Rütteln am Sprachgerüst

18. September 2008, 17:38
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Sabine Folie widmet sich bei ihrem Auftakt in der Generali Foundation der "Bild gewordenen Schrift" und erweitert die Sammlung um Marcel Broodthaers

Wien - Inzwischen habe man sich an die Zusammenlegung der Ressourcen gewöhnt, stellt Sabine Folie gleich zu Beginn klar. Die Diskussionen waren wohl enden wollend. Im Haus, dessen Leiterin Folie nunmehr seit Februar ist, dessen Räume sich aber nun zwei Foundations (Generali und Bawag) teilen, scheint Ruhe eingekehrt.

Einer meditativen Ruhe - nach dem großen Rumms auf der Wieden - entbehrt auch das Thema dieser ersten, freilich auch inhaltlich zukunftsweisenden Ausstellung nicht. Un coup de dés (Ein Würfelwurf) wirkt, als hätte man im Brodeln der Veränderung an unumstößlichen Konstanten, jahrtausendealten sprachlichen Codes festgehalten: gedruckte Schrift und ihre wahrhaftigen, unbefleckten Moleküle - die Buchstaben.

"Der allein stehende Buchstabe ist unschuldig: Die Schuld, die Vergehen beginnen, sobald man Buchstaben aneinanderreiht, um Wörter aus ihnen zu machen", beschreibt es Roland Barthes 1970. Ein wunderbares Zitat, das Folie zu Beginn ihres ABC der nachdenklichen Sprache stellt und damit perfekt das Rütteln an den Konventionen sprachlicher Gerüste einleitet: Marcel Broodthaers und die Vertreter einer Poesie der Avantgarde nutzen dieses subversive und dekonstruktivierende Potenzial von Sprache.

Paradoxe Hommage

Bei Broodthaers findet sich der zweite Ausgangspunkt für einen Parcours durch Un coup de dés. So titelte nicht nur Stéphane Mallarmés Gedicht von 1897, sondern auch Broodthaers Hommage (1969) an die Arbeit des symbolistischen Dichters, der neben Rimbaud und Baudelaire als einer der wichtigsten Wegbereiter der modernen Lyrik gilt. Broodthaers verehrt ihn als "Begründer der zeitgenössischen Kunst", sieht Leonardo da Vincis Trattato della Pintura abgelöst. Das Wort, die Idee und die sie definierende Sprache treten nun an die Stelle der bisher allzu bedeutungsvollen plastischen Gestaltung.

Dass Broodthaers Hommage allerdings ziemlich paradox ausgefallen ist, illustriert der Essay von Jacques Rancière im Katalog sehr anschaulich. Die bewunderte Fähigkeit der Wörter, Räume zu erzeugen, illustriert er, indem er den Text auslöscht. Mallarmés variierende Zeilenhöhen und Schriftbilder sind nur noch als Rhythmus schwarzer, rechteckiger Balken zu lesen. Das nicht greifbare Antiplastische der Sprache wird visualisiert als - plastisches - Zeichen. Gedicht wird Bild.

Na ja, die höchsten Gipfel der Ausstellung zu erklimmen birgt eine gewisse Mühsal, aber die Ausblicke am Weg - etwa auf Arbeiten von Ian Wallis oder Joëlle Tuerlinckx - entschädigen für erlittene Strapazen. Ein kleiner Sprung ist es etwa von Mallarmé und Broodthaers zu Gerhard Rühm: Bedauerte Mallarmé einst, dass Zeitungen mehr Platz im Alltag der Menschen einnehmen als die Poesie, so führt Rühm die Poesie konkret aufs Zeitungspapier zurück. Seine geschwärzten Zeitungsseiten ließen nur das Wörtchen "und" übrig.

In der dadaistisch aufgewirbelten Ursuppe des Abc lässt Broodthaers auch seine Wörter-Fische (Les Poissons, 1975) schwimmen. Eine Arbeit, die nicht zu den rund 70 Prozent gehört, die Folie für die Sammlung erwerben konnte, um ihr wichtige Lücken der Konzeptkunst (neben Broodthaers etwa Lothar Baumgarten und Ulrike Grossarth) zu schließen. Mit rund 500.000 Euro schwimmt diese private Leihgabe in einem Teich, in dem die Generali Foundation trotz einer kleinen Aufstockung des Ankaufsbudgets auch zukünftig nicht fischen kann. (Anne Katrin Feßler, DER STANDARD/Printausgabe, 19.09.2008)

Bis 23.11.

  • Marcel Broodthaers "ABC - ABC Image" (1974).
    foto: vbk wien 2008

    Marcel Broodthaers "ABC - ABC Image" (1974).

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