Galgenhumor vor Labour-Treffen in Manchester

18. September 2008, 18:05
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Viele Mitglieder der britischen Regierungspartei wenden sich von Premier Gordon Brown ab

Bei Gesprächen mit Anhängern der regierenden Labour-Party begegnet man dieser Tage bestem britischem Galgenhumor. Auf dem alljährlichen Herbst-Treffen, das am Samstag in Manchester beginnt, könne der Parteichef und Premier "eine neue Bergpredigt halten und anschließend die Speisung der 5000 wiederholen, ohne dass es jemandem besonders auffällt" , sagt ein Anhänger Gordon Browns. Der Abgeordnete Greg Pope weiß auch, warum: "Die Leute haben aufgehört, Gordon zuzuhören."

Vor zwei Jahren spekulierte die politische Klasse auf der Insel darüber, wann der langjährige Schatzkanzler endlich von Tony Blair die Schlüssel zur Downing Street Nummer Zehn übernehmen würde. Vor Jahresfrist, auf Browns erstem Parteitag als Regierungschef, drehte sich alles um den Termin der geplanten vorgezogenen Unterhaus-Wahlen. Diesmal lautet das inoffizielle Motto: Wie lang hält Brown noch durch?

Nicht einmal treue Anhänger des Schotten wollen darauf wetten, dass Brown es bis zur nächsten Wahl schafft, die spätestens im Frühjahr 2010 ansteht. "Wir müssen Zuversicht zeigen" , beschwört Sunder Katwala, Generalsekretär des Labour-Thinktanks Fabians - dabei zeigen die Fabians-Broschüren zum Parteitag eine Uhr, deren Zifferblatt auf drei Minuten vor zwölf steht. "Wir haben noch Zeit" , steht als Motto darunter: britischer Galgenhumor.

In Umfragen liegen die Konservativen unter Oppositionsführer David Cameron um bis zu 20 Punkte vor der Regierungspartei. Vergangene Woche veröffentlichte das normalerweise zuverlässige YouGov-Institut neue Zahlen aus Wahlkreisen mit knapper Mehrheit. Umgerechnet auf die spätestens im Frühjahr 2010 anstehende Unterhauswahl bedeuten sie: Die Labour-Fraktion würde von derzeit 349 auf höchstens 200 Mitglieder dezimiert werden, Cameron die Wahl gewinnen.
Schon wenden sich Lobby-Organisationen und Firmen von Labour ab. Die bekannte PR-Agentur Bell Pottinger veranstaltet in Manchester zum ersten Mal seit mehr als einem Jahrzehnt keinen Champagner-Empfang. Der steigt eine Woche später, wenn in Birmingham die Tories ihr Jahrestreffen feiern.

Der Kleinmut in der Partei trieb zuletzt immer mehr Hinterbänkler zur Rebellion. Am Dienstag trat mit David Cairns erstmals ein - freilich unbedeutender - Staatssekretär zurück mit der Begründung, er habe das Vertrauen in Browns Führung verloren. Das Problem der Rebellen wie Cairns: Keiner der denkbaren Brown-Nachfolger mag sich auf ihre Seite schlagen. Außenminister David Miliband verbrachte die Tage vor dem Parteitag sogar damit, seinem Chef den Rücken zu stärken: "Ich erwarte, dass Gordon uns in die nächste Wahl führt." (Sebastian Borger aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2008)

 

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