Sondergeschichte Österreichs

30. Juli 2009, 09:55
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Durch die Komprimierung von 125 Filmen auf DVD bietet die STANDARD-Edition "Der Österreichische Film" ein umfassend aktuelles Archiv des heimischen Kinos

"Wie nehmen ma eahm denn?" Das Handwerk des Dienstmanns ist vielleicht nicht sonderlich kompliziert, und doch bedarf es gewisser angeeigneter Kenntnisse darüber, wie man sich am besten einen Koffer auf den Rücken wuchtet und von der ebenen Erde in den dritten Stock trägt.

Der Stolz auf seine Profession, den Hans Moser in Franz Antels Komödie Hallo Dienstmann zusätzlich zu den Koffern mit sich herumträgt, war schon zu den Zeiten ein wenig altmodisch, als der Film ins Kino kam.

Wenn er nun im Kontext von 24 anderen Werken des österreichischen Kinos in der dritten Staffel der Standard-Edition wieder erscheint, dann lässt sich das als Anlass zu einem kleinen Gedankenexperiment nehmen - wohin könnte dieser widerspenstige Stolz, der sich der Moderne versagt und deswegen ein Glas auf die eigene Lebensfiktion erheben muss, weitergewandert sein? Und wo taucht der Realitätssinn auf, vor dem sich der Dienstmann Anton Lischka immer noch ins Fach der leichten Muse flüchten kann?

Sicher, es gibt einen legitimen Nachfolger in Gestalt von Roland Düringer, ein Hans Moser mit Muskeln, der in der Ferienkomödie Poppitz ähnliche Widerstände gegen das freizügige Dasein an den Tag legt wie der selige Dienstmann vom Südbahnhof. Und es gibt einen Außerdienstmann wie Hermes Phettberg, über den Kurt Palm einen Dokumentarfilm, Hermes Phettberg, Elender, gedreht hat - ein Mann, der die ganze österreichische Sondergeschichte von Sexualität und Wahrheit mit seinem Körper schon erzählt, bevor er noch das Wort ergreift.

Zwischen diesen beiden Polen hat Hans Moser sich aufgespannt, er hat immer versucht, den sexuellen Rest irgendwohin wegzuarbeiten, in den eigenen Körper hinein, aus dem dann nur noch ein verschämtes Nuscheln herausgelassen wurde.

Gepäckstücke der Identität

Interessanterweise kommen die beiden Antagonisten Düringer (der alles in einem harten Körper versteckt und häufig diesen selbst wieder hinter kuriosen Masken und Kostümen) und Phettberg (der einen weichen und bresthaften Körper zur Festung eines souveränen Intellekts macht) zu dem gleichen Ergebnis wie Moser: Sie packen ein, sie werden selbst das Gepäckstück der eigenen Identität, ein Vollkoffer, wenn dieses Wort nicht so abwertend klingen würde.

Ist das nicht auch eine Form der Prekarisierung, die der Dienstmann Lischka schon auf sich zukommen sah und deswegen zum Selbstdarsteller wurde? Erst in der Verästelung einer Edition von inzwischen 125 Filmen wird mit aller Macht erkennbar, dass der österreichische Film auch dort gut ist, wo er eigentlich schlecht ist (übernimmt man einmal die Begriffe einer überkommenen Filmkritik), und dass er von nationaler Relevanz auch dort ist, wo er mit Bedacht eine kleine Posse aus den Bezirken erzählt, aus einem aus der Zeit gefallenen Zinshaus (Ameisenstraße von Michael Glawogger) oder aus einem Etablissement, in dem es "ein wenig gemischt zugeht" (Café Elektric von Gustav Ucicky, einer von vier Meilensteinen des Kinos der Ersten Republik in dieser dritten Staffel).

Die Edition Österreichischer Film des Standard macht ihr Publikum nicht nur zu Filmhistorikern, sondern zu Historikern in einem ganz allgemeinen Sinn. Das Vergnügen und das Interesse an den Gegenständen stehen einander dabei gar nicht im Wege. Ein Genrefilm wie In 3 Tagen bist du tot von Andreas Prochaska wird in der Zukunft viel mehr über das Salzkammergut zu erzählen wissen, als die zuständigen Landesstudios des Fernsehens jemals erfahren werden.

Gleichzeit des Mediums DVD

Der zu einem modernen Klassiker gewordene Zechmeister von Angela Summereder wusste schon 1981, dass das Innviertel eine Landschaft ist, deren Geschichte aus den Ackerfurchen zu pflügen ist. Aus der Zeit heißt ein Dokumentarfilm von Harald Friedl, der in dieser Staffel ebenfalls vertreten ist. Die porträtierten Vertreter des Wiener Klein- und Einzelhandels wissen allesamt, wie sie ihren Geschäftsgegenstand zu nehmen haben, so wie Anton Lischka seinen Koffer richtig zu nehmen wusste.

Sie mögen wirken, als wären sie aus der Zeit gefallen; durch den glücklichen Zufall, dass sie nun in einem Film erscheinen, fallen sie aber wieder in die Zeit zurück, in die Gleichzeit, die in der DVD ihr erstes richtig passendes Medium gefunden hat.

In dieser Gleichzeit tauchen plötzlich tatsächlich viele Menschen auf, die irgendwie weitschichtig miteinander verwandt wirken. Und in dieser Gleichzeit des Mediums, das immer da ist, fällt auch stärker auf, wenn (und warum) sich Leute auf die Suche nach einer anderen Zeit machen, an anderen Orten (wie Nikolaus Geyrhalter, der 1996 in das ehemalige Jugoslawien fuhr, um Das Jahr nach Dayton zu erleben), in anderen Medien (wie Martina Kudlácek, die der Filmkünstlerin Maya Deren ein Porträt gewidmet hat, oder Dietmar Brehm, der seit vielen Jahren immer neue Geschichten aus der Substanz des Zelluloidfilms holt wie aus einem Bergwerk).

Die Moderne hat sich immer schon rar gemacht im österreichischen Film, deswegen sind nicht wenige hiesige Filmkünstler als Reaktion darauf zu Experten für die Globalisierung geworden.

Die dritte Staffel der Edition Österreichisches Kino prunkt zwar auch mit einem Auslands-Oscar (Die Fälscher von Stefan Ruzowitzky), sie übersieht aber nicht, dass dieses Land mit seinem Kino gern Sondergeschichten schreibt und gerade deswegen von allgemeinem Interesse ist. (Bert Rebhandl, SPEZIAL - DER STANDARD/Printausgabe, 19.09.2008)

  • Die Standard-Edition "Der Österreichische Film" schlägt die
essenzielle Brücke zwischen "großem Kino" wie Stefan Ruzowitzkys
Oscar-Meisterwerk "Die Fälscher" und kleinenFilmpoemen des
österreichischen Kinoschaffens. Zwischen bekannten Klassikern finden
sich auch Kleinode des heimischen Avantgarde- und Underground-Films.
    fotos: hoanzl

    Die Standard-Edition "Der Österreichische Film" schlägt die essenzielle Brücke zwischen "großem Kino" wie Stefan Ruzowitzkys Oscar-Meisterwerk "Die Fälscher" und kleinen
    Filmpoemen des österreichischen Kinoschaffens. Zwischen bekannten Klassikern finden sich auch Kleinode des heimischen Avantgarde- und Underground-Films.

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