Die flotte Aufsteigerin ist beinahe am Ziel

18. September 2008, 18:34
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Zipi Livni übernimmt von Ehud Olmert den Kadima-Parteivorsitz.

Zipi Livni hat einen flotten Schritt und hat es immer eilig. Darin scheint sich die Zielstrebigkeit auszudrücken, mit welcher die blonde 50-jährige, die gerne schicke Hosenanzüge trägt, von Amt zu Amt hastet. Vor neun Jahren war sie noch völlig unbekannt, als sie ihren Beruf als Rechtsanwältin aufgab, um ins Parlament zu gehen und jene "andere Politik" zu machen, von der sie im Kampf um den Vorsitz der Kadima-Partei immer wieder sprach.

Inzwischen hat Livni schon sechs verschiedene Ministerposten bekleidet, und nun hat sie Aussichten, als zweite Frau nach der legendären Golda Meir ganz an die Spitze zu kommen. Das Amt des israelischen Regierungschefs ist "in meinen Augen wirklich das schwerste der Welt", sagt Livni, sie traut sich aber zu, jenen Israelis zu dienen, die "ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder und Enkel in meine Hände legen".

Geboren wurde Livni in Tel Aviv in eine politisch aktive, rechtsnational gesinnte Familie. Als junge Frau arbeitete sie beim Geheimdienst Mossad, ihr Einsatz als "Agentin" in Paris soll aber wenig spektakulär gewesen sein. Ihre wichtigste Stütze ist ihr Mann, der Werbeunternehmer Naftali Spitzer, der sich um die zwei Söhne kümmert, Wahlveranstaltungen mitorganisiert, immer die Ruhe bewahrt, seine gestresste Frau zum Lachen bringt und jene menschliche Wärme ausstrahlt, die der immer sachlichen Livni ein bisschen fehlt. Ihr verborgenes Temperament bricht sich Bahn, wenn sie zu Hause Schlagzeug spielt.

Politisch gilt Livni als Ziehtochter des früheren Premiers Ariel Sharon. Gleichzeitig mit ihm kappte sie ihre ideologischen Wurzeln und predigte plötzlich, dass Israel Siedlungen auflösen und Territorium hergeben müsse. 2005 folgte sie Sharon sofort, als er seine Likud-Partei verließ und die Zentrumspartei Kadima aus dem Boden stampfte.

Die gewann 2006 auch prompt die Wahlen, obwohl Sharon inzwischen durch einen Schlaganfall arbeitsunfähig war. Seither war Livni die eindeutige Nummer zwei hinter Ehud Olmert, der nun wegen Korruptionsverdachts seinerseits ausgefallen ist. Manche bezweifeln, dass sie die Führungs- und Entscheidungskraft hat, um "um drei Uhr früh zu antworten, wenn das Telefon läutet", wie Verteidigungsminister Ehud Barak stichelte. Nach oben gekommen ist sie wohl vor allem einfach deswegen, weil sie als integer und geradlinig gilt - Eigenschaften, die die Israelis bei ihren letzten vier Premiers vermisst haben. (Ben Segenreich/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2008)

  • Zipi Livni übernimmt von Ehud Olmert den Kadima-Parteivorsitz
    foto: epa

    Zipi Livni übernimmt von Ehud Olmert den Kadima-Parteivorsitz

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