fällt auf, dass bei Wahlkampfveranstaltungen der FPÖ getrachtet wird, dass zufällig in der Nähe stehende BZÖ-Plakate nicht ins Bild kommen.
Dabei ist Strache durchaus der Typ, der Polarisierungen und _Duellsituationen schätzt - aber Haider ist für ihn ein Gegner von gestern. Eineinhalb Jahre lang, vom Frühjahr 2005 bis zum Wahlgang vom 1. Oktober 2006, hatte sich die FPÖ vom BZÖ und Haider freistrampeln müssen, damals waren Straches Reden noch voll von Verachtung für die „Verräter", die Mandate und Vertretungsanspruch von der Freiheitlichen Partei abgezogen hatten.

Herausforderer eines Systems

Rückblickend betrachtet ist klar: Ohne Strache wäre das Projekt einer Wiederbelebung der von ihren bekanntesten Exponenten verlassenen FPÖ nicht zu schaffen gewesen. Strache hatte mit der Wiener Landespartei eine sowohl finanziell als auch organisatorisch intakte Basis, der damals erst 36 Jahre alte Landesparteiobmann hielt in der Krise der Partei die Getreuen zusammen und stellte sich an die Spitze der Bundesorganisation - wobei ihm zu Hilfe kam, dass er ein halbes Jahr vor einer Landtagswahl stand: Jetzt müssten alle Kräfte zunächst in Wien gebündelt werden, lautete die Devise.

Und Strache gelang nicht nur das: Darüber hinaus präsentierte er sich als Herausforderer eines Systems in dem sich alle dem unbestrittenen Bürgermeister Michael Häupl unterordnen.
Diese Duellsituation ging auf: 14,8 Prozent erzielte Strache bei der Gemeinderatswahl im Oktober 2005 - und ab diesem Erfolg war klar, dass die FPÖ als politische Kraft wieder etabliert war. Und dass Strache auch der richtige Mann für die nächsten Wahlgänge sein würde. Mit 11,0 Prozent bei der Nationalratswahl 2006 schuf er die Grundlage, auf der er die FPÖ personell und inhaltlich für eine mögliche Regierungsbeteiligung im Jahr 2010 neu aufstellen wollte.

Aber dafür kam die Neuwahl zu früh. Strache wird immer noch als "machthungriger Sohn, der auch mit seiner Wortwahl nicht zimperlich ist, sagt, was er denkt und der andere dominieren möchte", empfunden, wie es Susanne Hackl-Grümm vom Psychotechnischen Institut zusammenfasst.

Während des Wahlkampfs aber zeigte er einen erstaunlichen Wandel: Trat er anfangs noch mit revolutionärem Nimbus als "Stra-CHE" auf, kurz darauf mit Anzug und offenem Hemdkragen, so ist er nun beim dunklen Anzug und passender Krawatte angelangt. Ein bisserl sieht er schon aus wie ein Staatsmann. An den Inhalten aber wird noch geagearbeiet. (Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

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