"Sie unterschätzen uns als Wählergruppe"

19. September 2008, 18:02
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Fünf Erstwähler sprachen im SchülerStandard über ihren Zugang zu Kandidaten, Wahlplakaten und Zuwanderung

SchülerStandard: Wann beschäftigt ihr euch mit Politik und woher bezieht ihr eure Informationen?

Samuel Toro Pérez: Der Schulalltag ist von Politik beeinflusst, auch in meiner Familie diskutieren wir viel.

Robin Rydholm: Wir machen in Deutsch ein Projekt zu den Nationalratswahlen. Jeder setzt sich mit Aspekten des Wahlkampfs und der Programme auseinander, beobachtet und vergleicht. Am Ende wird das Ergebnis präsentiert und diskutiert.

Katja Sagerer: Wir haben über Politik im Fach „Geschichte und politische Bildung", wie es ja so schön heißt, gesprochen, aber ich hatte den Eindruck, dass die Lehrer selbst eher weniger informiert sind. Etwa bei der Hacklerregelung konnte uns unser Lehrer nicht wirklich Auskunft geben. In meiner Familie sehen wir uns die TV-Konfrontationen an, die übrigens sehr lustig sind. In der Schule wird in den Pausen dann darüber diskutiert und auch gestritten.

SchülerStandard: Lassen sich Jugendliche leichter als Erwachsene durch politische Werbung manipulieren?

Monika Demmer: Jugendliche sind da nicht anfälliger als Erwachsene. Nur bei Strache merke ich, dass er Jugendliche ziemlich anspricht. Strache gewinnt stark an Stimmen, da sie ihn nicht mehr als Politiker sehen, sondern als einen von ihnen, als Freund.

Katja Thürriegl: Viele Jungwähler wollen mit der Aussage „Ich wähle FPÖ" vielleicht nur provozieren. Damit haben sie eine extreme Meinung und ein Diskussionspotenzial geschaffen.
SchülerStandard: Welchen ersten Eindruck habt ihr von den Wahlplakaten?

Thürriegl: Für mich sagt das SPÖ-Plakat "Faymann. Die neue Wahl" nichts aus. Es ist ein kläglicher Versuch, den Menschen, die den Glauben an die SPÖ verloren haben, durch ein neues Gesicht klarmachen zu wollen, dass jetzt alles gut wird.

Sagerer: Man muss schon sagen, dass es einem ins Auge sticht, wenn man daran vorbeigeht. Aber eigentlich sagen viele Plakate nichts aus.

Toro Pérez: Manche Sprüche sind eben nur Floskeln. Genau das sehe ich beim Herrn Haider: "Ärmel aufkrempeln und anpacken. Deinetwegen Österreich". Er hatte in der Regierung lange genug Zeit, die Ärmel aufzukrempeln und etwas anzupacken.

SchülerStandard: Wie viel Information sollte auf einem Wahlplakat verpackt sein?
Thürriegl: Einzelne Punkte, die der Partei sehr wichtig sind. Das gesamte Wahlprogramm hinzuschreiben, ist sinnlos, das wird sich niemand ansehen.

Sagerer: Ich finde es wichtig, dass Eckpunkte angesprochen werden. Aber schlecht ist, dafür dann Schlagworte zu verwenden, die mir keiner erklären kann, wie bei der ÖVP: "Pflegeförderung verdoppeln." Was ist die Pflegeförderung? Das ist mein Problem mit Plakaten. Besonders als Schüler, kann ich mich nicht jeden Tag drei Stunden vor den Computer setzen, um herauszufinden, was jede Partei mit den einzelnen Wörtern meint.

Thürriegl: Ich glaube, dass die ÖVP hier nicht Jugendliche, sondern Pensionisten ansprechen möchte, weil es eine Gruppe mit großem Wählerpotenzial ist. Und die wissen ja, was die Pflegeförderung ist.

Sagerer: Das finde ich schade, wenn sie uns Jugendliche als Wähler kriegen, gewinnen sie uns auf einen längeren Zeitraum hin. Wir werden die nächsten 50 bis 60 Jahre wählen. Ich glaube, sie unterschätzen uns als Wählergruppe.

Toro Pérez: Es ist wichtig, dass man andere Quellen als Plakate heranzieht. Bei der ÖVP merkt man, dass es innerhalb einer Partei Ambivalenzen geben kann. Auf der einen Seite versucht sie, rechtsorientierte Wähler zu gewinnen, andererseits auch Liberale anzusprechen. Diese inneren Widersprüche lassen einen zweifeln.

SchülerStandard: Stehen bei eurer Entscheidung bestimmte Themen im Vordergrund?_Sagerer: Auf Dinge wie Studiengebühren legt man ein besonderes Augenmerk.

Toro Pérez: Klar wirft man ein Auge auf bestimmte Themen, ich interessiere mich aber mehr für das Ganze.

SchülerStandard: Zuwanderung ist eines der zentralen Themen im Wahlkampf. Ist sie aus eurer Sicht eine Chance für Österreich?

Rydholm: Einwanderung ist zuerst ein Problem, außer man schafft es, sie in den Griff zu bekommen. Migranten die Chance auf Integration zu geben, kann ein großer Vorteil sein. In Österreich gibt es aber nicht genug Toleranz in der Bevölkerung.

Toro Pérez: Ich denke, das sogenannte Problem "Zuwanderung" wird viel zu stark als solches propagiert.

SchülerStandard: Findet ihr das Werbebudget im Wahlkampf angebracht?
Alle: Nein.
Toro Pérez: Lieber sinnvolle Politik als solche Plakate. (ben, bsb, clas, lop, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

Zur Person: Die befragten Jugendlichen waren
Samuel Toro Pérez (geb. 1992) ist im Musikgymnasium Wien, ebenso Monika Demmer (geb. 1991). Katja Thürriegl (geb. 1992) geht in das BORG 3, Katja Sagerer (geb. 1992) in die AHS Heustadelgasse. Robin Rydholm (geb. 1992) besucht das Neuland Realgymnasium. Alle Diskutanten wählen erstmals den Nationalrat

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