Analyse: Molterer - Van der Bellen

19. September 2008, 07:02
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Tatjana Lackner, Politiker-Profilerin und Direktorin der Schule des Sprechens, analysiert für den Standard die politische Rhetorik der TV-Konfrontationen

"Wie man startet, so liegt man im Rennen". - Jedes Gespräch muss eröffnet werden. Hier war Molterer ganz Finanzminister und sparte auch später nicht mit salbungsvollen Worten: „Gott sei Dank haben wir die Pensionsreform eingeführt" oder „Asylrecht ist ein heiliges Recht." Van der Bellen begann mit Oppositions-Talk: a) Definieren lassen - wenig Interpretationsspielraum geben, b) Nachhaken und c) Kopfschütteln.

Komplexe Zusammenhänge

Die Grünen sind die Kinder der Konservativen - mehr eine Frage der Einstellung, als des Alters: 1944 ist Van der Bellen geboren, 1955 Molterer. Sicher ist: Wähler sind zu Recht beeindruckt, wenn Politiker über die außergewöhnliche Fähigkeit verfügen, komplexe Zusammenhänge bildreich verständlich zu machen. Zeitgemäße Argumentations-Struktur ist wesentlich für gelungenes Rededesign. - Drei Aspekte muss eine gute Argumentations-Kette umfassen: a) Was ist unser Status Quo? b) Mit welchen Gefahren und Widerständen müssen wir rechnen, um unser Ziel zu erreichen? c) Was konkret wird der Lohn für die Anstrengung sein?

Bei den Themen „Bildung" und „gleichgeschlechtliche Trauung" war die konsensuale Debatte auf dem Prüfstand. Van der Bellen trat wieder einmal für Homo-Ehe ein und bezeichnete diese als „axiomatisch selbstverständlich". Warum, erklärte er jedoch nicht. Molterer hingegen argumentierte hier anschaulicher und inhaltlich traditionell.

Das Kommunikations-Niveau blieb das gesamte TV-Duell hindurch hoch - Untergriffe waren selten. - Die wenigen kecken Bemerkung - meist vom grünen Bundessprecher - haben das Gesprächsklima kaum belastet: „Jetzt verstehe ich, warum es so schwer ist, mit Ihnen zu regieren!" oder „Da haben Sie uns aber mit dem LiF verwechselt."

Der Finanzminister machte klar, dass er die Grundsicherung ohne Leistungsbezug für falsch hält. Dies wurde vom grünen Bundessprecher zwar belächelt, nicht jedoch überzeugend entkräftet. Stattdessen musste sich „Fun der Bellen" - mit grimmiger Miene - grüne Positionen interpretieren lassen. Da war der Spaß bei ihm vorbei und auch die verbale Eigenständigkeit. Sein Konter - Molterers Plakat-Slogan: „Jetzt reicht's!"

Pastorale Neigung

Molterer ist hingegen kein Polterer: Er ist ein bodenständiger Politiker - einer „zum Angreifen" - so man das möchte. Die pastorale Neigung wird offenbar nicht mehr abtrainiert. Die Chance, dass es eine schwarz-grüne Koalition gibt scheint nach Meinungsumfragen ohnehin gering. - Vielleicht ein Segen, denn Politik mit so wenig Dynamik wäre ein Kreuz! (Tatjana Lackner, DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2008)

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