"Ich bin sicher nicht die Krone der Schöpfung"

19. September 2008, 17:57
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Molterer will Kanzler werden - Doch sogar in der ÖVP gilt der Finanzminister als Sacharbeiter

Selbst auf tiefschwarzem Territorium ist der Boden für Wilhelm Molterer nicht immer einfach zu bestellen. So wie unlängst am "Oktoberfest" der Christgewerkschafter, in einem Hinterhof der Wiener Josefstadt - einer Art Miniversion der Münchner Massensause: Als der ÖVP-Spitzenkandidat eintrudelt, üben auf die versammelten Parteispezln die Schweinsbraten- und Sauerkrautberge mehr Faszination aus als der eigene Kanzleranwärter. Auf den Bierbänken wird fröhlich weitergemampft, nur wenige legen das Besteck nieder, um ihrem "Willi" etwas Beifall zu klatschen.

Molterer selbst pflügt sich unverdrossen lächelnd und händeschüttelnd durch die Menge - bis ihm der mächtige ÖAAB-Boss Fritz Neugebauer, dessen Arbeiter- und Angestelltenbund vom Finanzminister wochenlang die Verlängerung der Hacklerregelung eingefordert hat, das Mikro reicht. Der ÖVP-Obmann pariert die internen Debatten - auch um seine Person - an diesem Abend jedoch geschickt mit Humor: "Ihr seid's eine kraftvolle Truppe! Ihr seid's wirklich nicht die Einfachsten der Republik!", ruft Molterer dem schlemmenden Publikum zu. Dann selbstkritisch: "Ich bin sicher nicht die Krone der Schöpfung!" Jetzt horcht alles auf. "Aber ich bin auch sicher keine Schöpfung der Krone!" Der Seitenhieb auf den roten Widersacher kommt an. Bravo-Rufe für Molterer - und endlich begeisterter Applaus.

Kein strahlender Vote-Getter

Vergnügt steuert der Parteichef seinen Generalsekretär Hannes Missethon an, der einen Molterer-Button am Revers trägt. Mit ausgestrecktem Zeigefinger deutet Molterer auf sein eigenes Konterfei, als könnte er es selbst kaum glauben: "Was ihr euch alles einfallen lasst's", staunt er.
Seit fast eineinhalb Jahrzehnten regiert Molterer das Land mit, 2007 rückte der 53-Jährige, als Bauernsohn in Oberösterreich aufgewachsen, an die Spitze der ÖVP. Der Vertraute von Ex-Kanzler Wolfgang Schüssel galt stets als spröder Sacharbeiter, der Parteikollegen eisern auf Linie hält, aber nie als strahlender Vote-Getter, der einen Wahlsieg davontragen könnte.
Auch am Ottakringer Brunnenmarkt, wo türkische Standler ihre Ware feilbieten, ist Molterer bemüht, gegen das hartnäckige Image anzukämpfen. Flink bahnt er sich einen Weg zwischen Gemüse- und Schuhsortiment, um mit Migranten zu plaudern. Freundlich begrüßt Molterer neben orangen Plastikpalmen auch traditionell verschleierte Frauen - kein Wort davon beim kurzen Smalltalk, dass seine Innenministerin gern "Kulturdelikte" bestrafen möchte.

Doch dann pflanzt sich eine "alte ÖVP-Wählerin" vor Molterer auf. "Nichts ist geschehen!", setzt die Mittvierzigerin ihm zu. "Wenn Sie die Familien zerstören, wird sich das rächen!" Die Frau nimmt es dem Finanzminister sehr übel, die 13. Familienbeihilfe nur für schulpflichtigen Nachwuchs locker zu machen. Da helfen keine Verweise auf Alfred Gusenbauers Unfähigkeit als Kanzler, die Dame erinnert Molterer ständig an seine eigenen Verpflichtungen. Der hört sich mit seiner bekannt ernsten Miene die Klagen an. Minutenlang.

Tags darauf verkündet er, nun doch für alle Kinder die 13. Beihilfe vorzusehen. Ein Wahlzuckerl nach langem Nachdenken? Vor kurzem hat sich der ÖVP-Spitzenkandidat selbst so beschrieben: "Ich trage viel mit mir selber aus." (Nina Weißensteiner, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

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    Kanzleranwärter Molterer kämpft im Wahlkampf nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen das eigene Image an.

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