Zwei Kontinente und ein Häferl

18. September 2008, 17:43
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Die Golfer aus den USA und Europa spielen zum 37. Mal um den Ryder Cup.Trotz Heimvorteils sind die Amerikaner Außenseiter. Die Europäer streben den vierten Sieg in Folge an

Louisville - Walhall ist jene Halle, in die die gefallenen Kämpfer einziehen. Tagsüber pflegen sie ein Wildschwein zu jagen, das jeden Abend von Andhrimnir, dem Koch mit dem rußgeschwärzten Gesicht, aufs Neue zubereitet wird. Dazu wird von den Walküren Bier und Met gereicht. Walhall befindet sich in Odins Burg im Reich der Asen. Der Golfclub Valhalla, auf dessen Homepage auf die nordische Mythologie und die Seelen der Wikinger verwiesen wird, befindet sich in Louisville, Kentucky. Er ist neueren Datums, wurde von Jack Nicklaus entworfen und 1986 gegründet. Auf dem Par-71-Kurs steigt von Freitag bis Samstag das Match der Kontinente, das Spiel um den Ryder Cup. Zwölf Europäer golfen gegen zwölf US-Amerikaner im Matchplay-Format, insgesamt gibt es 28 Spiele (Erläuterung rechts). Das Häferl wurde 1927 von Samuel Ryder gestiftet, einem englischen Samenhändler. Dessen Name ist nun weltberühmt. 800 Millionen Menschen, darunter der rekonvaleszente Tiger Woods, schauen sich weltweit das Turnier im Fernsehen an (Premiere überträgt live). Reich wurde Herr Ryder durch die Idee, Samen in kleinen Packerln zu vetreiben.

Geschichte ...

Ursprünglich wurde das Match im Zweijahresrhythmus zwischen den USA und Großbritannien ausgetragen. Die Amerikaner waren aber bald derart überlegen, dass sie mit drei Ausnahmen (1929, 1933, 1957) sämtliche Duelle bis 1971 gewannen. Also verstärkten sich die Briten ab 1973 mit irischen Golfern, was freilich auch nichts nützte. Seit 1979 sind Spieler aus ganz Europa zugelassen. Und in jüngerer Zeit dominieren die Golfer vom alten Kontinent. Zuletzt gewannen sie dreimal en suite, 2004 und 2006 überlegen mit 18,5:9,5. Dem Titelverteidiger reicht wie beim Boxen ein Remis, um den Cup weitere zwei Jahre behalten zu können. Dass das Match der Kontinente nicht wie früher in den ungeraden Jahren ausgetragen wurde, liegt an den Terroranschlägen 2001 in den USA. Damals wurde es, wie in den Kriegsjahren 1939 bis '45, abgesagt. Und seit 2002 wird es in den geraden Jahren abgehalten.

... und Taktik

Beim Ryder Cup spielt die Taktik eine große Rolle. Denn die Kapitäne bestimmen jeweils die Reihenfolge im Einzel und die Zusammensetzung der Zweierteams. In Louisville sind Paul Azinger (USA) und Nick Faldo (Europa) zuständig. "Paul kann mich jederzeit anrufen. Wenn ich irgendwie helfen kann, tue ich das gerne" , sagt Tiger Woods, für den die Saison nach einer Knieoperation vorbei ist. Dabei hat der Tiger nie ein Hehl daraus gemacht, dass ihm dieser Wettkampf nicht besonders zusagt. Die Bilanz des weltbesten Golfers bei den diesbezüglichen Auftritten ist negativ, zehn Siegen stehen 22 Niederlagen gegenüber.
Seine Kollegen geben sich kämpferisch. Kenny Perry (48), dreifacher Saisonsieger und in der Nähe von Louisville aufgewachsen, spricht vom Höhepunkt seiner Karriere. "In Kentucky werde ich nun entweder Held oder Versager sein." In jüngerer Zeit hatten sich jedoch viele Versprechen als Lippenbekenntnisse entpuppt. Die US-Individualisten schafften es im Gegensatz zu den Europäern nie, zu einer verschworenen Gemeinschaft zusammenzuwachsen. In Erinnerung ist 2004, als US-Kapitän Hal Sutton die alles andere als gut befreundeten Stars Woods und Phil Mickelson zu einem Zweierteam zusammenspannte. Der Versuch endete im Fiasko. Azinger nahm sich das Recht heraus, vier der zwölf Spieler mit einer Wild-Card (Captain's pick) zu bestimmen. Drei der vier Wild Cards vergab er an die Neulinge J.B. Holmes, Hunter Mahan und Steve Stricker. Sechs Rookies stehen im US-Team, so viele wie seit 1979 nicht.

Faldo, als Spieler elffacher Ryder-Cup-Teilnehmer, händigte die zwei Wild Cards seinen englischen Landsleuten Paul Casey und Ian Poulter aus und entschied sich gegen den Schotten Colin Montgomerie, der seit 1991 kein Ryder-Cup-Einzel verloren hat. Doch auch mit vier Neulingen, dem Dänen Sören Hansen, dem Nordiren Graeme McDowell sowie den Engländern Justin Rose und Oliver Wilson, stellen die Europäer das routiniertere Team. Sie bringen die Erfahrung aus 85 Ryder-Cup-Partien mit, die US-Golfer 69. Und erstmals weisen die Europäer auch in der Summe der Weltranglisten-Positionen den besseren Wert auf (266 zu 297).
Europas größter Trumpf ist jedoch der im Matchplay besonders gefragte Kampfgeist. Symbol- und Leaderfigur zugleich ist Sergio Garcia. Die Ryder-Cup-Bilanz des 28-jährigen Spaniers ist mit 14 Siegen und vier Niederlagen phänomenal. In Abwesenheit von Woods ist der Ire Padraig Harrington als Sieger der bisher letzten zwei Major-Turniere (British Open, US-PGA- Championship) der aktuell Erfolgreichste in Valhalla. (bez, APA - DER STANDARD PRINTAUSGABE 19.9. 2008)

 

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    Europa (Kapitän Nick Faldo) darf das Häferl behalten, wenn es gegen die USA (Kapitän Paul Azinger) remis spielt.

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