Faymann auf dem Platz seines Vorgängers Adler

18. September 2008, 18:13
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Der nach Parteigründer Victor Adler benannte Platz in Innerfavoriten bildete die Kulisse für einen der raren Auftritte des Kanzlerkandidaten - Längst fühlt sich hier nicht nur die SPÖ daheim

Wien - Den Viktor-Adler-Platz zu besetzen, das bedeutet: Deutungshoheit in Wiens bevölkerungsreichstem Bezirk zu besitzen. Noch bevor Favoriten eingemeindet wurde, hatte die kaiserliche Verwaltung 1871 den Platz in der Vorstadt vor der Favoritner Linie nach Prinz Eugen von Savoyen "Eugenplatz" genannt.

1919, als der Kaiser fort und Wien - insbesondere der Arbeiterbezirk im Süden - rot war, wurde der Marktplatz nach Victor Adler, dem erst wenige Monate vorher verstorbenen Gründer der österreichischen Sozialdemokratie, benannt. Das hielt keine 20 Jahre. Im Ständestaat nannte man die Fläche einfach "Platzl" und dabei blieben auch jene Wiener, die nichts mit den Nazis zu tun haben wollten: Diese hatten 1938 ihren "Märtyrer" Horst Wessel zum Namenspatron des Platzes gemacht.

Seit 1945 ist der Platz wieder sozialdemokratisch - aber das wird der SPÖ immer wieder streitig gemacht. In den letzten Jahren hat sie stets nur eine kleine fahrbare Bühne vor die Tchibo-Filiale Ecke Erlachgasse gestellt. Hier hatte ein noch gar nicht siegesgewisser Alfred Gusenbauer seinen letzten Auftritt am Tag vor der Wahl 2006.
Und hierher kam ein gänzlich zuversichtlich wirkender Werner Faymann am zehnten Tag vor dieser Wahl: "Für mich ist das ein Heimspiel" , sagt er einem Standler. Seine Frau kaufe hier mindestens einmal pro Woche ein. Und die Gemeindebauten der Umgebung kenne er auch alle von innen - er hat sie als Wohnbaustadtrat besucht.

So kann er der Pensionistin, die sich als Sozialdemokratin bekennt, kompetent Auskunft geben. Sie hat sich beklagt, dass ihre in Wien geborene Tochter nach mehreren Jahren Aufenthalt in Niederösterreich erst nach zwei Jahren eine Wiener Gemeindewohnung bekommen kann - Ausländer kämen früher dran. Es müsse eben jeder warten, nur die eigene Wohnung könnte die Dame weitergeben.

Ja, die Ausländer! Hier auf dem Markt stellen Türken einen Großteil der Standler und des Personals. Oder genauer: Vielfach sind es ehemalige Türken, die nun Österreicher sind - so wie die jungen Burschen, die mit der Kappe der sozialdemokratischen Gewerkschafter, einem fröhlichen Lächeln und einem leicht gebrochenen Deutsch "dem Werner" viel Erfolg wünschen. Es sind vielleicht 70 oder 80 solcher Jungwähler, die mit etwa doppelt so vielen Senioren das Publikum bilden.
Und dann sind noch acht Kamerateams und drei Dutzend Journalisten gekommen, um einen der raren öffentlichen Auftritte Faymanns in Wien zu dokumentieren. Der zehnte Nachfolger Victor Adlers im sozialdemokratischen Parteivorsitz versucht, in einer kurzen Rede die Basis der Arbeiterschaft zu erreichen: "Alle haben mir gesagt: Endlich stimmt ihr im Parlament für unsere Anliegen" , erzählt der Vorsitzende und bedankt sich bei den Gewerkschaftern.

Unterstützung durch die AK

Dass die SPÖ in Umfragen vorn liegt, sei "gelungen, weil die Gewerkschafter, weil die Betriebsräte die letzten Wochen für uns genutzt haben. Es war die Arbeiterkammer, die uns unterstützt hat, wenn es um die Senkung der Mehrwertsteuer geht" , sagte Faymann, der von SP-Landesparteisekretär Harry Kopietz bereits als "zukünftiger Bundeskanzler" vorgestellt wurde. Ohne die SPÖ dürfe keine Regierung gebildet werden - und mit der SPÖ würden die Preise gesenkt, versprach der Kandidat.

Er ist nicht der einzige, der hier wahlkämpft: Vergangenen Samstag konnte die sozialdemokratisch geführte Bezirksvertretung nur mit einem beschleunigten Genehmigungsverfahren für eine SPÖ-Veranstaltung verhindern, dass sich die ÖVP wie jeden September einen Tag lang auf dem Platz breitmachen konnte. Und am 26. September ist H.-C. Strache angesagt - und mit ihm mehr als 1000 Fans.(Conrad Seidl, DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2008)

  • Kameras, Journalisten, ein Kandiat und eine potenzielle Wählerin: Werner Faymann in Favoriten.
    foto: standard/cremer

    Kameras, Journalisten, ein Kandiat und eine potenzielle Wählerin: Werner Faymann in Favoriten.

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